Ich habe noch ein Wort im Vertrauen mit Ihnen zu sprechen über mein Verhältniß zur Hofräthin. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß dies Verhältniß sehr innig sein müsse. Dies ist es. Ich glaube an ihr eine treue und edle Freundin zu haben im ganzen Umfange des Worts. Ich bin von Weibern und Männern in der Welt oft getäuscht worden, ich glaube nicht, daß sie mich täuschen wird. Ich weiß es, daß ihr, wie fast Jedem widerfährt, der sich von der Landstraße des Gemeinen entfernt, vom geschwätzigen Publikum vieles Ueble nachgesagt wird oder ist nachgesagt worden, und ich glaube selbst, daß Manches davon nicht ungegründet sein mag. Mich kümmert das aber nicht. Ich werfe darum keinen Stein auf sie, sondern frage nur: ist sie dir als treue und biedere Freundin getreu? Ist und bleibt sie das, so kümmert mich nichts weiter.
Ihre Sorge, guter Bornträger, sei nur, dieses zu beobachten. Finden Sie dies nach Ihrem unbefangenen Sinne bestätigt, so vertrauen Sie ihr, wie ich ihr vertraut habe und noch vertraue. Finden Sie es aber nur nach Ihrer Ansicht anders, so überlasse ich Ihnen, wie Sie handeln wollen, und mache Ihnen nur das zur Pflicht, mich nicht eher von Ihren Gegenideen zu unterhalten, bis Sie eine wenigstens relative Art von Gewißheit über diese Ansichten möchten erworben haben.
Noch füge ich hinzu, daß mein Verhältniß zur Hofräthin in Zukunft nie einen andern Charakter erhalten kann, als den es jetzt hat.
Nach diesem Briefe dachte Brockhaus damals gewiß noch nicht daran, Frau Spazier zu heirathen. Noch deutlicher geht dies aus einem folgenden Briefe vom 16. März hervor, in dem es heißt: Er beabsichtige in Leipzig wieder eine kleine Haushaltung anzufangen und zwei seiner (eben in Dortmund untergebrachten) Kinder abwechselnd um sich zu haben, wozu er eine Haushälterin suche, die gebildet genug sei, auch das häusliche Leben etwas erheitern zu können; heirathen werde er nicht wieder, aus Gemüths- und aus Verstandesgründen.
In einem der nächsten Briefe freut er sich, Bornträger melden zu können, daß die Hofräthin auch ihn, der mit ihr so viel zu verkehren hatte, liebgewonnen habe. Freilich findet sich auch einmal ein Zeichen von Mistrauen gegen sie, indem er unterm 1. Mai 1810 schreibt:
Die Entschuldigung der Hofräthin gegen Varnhagen war nicht edel, und nur eigene drückende Verlegenheit kann sie dafür entschuldigen in etwas. Ich vertraue auf die Hofräthin viel, ob zu viel, wird die Zeit würdigen.
Seit seiner bald nach diesem Briefe in den ersten Tagen des Mai erfolgten Ankunft in Leipzig trat er allerdings in ein näheres Verhältniß zu ihr; aus dieser Zeit, bis zu der Anfang August erfolgten Abreise Bornträger's nach Amsterdam, fehlt indeß jede intimere Correspondenz, die darüber Aufschluß geben könnte. Jedenfalls war er bald darauf fest entschlossen, sie zu heirathen. Schon in dem ersten an Bornträger nach Amsterdam gerichteten Briefe vom 7. August heißt es: »Minna und ich werden Ihnen ewig danken, wenn Sie dort mit Mannessinn handeln«; am 11. August schreibt er: »Sobald wir hier einigermaßen rangirt sind, reisen wir bestimmt nach Berlin« (wo ihr Vater wohnte), und trägt Bornträger auf, aus den Musikvorräthen des amsterdamer Sortimentsgeschäfts zu schicken »was für Minna's Studien paßt«, besonders Guitarrenmusik; am 25. August endlich sagt er: »Von Berlin haben wir von Minna's Vater sehr angenehme Nachrichten jetzt, und wir wünschten nun bald hinreisen zu können.«
Bornträger machte den Versuch, ihn von der Heirath, der er von Anfang an entgegen war, abzuhalten, und wählte dazu ein Mittel, das er bei dem ihm wohlbekannten edeln Charakter seines Principals für das wirksamste halten mochte.
Er schrieb ihm in einem Briefe (dessen Concept uns jedoch nur vorliegt):
Nun noch eine Bitte, die nicht mich betrifft, die ich aber auf die Gefahr, Sie zu erzürnen, wage, die Sie aber lesen müssen.
Niemand kann den Werth der Frau, die Sie an Ihr Leben und Ihr Schicksal fesseln wollen, besser erkennen als Sie, und Niemand kann den Stand Ihrer eigenen Geschäfte wieder besser kennen als Sie. Seien Sie einmal ehrlich gegen sich selbst und thun Sie nicht eher einen Schritt, von dem das Glück eben dieser Frau ganz abhängt, als bis Sie sicher sind, daß Ihnen Beiden kein Unglück mehr droht. Sie wissen, wie Vieles noch unentschieden ist. Sie wissen, wie viel auf dem Spiele steht. Warten Sie den Erfolg erst ab, ehe Sie handeln — wie edel und wie uneigennützig die Frau denkt, wissen Sie; sollte sie es wol verdienen, dieses Alles büßen zu müssen?
Brockhaus antwortete auf diese wohlgemeinte und verständige Warnung zwar nicht erzürnt, aber doch ausweichend unterm 28. August:
In dem, was Sie mir über Minna sagen, erkenne ich Ihr gefühlvolles theilnehmendes Freundesgemüth. Ich danke Ihnen dafür. Ich vertraue und glaube, Alles wird wohl werden. Nur Muth, Thätigkeit und festes Wollen, moralisch gut zu handeln! Ich und Minna vertrauen für dort auf Sie. Vertrauen Sie auf uns!