Vor seiner Abreise nach Dortmund war es Brockhaus gelungen, an Bornträger's Stelle außer einem holländischen einen neuen deutschen Gehülfen Namens Krieger zu erhalten, der während seiner Abwesenheit wenigstens das laufende Geschäft besorgen konnte. Dieser kam aus Leipzig, wo er vor Bornträger's abermaliger Hinkunft auch schon eine Zeit lang für Brockhaus beschäftigt gewesen war, vermuthlich bei dessen Commissionär.

Mit Bornträger blieb Brockhaus fortwährend im lebhaftesten Briefwechsel und hatte die Freude, daß dessen Ankunft und erstes Auftreten in Leipzig manche Uebelstände rasch beseitigte. Namentlich war es Bornträger gelungen, die durch verschiedene Umstände gestörte Geschäftsverbindung mit dem leipziger Bankier Richter wiederherzustellen.

Schon im Herbst 1809 hatte Brockhaus ausführlich an Richter geschrieben, weil einige von ihm ausgestellte und an Richter gegebene Wechsel von den Betreffenden nicht honorirt worden waren. Dieser Brief, der wieder einen vollen Einblick in sein Inneres gewährt, lautet:

Sie werden es meinem Herzen und meinem Verstande zutrauen, wie sehr der unangenehme Vorfall, worüber ich heut Ihrer Handlung Bericht gebe, auf mich wirken muß. Obgleich persönlich und sachlich einigermaßen entschuldigt durch die Lage der Sache, worüber die eingelegten Briefe Sie unterrichtet, bin ich doch zu sehr mit der über solche Punkte eingeführten Delikatesse bekannt, um nicht vollkommen den schmerzlichen und unangenehmen Eindruck vorherzusehen, den dieser Vorfall auf Sie als Kaufmann machen wird und machen muß. Ich sehe dies Alles so sehr ein, daß ich kein Wort in dieser Hinsicht an Sie adressiren will, um es zu versuchen, diesen Eindruck zu schwächen. Ich weiß es, es gibt darin keine Rechtfertigung! Ich kenne die Strenge der kaufmännischen Ansicht darin in ihrem ganzen Umfang! Ich muß es zufrieden sein, wenn Sie mir Ihr Zutrauen augenblicklich ganz und rein entziehen, gleich alle Verbindung mit mir aufheben.

Ich wende mich also auch nicht an Sie als Kaufmann. Ich wende mich an Sie als Mensch! An den Menschen adressire ich mich alleine!

Ich bin ein ehrlicher, ein rechtlicher Mann! Ich werde Sie, Herr Richter, nie täuschen! Ich habe ein Capital von circa .... Gulden in meinem Geschäfte. Ich habe keine fremden Fonds darin. Alles ist mein Eigenthum. Nur die jetzigen Zeiten drücken mich sehr und stark, und der deutsche Buchhandel ist in den Händen so vieler .... und .... Menschen, daß man durchaus nicht auf sie in Hinsicht auf die Fonds, die man von ihnen zu erwarten hat, rechnen kann; ihre Effronterie im Zurückhalten der Einem schuldigen Gelder ist ungeheuer. Ich habe im vorigen Jahr auf einmal über 40000 Gulden in die Ihnen größtentheils bekannten Unternehmungen gesteckt — die Unternehmungen sind sämmtlich vom Publikum gut aufgenommen worden! Ich mußte die Ostermesse einen bedeutenden Betrag nothwendig zurückerhalten. Sie wissen, wie die Ostermesse ausgefallen. Es hat mir dies um 10000 Gulden wenigstens in meiner Einnahme geschadet. Es genirt mich dies, ich gestehe es. Hier in Amsterdam gibt es überhaupt keine, durchaus keine Ressourcen. Der Einwohner steht nie mit einem Banquier auf dem Platze in einiger Verbindung. Der Cassier arbeitet nur mit größern Handlungen und er avancirt nie. Man muß hier Alles in und aus sich selbst holen! Jeden Gulden! Es ist nie in Holland ein Geschäft gewesen wie das meinige. Man vermag es gar nicht zu beurtheilen, weil man es nie gesehen hat, also nicht kennt. Man beurtheilt mich also oft falsch; — man hält mich für einen excentrischen Menschen! Ich weiß dies Alles: ich kann es nicht ändern! Ich muß die Menschen gehen lassen! Ich schließe Ihnen mein ganzes Herz auf, Herr Richter; Sie sind gewiß ein edler, vortrefflicher Mann, Sie sind ein guter Mensch! Mein Inneres sagt mir das! Ich darf und kann mich Ihnen ganz anvertrauen. Ich werde Ihr Vertrauen dadurch nicht verlieren.

Wollen Sie mir Ihr ferneres Vertrauen lassen, — ich werde, ich kann es nie misbrauchen. Wollen Sie mich ferner ein wenig und selbst noch etwas mehr als seither — um mich den kleinen gênes, die mich noch dies Jahr drücken, zu entziehen — unterstützen, so werden Sie sich einem dankbaren Manne und einer dankbaren Familie für immer verpflichten. Kann ich Ihnen dorten eine Art von Garantie geben — über mein dortiges Lager — Lebens oder Sterbens wegen, ich bitte Sie, geben Sie mir die Idee an, wie ich es anzufangen. Es geschieht gern.

Die Zeiten werden wieder besser werden. Der vor einigen Monaten erfolgte Tod meiner Schwiegermutter bringt mir wieder neue Fonds. Ich werde mich einschränken, da ich jetzt schon mehr aus Erfahrung die .... Menschen, die Mehrzahl der deutschen Buchhändler, kenne!

Sie sehen, ich plaudere zu Ihnen wie zum Bruder, wie zum jahrelangen Freunde! Möchten Sie mir der letztere werden!

Leben Sie wohl! Ich erbitte mir auf diesen Brief einige Zeilen Antwort, ebenso offen, wie es die meinigen gewesen sind!

Infolge dieses Briefs scheint Richter schon damals die Geschäftsverbindung mit Brockhaus wieder aufgenommen zu haben. Jetzt, bei Bornträger's Uebersiedelung nach Leipzig, bedurfte Brockhaus der Vermittelung und des Vertrauens Richter's noch mehr als früher. Er schrieb ihm deshalb am 2. Januar 1810 folgenden, sein Innerstes enthüllenden Brief:

Ich habe Ihnen mit voriger Post 1100 Mark Bco. remittirt auf Fr. Perthes in Hamburg. Hiermit gleichen sich ohngefähr jene beiden unglücklichen Posten von 500 Fl. aus. Ich werde Ihnen weiter von Monat zu Monat verhältnißmäßige Rimessen machen. Seien Sie ganz und unbedingt ruhig! Ich habe kaufmännisch gegen Sie sehr gefehlt, moralisch — nicht! Ich will gegen Sie keine Exposition davon machen; ich bin zu routinirt in Geschäften, um nicht den ganzen Umfang meiner Abweichungen — wenn auch gezwungen, doch immer Abweichungen — zu fühlen und in Klarheit zu erkennen. Ich will auch eine Entschuldigung nicht einmal versuchen! Ich könnte Vieles, vielleicht sehr Vieles und gar Genügendes zu meiner moralischen Entschuldigung vorbringen. Ich thue es aber nicht! Ich schweige. Nur das sage ich, und das darf ich sagen: Seien Sie ganz ruhig. Nur das Gedränge drückender, zu leicht eingegangener Engagements; nur unverzeihliche Vernachlässigung dort in Besorgung mancher bedeutenden Geschäfte und Verrichtungen, wodurch ich mich veranlaßt gefunden habe, selbst jetzt mitten im Winter einen Commis von hier nach dort zu senden; nur nicht zu gebieten gewesene Täuschung über den Eingang erwarteter und nicht eingegangener Fonds; endlich die Krankheit und zuletzt der Tod einer geliebten, angebeteten Gattin und die daraus resultirte Zerstörung meines Denk- und Ordnungsvermögens — in diesen Grundzügen müßte ich meine Entschuldigung suchen.

Ich erkenne aber in voller Klarheit, daß ich keine Entschuldigung, aus blos kaufmännischem Gesichtspunkte betrachtet, gegen Sie habe. Ich verdamme mich darin selbst unbedingt.

Nur das sage ich und das darf ich sagen: Seien Sie vollkommen ruhig. Sie sind ein edler Mensch. Ich bin Ihrer Achtung und Werthschätzung nicht unwerth. Es ist eine reine Unmöglichkeit, für mich individuell und aus meiner ganzen Geschäftslage betrachtet, daß Sie je einen Thaler an mich verlieren könnten. Wäre es mir möglich, den Gedanken darüber zu fassen, ich würde Ihnen nie einen Wunsch weiter mittheilen.

Handlungen müssen hier aber entscheiden. Ich erkenne das. Meine erste sei, daß ich Ihnen, noch nicht außer dem Gedränge kleiner Verlegenheiten, die aber sich zusammenwickelnd nicht ohne Bedeutung sind, aber befreit von unmittelbaren Engagements, meine erste freie Disposition widme, die ich habe erübrigen können: die 1100 Mark Bco. per Hamburg. Ob Sie in diesem Zuge mich und meine Gesinnungen errathen werden, muß ich erwarten. Ich erwarte es mit Resignation.

Das hohe Vertrauen, das ich zu Ihnen als Mensch habe, erlaubt es mir, Sie zu bitten, mich unerachtet aller stattgehabten Störungen dennoch nicht ganz zu verlassen .... Ich habe, debarrassirt von meinen drückenden Verbindlichkeiten, die Aussicht, im Laufe der nächsten Monate aus meinem Sortimentsgeschäfte (worin alles auf Jahresrechnung geht) bedeutende Summen einzunehmen. Ich habe keine einzige schlechte Unternehmung gemacht. Ich bin nicht ohne eigene und nicht unbedeutende Fonds. Ich bin ein häuslicher, ordentlicher, guter Mensch — das darf ich ja wol Alles sagen, ohne daß ich in den Schein von Ruhmredigkeit falle. Darum sage ich es Ihnen, zu dem ich reines und großes moralisches Vertrauen habe.

Dieser Brief sei aber auch nur Ihnen geschrieben. Außer Ihnen muß ihn Niemand sehen. Nur Sie werden mir ihn nachfühlen.

Sie werden mir keine Vorwürfe machen über das Vergangene. Ich mache sie mir selbst. Haben Sie die Güte, mich Ihres Vertrauens nicht ganz unwerth zu finden. Ich darf es ja wol sagen, daß ich nicht glaube, desselben unwerth zu sein im Innern ....

Hier folgt die bereits früher mitgetheilte Stelle über seine Absicht, nach Dortmund zu reisen, um die Kinder dort erziehen zu lassen. Der Brief schließt dann: