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Beziehungen zur Hofräthin Spazier.

Als Brockhaus am 18. September 1810 Altenburg zum ersten male betrat, geschah dies in Begleitung einer Freundin, an die er sich seit dem Tode seiner Frau mehr und mehr angeschlossen, die während der letzten vier Monate in Leipzig seine treue Beratherin gewesen war und ihn auch in der Stunde der Gefahr nicht verließ. Es war dies die Hofräthin Spazier, die bald seine erklärte Braut werden sollte.


Minna Spazier, mit ihrem vollen Vornamen Johanne Karoline Wilhelmine und nach ihrem zweiten Manne gewöhnlich Uthe-Spazier genannt, von der wir bisher meist nur als Herausgeberin des Taschenbuchs »Urania« zu sprechen hatten, lebte seit dem Tode ihres Mannes, des am 19. Januar 1805 in Leipzig verstorbenen Hofraths Dr. Karl Spazier, Herausgebers der »Zeitung für die elegante Welt«, zuerst in Neustrelitz, dann wieder in Leipzig. Sie war die zweite Tochter des Geh. Tribunalraths Mayer in Berlin und daselbst am 10. Mai 1779 (oder 1777) geboren. Ihre ältere Schwester, Karoline, war an Jean Paul Friedrich Richter in Baireuth verheirathet, die jüngere, Ernestine, die aber schon 1805 starb, an den Hofrath August Mahlmann in Leipzig, der nach dem Tode seines Schwagers Spazier die »Zeitung für die elegante Welt«, später (1810-18) zugleich die »Leipziger Zeitung« redigirte und sich auch als Dichter einen Namen gemacht hat. Mit ihren beiden Schwägern stand sie in guten Beziehungen, und wurde von ihnen auch in ihrer literarischen Thätigkeit unterstützt. Sie war Mitarbeiterin an verschiedenen Zeitschriften, gab seit 1801 das »Taschenbuch der Liebe und Freundschaft« heraus, redigirte die ersten beiden Jahrgänge (1810 und 1812) des von Brockhaus begründeten Taschenbuchs »Urania«, übersetzte die von Frau von Staël französisch herausgegebenen »Briefe, Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl von Ligne« (Leipzig 1812) und die »Briefe der Lespinasse« (2 Bände, Elberfeld 1810), die von Jean Paul günstig recensirt wurden, und gab später auch eine Sammlung von Erzählungen unter dem Titel: »Sinngrün, eine Folge romantischer Erzählungen, mit Theilnahme Jean Paul Richter's und einiger deutscher Frauen Unterstützung« (Berlin 1819) heraus. In Leipzig bewegte sie sich in den literarischen Kreisen und war namentlich mit dem als Uebersetzer bekannten Adolf Wagner (dem Onkel Richard Wagner's) und dem Dichter August Apel befreundet.

Auch mit Varnhagen von Ense und dessen Gattin Rahel war sie näher bekannt. Ersterer[39] schildert sie (1807) als »eine schriftstellernde, lebhafte, liebenswürdige, nicht gleichgültig lassende Frau« und fügt hinzu:

Sie bekannte mir ihre ganze Lage, wie ihr Witwenstand sie dazu dränge, sich irgendwo wieder anzuschließen, wie sie einige Bande leichter Neigung festzuhalten gesucht, aber noch unentschieden zwischen mehrern schwanke, die einstweilen gleicherweise von ihr begünstigt wurden; auch ich sollte diese Begünstigung erfahren und an solchem Band oder Bändchen mich gehalten fühlen, allein ich war durch so viele scharfe Geschichten abgehärtet genug, um diesmal ohne Zagen die noch schwachen Fäden gleich wieder abzureißen, obgleich mehr gebunden war und zerrissen wurde, als ich damals ahndete und nachher glauben wollte.

Außer durch reichen Geist und Liebenswürdigkeit war sie auch durch hervorragende Schönheit ausgezeichnet.

Brockhaus hatte sie schon im Herbste 1808, als er Leipzig zum ersten male als Buchhändler besuchte, kennen gelernt und, wie es scheint, schon damals mit ihr wegen Herausgabe der »Urania« verhandelt. In einem von ihm an Bornträger in Leipzig gerichteten Briefe aus Amsterdam vom 27. Februar 1809 finden wir sie zum ersten male erwähnt. Während der Ostermesse 1809 verkehrte er viel mit ihr in Leipzig wegen der »Urania«. Als Bornträger im Spätherbst 1809 wieder nach Leipzig reist, schickt Brockhaus wichtige Geschäftsbriefe statt an seinen bisherigen dortigen Commissionär Weigel an seine »Freundin«, die Hofräthin Spazier, und weist Bornträger an, die Briefe bei ihr in Empfang zu nehmen. Der betreffende Brief an Bornträger ist am 30. November 1809, also kurz vor dem (am 8. December) erfolgten Tode seiner Frau geschrieben, und bald nach diesem, in den früher von uns erwähnten Briefen vom 19. und 23. December, nennt er sie seine »wahre Freundin«, der Bornträger ganz vertrauen könne, und fordert ihn auf, in Leipzig zunächst Niemand als sie zu besuchen.

Bornträger scheint ihr indeß doch nicht so vollständig wie Brockhaus vertraut und diesen selbst vor ihr gewarnt zu haben, namentlich wol unter Hinweisung auf ihren, auch von Varnhagen erwähnten vertrauten Verkehr mit Andern. Darauf bezieht sich folgende Antwort von Brockhaus in einem Briefe vom 21. Januar 1810: