Daß ich Ihnen das Alles sage?
Ich weiß selbst nicht oder kaum, wie ich dazu komme! Nur das erkenne und weiß ich, daß ich mich einem edlen und wackern Biedermanne anvertraue.
Ob Sie in meine vues, die Geschäfte betreffend, eingehen oder nicht, ist von meinem Urtheile und meiner Empfindung über Sie ganz unabhängig.
Leben Sie wohl. Ich bin Ihnen mit ganzer Seele zugethan.
(Nachschrift.) Alle Geschäfte und Transactionen, die Herr Schmidt macht, sind verbindlich, da er mit vollkommener gerichtlicher Vollmacht versehen ist.
An Bornträger schrieb Brockhaus gleichzeitig:
Herr Richter ist ein höchst rechtlicher und wackerer Mann, auch ein Freund von Literatur u. s. w., und es hängt unendlich viel davon ab, sich mit ihm wieder zu einigen. Ich werde auch alles Mögliche thun, um dies zu bewerkstelligen, und verzweifle ich keineswegs an dem Erfolg davon, da ich die innere Ueberzeugung habe, sein Zutrauen wie das Zutrauen jedes rechtlichen Mannes vollkommen zu verdienen.
Besuchen Sie ihn in einer ruhigen Stunde in seinem Hause, sprechen Sie mit Besonnenheit und Zuversicht. Deuten Sie auf die Stockungen und Verwirrungen, ohne irgend Jemanden anzuklagen. Versichern Sie ihn meiner unbegrenzten Ergebenheit und meines besten Willens, auch meiner vollkommenen Kräfte. Sagen Sie etwas von dem verhängnißvollen Schicksal, das jetzt auf mir ruht und mich zerschmettert hat. Seien Sie in Allem wahr und ernst und bieder. Sprechen Sie zu meinem Besten, aber mit Bescheidenheit.
Die Antworten Richter's auf obige Briefe sind nicht erhalten, aber jedenfalls lautete auch die auf den zweiten befriedigend, da Brockhaus unmittelbar darauf wie auch später geschäftlich und freundschaftlich mit ihm verkehrte.
Der Aufenthalt in Dortmund währte länger, als Brockhaus erwartete, ungefähr einen Monat, bis Anfang Februar 1810. Die Ausgleichung alter verwickelter Familienverhältnisse nahm viel Zeit in Anspruch, und außerdem verfaßte er hier die Appellation gegen das erste Urtel im Hiltrop'schen Processe, obwol sie vom 28. Februar dieses Jahres aus Amsterdam datirt ist.
Noch in Dortmund erhielt er die ersten günstigern Berichte von Bornträger aus Leipzig. Er antwortet ihm am 21. Januar:
Es freut mich, daß Sie durch ein männliches, ruhiges und gesetztes Betragen schon Manches ins Gleiche gebracht haben. Es wird sich alles Weitere geben, wenn nur einmal alle Verhältnisse zwischen dort und Amsterdam ganz ineinander greifen, die Bücher in Ordnung sind und wir uns so bemühen können, unsere ausstehenden Gelder beizutreiben, als man uns, wenn wir schuldig sind, damit auf der Haut sitzt.
Ob ich gleich in diesem Jahre gewiß noch viel zu kämpfen haben werde, so ist von der andern Seite in diesem Jahre auch viel zu hoffen. Es kommt hinzu, daß, so unglücklich ich auch als Mensch durch den unersetzlichen Verlust meiner guten Sophie geworden bin, ich durch die neuen Verhältnisse, worein ich dadurch getreten, von den beinahe unerschwinglichen Kosten, womit mein Etat in Amsterdam verknüpft wurde, befreit worden bin. Ich werde allerdings in meinen Verlagsunternehmungen mich um so mehr auch einschränken können, da ich gegenwärtig nur wenig bedarf und es meine feste Absicht ist, für die Zukunft mir ein ruhigeres Leben zu erringen.
Sie, guter Bornträger, gehören mit in meinen künftigen Lebensplan. Entwickeln Sie die guten Anlagen, die zum Theil nur noch als Keime in Ihnen liegen. Zerstören Sie das Feindselige, was gegen das Gute in Ihnen kämpft, und gewöhnen Sie sich insbesondere an Manches, was besonders in diesem Fache allein den guten Geschäftsmann im Praktischen macht: an Besonnenheit, Ruhe und die pünktlichste Ordnung in den Arbeiten. Krieger ist in diesen drei Punkten wirklich ein Ideal. Auch ist er es in Rücksicht der Thätigkeit, da er keine Arbeitszeit oder Stunde kennt, sondern nur fragt: was ist noch zu thun?
Weiter spricht er darüber, wie er sich seine künftige Einrichtung in Leipzig denke; seine Ansprüche waren sehr bescheiden:
Ein Gewölbe wie jetzt bedürfen wir nicht. Es ist unbequem, feucht, fatal zum Arbeiten; es ist unmöglich, darin ein ordentliches Comptoir zu halten; es ist dazu theuer. Wir bedürfen nur eines geräumigen Zimmers in einer ersten Etage, das man heizen kann allenfalls und welches man mit Regalen versehen läßt. Es muß darin Raum genug sein, um 20 Exemplare von jedem Verlagsartikel zur Hand zu haben, und sonst Platz, um eingehende Artikel ordnen und packen und weggehende einpacken zu können. In diesem Zimmer könnte allenfalls ein Pult gestellt werden, woran zwei Personen ordentlich arbeiten können, wenn es groß genug wäre, daß man Briefrepositorien, Platz für Bücher u. s. w. auf eine ordentliche Weise daran mit anbringen könnte. Besser wäre es aber noch, wenn ein kleines Comptoir als Nebenzimmer dabei wäre.
Außerdem wünschte ich, daß Sie und ich unmittelbar dabei schliefen und wohnten, da dies die Leichtigkeit im Arbeiten so sehr befördert; womöglich also zwei Schlafzimmer für mich und Sie, und außerdem ein Wohn- oder Besuchzimmer. Also zusammen fünf Piècen, von denen zwei was man in Leipzig Kammern nennt wol sein könnten.
Die Frage und Aufgabe wäre also: sollte dazu Gelegenheit zu finden sein und wo? Mir wäre es gleichgültig, ob es in oder außer Leipzig (etwa in Reichel's Garten) sei. Ich fühle die kleinen Inconvenienzen, die entstehen, wenn es außer der Stadt wäre, aber gewonnen würde auch wol wieder durch größere Annehmlichkeit, wahrscheinlich größere Wohlfeilheit; auch könnten manche Inconvenienzen durch Gegeneinrichtungen gehoben werden.
Meine Absicht ist durchaus nicht, ein Haus in Leipzig zu machen. Sie wissen, wie einfach und prunklos ich bin, und wie mich alles das anekelt, was auf Ostentation hinausläuft. Nur eine angenehme Existenz möchte ich mir sichern. Ich werde nicht, was man nennt, in Leipzig immer wohnen. Ich werde viel da sein; aber auch hier bei meinen Kindern, Geschwistern und Jugendfreunden werde ich zu Zeiten sein. Ich muß auch in Amsterdam ein paar Monate zubringen.