Beruhigen Sie sich insbesondere wegen meiner äußern Lage. Ich bin dies Jahr weniger gedrückt wie vorig Jahr und vor zwei Jahren, ob ich gleich so unendlich schwere Ausgaben gehabt und dadurch so Vieles anticipirt habe .... Demohnerachtet weiß ich vollkommen, daß es mir noch sauer werden wird, aber ich sehe doch Durchkommen und habe mehr Muth wie je, besonders da Sie jetzt dort sind.
Und am 3. April schreibt er:
Ich werde alle meine Kräfte aufbieten, um Sieger zu bleiben. Vieles ist verloren. Aber nicht Alles. Durch Besonnenheit und Muth wird sich Vieles, vielleicht Alles retten lassen.
Aber nicht nur den Muth verlor er nicht, sondern bewahrte sich selbst den Humor, wie folgende Anekdote über einen spaßhaften Handel mit einem amsterdamer Antiquar oder vielmehr mit dessen Frau beweist. Er schreibt an Bornträger unterm 16. März:
Ich habe heut einen Handel gemacht, der Ihnen possirlich vorkommen wird. Gestern gehe ich, wie ich aus dem Wappen von Bern, wo ich oft esse, nach dem Museum gehen will, um die Zeitungen des Tages zu lesen, dem Bücher-Antiquar Ros in Rooseboomsteeg vorbei und bleibe wie gewöhnlich vor seinen ausgestellten Büchern stehen, um die Titel zu beschauen. Ich finde zufällig einen alten Jahrgang des historischen Calenders, der bei Haude herauskam, über Amerika, der jetzt selten ist. Ich möchte den gern haben, denke ich, er wird wol für ein Dübbelchen zu erstehen sein, und gehe hinein. »Wieviel für dat boekje (das Büchelchen)?«, frage ich. — »Vier Sestehalven.« — »Wie, vier Sestehalven? Ist sie klug?«, sage ich zu der Frau, »voor zoo een oud ding, dat al voor 20 jaar verschenen is?« (für so ein altes Ding, das schon vor 20 Jahren erschienen ist?) — Ja, unter 3 Shillings gebe sie es nicht. — Kurz, wollte ich wohl oder übel, nachdem ich wie ein Grasmäher gefeilscht hatte, einmal aus der Boutique schon weggegangen war, und der Versuch, zurückgerufen zu werden, ohne Erfolg war gemacht worden: ich mußte 15 Stüber geben. »Aber«, sage ich, wie das Geld bezahlt war, »meine liebe Frau, ich habe die 15 Stüber für dat boekje gegeben, weil es eine Seltenheit ist. Das weiß Sie nun aber nicht. Anders wäre es mir nichts werth gewesen. Wie kann Sie ein solches Ding so hartnäckig auf einem solchen Preis halten?« — Ja, sagte sie, diese »boekjens met platen« (Büchlein mit Illustrationen), die könnte sie sehr gut verkaufen, und die fänden immer ihre Liebhaber. — Hm, denke ich, dann könntest du ja den Ueberschuß der »Urania« trefflich gebrauchen, welcher deinem Auge sonst doch Verdruß genug sein wird. Ich theile ihr die Idee mit, worauf sie gleich entrirt. »Aber ich habe viel«, sage ich. — »Ja, das macht nichts, en als de Heer ook een paar honderd heeft« (wenn der Herr auch ein paar hundert hat). — Ich bin wie aus den Wolken gefallen. Wo bleibt das Weib damit? Ich renne wie besessen nach Hause, hole ein hübsches in Maroquin, bringe das zur Probe und werde nun Verkäufer statt Käufer. Enfin, einen Shilling bot sie mir noch am Abend, und diesen Morgen haben wir es zu 8 Stüber hinaufgetrieben, wozu ich ihr unsern traurigen Vorrath von 223 Stück — leider sind die 160 Ex., die nach Ostfriesland gegangen sind, alle angekommen und gleich als Makulatur bei Seite gelegt worden — gegen gleich comptante Zahlung von ca. 90 Gulden.
Ich habe mich halb krank über die négociation gelacht, die wir aber unter uns halten müssen, weil, wenn es die deutschen Buchhändler erführen, daß man alte abgelebte Almanache beinahe für einen halben Gulden loswerden könne, bald alle Landstraßen damit bedeckt sein und der Handel de fond à comble verdorben sein würde. Ein Triumph meiner Phantasie würde es sein, wenn ich der Frau auch noch den leipziger Ueberschuß, der eine ganz andere Masse bilden wird, aufhängen könnte. Ich habe darauf angespielt; sie meinte aber, daß an 223 sie einstweilen (!) doch genug habe. Ich denke es auch und fürchte: für immer. Aber es ist wahr: in Amsterdam ist doch auch Alles zu verkaufen! Indessen bin ich noch mit ihr im Handel über unsern hiesigen Rest von .... (folgen einige Titel älterer Verlagswerke), worüber ich bis Dienstag Rapport haben soll. Einzelne Exemplare kauft das Weib nicht; sie macht Alles im Großen, en bloc. Original!
Infolge der geistigen Aufregung und Ueberanstrengung in dieser ganzen Zeit, wozu noch die häufigen rasch zurückgelegten Reisen kamen, wurde Brockhaus bald darauf ernstlich unwohl. Schon am 24. März sagt er, daß er sich seit kurzem gar nicht wohl fühle, keine Eßlust habe und beständig ein kleines Fieber mit sich herumschleppe. Eine Folge dieses Uebelbefindens und seiner Erregung ist es wol, wenn er weiter schreibt, er habe in Erwartung eines Berichts von Bornträger mehrere Tage nicht schlafen können, und in Bezug auf einige unberechtigte Forderungen von Schriftstellern hinzufügt:
Ich bin keineswegs geneigt, diesen Leuten einen Schritt zu weichen. Göschen zeigte mir einmal ein dickes Convolut Papiere: »Dieses enthält Documente zur Schande der Menschheit«, sagte er; »es sind die Verhandlungen mit unsern berühmten Autoren.«
Lange wehrte er sich gegen die Krankheit, ohne sich zu schonen; so fuhr er einmal in einer Nacht nach Leyden und kehrte in der nächsten Nacht nach Amsterdam zurück, um schon einige Tage darauf in ähnlicher Weise nach Rotterdam und zurück zu reisen. Endlich aber mußte er sich doch darein ergeben, seine Thätigkeit zu unterbrechen und sich zu pflegen. Die Krankheit stellte sich als Gelenkrheumatismus und Gicht heraus. Sechs Wochen lang, bis Anfang Mai, wurde er davon geplagt, und mußte also so lange die Abreise nach Leipzig verschieben, obwol seine Anwesenheit dort besonders während der Messe so nothwendig war. Während dieser Zeit erhielt er auch aus Dortmund die Trauerkunde vom Tode seines jüngsten, noch nicht ganz drei Jahre alten Sohnes Max, des Pathen Baggesen's.
Am 10. April schreibt er an Bornträger:
Ich habe von meinem Rheumatism einen solchen fürchterlichen Rückfall bekommen, daß ich seit Sonnabend, wo ich Ihnen schrieb, nicht aus dem Hause gewesen bin und fast immer das Bett gehütet habe. Auch diese Zeilen schreibe ich Ihnen aus dem Bette, und habe ich in diesen Tagen nicht anders als durch Dictiren arbeiten können. Ich habe sehr heftige Schmerzen in den Muskeln des Halses und des Kreuzes, sodaß ich leider weder gut liegen noch irgendeine ruhige Stellung annehmen kann. Es ist mir erstaunlich fatal, wie Sie denken können. Indessen hoffe ich doch, daß durch Ruhe und Wärme sich Alles bald geben wird .... Mich fatiguirt das Schreiben außerordentlich und ich schließe daher in Eile.