Die paar Zeilen, die Sie mir von Braunschweig geschrieben, haben mich tief erschüttert. Ja, Sie kannten das edle Gemüth der Verklärten vielleicht mehr wie viele Menschen! Sie hielt auch unendlich viel von Ihnen, und wir haben in den letzten Tagen ihres Lebens uns noch zweimal sehr umständlich von Ihnen unterhalten. Sophie liebte Sie wie eine zärtliche Mutter, wie eine treue Schwester. Sie erkannte das viele Gute, das in Ihrer Seele liegt, nur fürchtete sie in der letzten Epoche Ihres Hierseins für Sie, wie ich es auch that. Darüber sprachen wir noch viel zusammen, als Ihr letzter Brief von Aurich eintraf und ich mich entschloß, Sie zu bitten, nach Leipzig zu gehen. Sie stimmte diesem Entschlusse vollkommen bei, da sie den namenlosen Verdruß kannte, den mir und Ihnen die Besorgung der dortigen Geschäfte durch Weigel verursacht hatte.

Sie kennen die zahllosen Ursachen, die Weigel uns zu Klagen gegeben hat. Sie wollen dies Alles aber nicht urgiren. Sie wollen Weigel mit Liebe und Zartheit begegnen, denn er ist ein guter und ein edler und ein unglücklicher Mensch. Er ist nur kein Geschäftsmann, besonders in so verwickelten Verhältnissen, als die unserigen es sind .... Gegen Jeden werden Sie sagen, ohne bestimmt Weigeln anzuklagen, daß ich mich veranlaßt gefunden hätte, Jemanden, der sich ganz meinen dasigen Geschäften widmen könnte, dort zu halten .... Der Frau Hofräthin Spazier vertrauen Sie ganz. Sie wird Ihnen rathen und helfen, wo sie kann. Sie ist meine wahre Freundin.

Obwol Brockhaus so Alles that, um seinem Gehülfen die Ordnung und Besorgung der für ihn in seiner Doppelstellung als Verlags- und als Sortimentsbuchhändler besonders wichtigen Beziehungen in Leipzig zu erleichtern, und das beste Vertrauen zu ihm hatte, ging er doch schon seit dem Tode seiner Frau mit der Idee um, Amsterdam zu verlassen und sein Geschäft ganz nach Leipzig zu verlegen. Die Stadt, in der er acht Jahre an der Seite seiner Frau und von blühenden Kindern umgeben verlebt hatte, zwar nicht so glückliche und ungetrübte wie die ersten drei Jahre in Dortmund, aber in einem neuen, seinem Geiste endlich genügenden Wirkungskreise, sie war ihm jetzt für immer verleidet. Dazu kamen die schon erwähnten politischen und geschäftlichen Unannehmlichkeiten. Endlich aber sah er immer mehr ein, daß der geeignete Boden für ihn nicht eine holländische, jetzt gar französische Stadt sei, sondern daß er sein Geschäft nach Deutschland und womöglich nach Leipzig, dem Mittelpunkte des deutschen Buchhandels, verlegen müsse, um das von ihm in kühnen Umrissen angelegte Gebäude auf festem Grund aufzubauen und seine weitgehenden Plane zur Ausführung zu bringen.

Aber freilich war eine solche Uebersiedelung mit vielen Schwierigkeiten verbunden und jedenfalls erst nach und nach zu ermöglichen. Besondere Sorge machte ihm dabei die Zukunft seiner Kinder, von denen das älteste bei dem Tode der Mutter zehn Jahre, das jüngste erst wenige Wochen zählte. Sollte er sie mit nach Leipzig nehmen, während er noch nicht wußte, ob er dort selbst eine Heimat finden werde? Könnte er sie in Amsterdam lassen, allein in der fremden Stadt, wo er zwar viele Freunde, aber keine Verwandten hatte? Weder zu dem einen noch zu dem andere vermochte er sich zu entschließen. Dagegen nahm er das herzliche Anerbieten seiner dortmunder Verwandten und Freunde an, die Kinder, bis er wieder einen festen Wohnsitz gefunden, in ihren Familien aufnehmen zu wollen. Dazu kam, daß er selbst noch schwankte, ob er nicht doch lieber in seine Vaterstadt Dortmund zurückkehren als nach dem fremden Leipzig ziehen solle. Ersteres schien auch seine Frau gewünscht zu haben, wenigstens hatte er ihr noch auf dem Todtenbette versprechen müssen, die Kinder zunächst nach Dortmund zu bringen. Er schreibt darüber an den ihm befreundeten Bankier Friedrich Christian Richter in Leipzig am 2. Januar 1810 aus Amsterdam:

Morgen verreise ich von hier, um dem Willen meiner verewigten Gattin gemäß meine Kinder zum Vaterlande zurückzubringen, zu meinem noch lebenden Vater und meinem Bruder und zu den verheiratheten Geschwistern meiner Frau. Es wäre mir hier auch unmöglich gewesen, für die gute physische und moralische Erziehung derselben zu sorgen. Ich bin selbst zu zernichtet, auch fürs künftige Leben. Zu Ostern werde ich diesen Ort der Trauer auch wol ganz verlassen, mein hiesiges Geschäft verkaufen oder administriren lassen und mich bei Ihnen in Leipzig oder bei meinen Kindern in unserer guten Vaterstadt etabliren.

Es wurde ihm gewiß ebenso schwer, sich von den Kindern, die ihn ja auch fortwährend an ihre Mutter erinnerten, zu trennen, als es für diese hart war, daß sie außer der Mutter vielleicht für längere Zeit auch den Vater entbehren sollten. Indeß war es doch der einzige Ausweg, der sich ihm darbot.

Am 3. Januar 1810 trat er die traurige Reise mit seinen Kindern an, von deren treuer Pflegerin seit dem Tode der Mutter, Tante Josina, begleitet. Er wollte sie doch wenigstens selbst nach Dortmund bringen und zugleich seinen alten Vater nach so langer Trennung und nach dem schweren Verluste, den er erlitten, wiedersehen.

Nur die kleine Sophie mußte er in Amsterdam zurücklassen, da er ihr die beschwerliche Reise im Winter noch nicht zumuthen durfte; sein Freund Kaufmann Trippler und dessen Frau baten sich die Kleine aus, zumal sie selbst keine Kinder hatten, und sie blieb bei ihnen mehrere Jahre unter der sorgsamsten Pflege.

Die andern sechs Kinder wurden einzeln bei den dortmunder Verwandten, bei dem Großvater, dem Onkel Gottlieb und den Familien Beurhaus, Brökelmann, Rittershaus und Schmeemann untergebracht. Hier blieben sie mehrere Jahre unter liebevollster Behandlung, bis sie nach und nach in das neubegründete Haus des Vaters zurückkehrten.