Gewiß sind Ihre Deutungen über der Hofräthin Betragen in vielen Stücken richtig, und so wehe mir das Geständniß thut, so habe ich jedoch immer noch Vertrauen genug, um mir ein zwiefaches Wesen in ihr zu denken, von dem das Eine: die edle, gute und großherzige Minna, das Ursprüngliche wäre, und das Andere: die astucieuse, coquette, heuchelnde Hofräthin, die durch die Collisionen mit der Welt, ihrem Blute und verkehrten ästhetischen Richtungen erst gebildet worden sei. Ihr eigentliches, vielleicht später durch unsern hiesigen genauern Umgang erst entstandenes Gefühl für mich spricht sich vielleicht nirgends wahrer aus als in zwei Briefen, welche sie kurz nach der heftigsten Epoche ihrer Krankheit, als sie anfing freie Stunden zu haben, in denen sie wieder mit Klarheit dachte, an Karoline und an ihren Sohn Julius schrieb, solche aber nicht abgehen ließ, sondern wie ein Amulet seitdem immer an ihrem Herzen trug, bis sie sie einst verlor. Es grenzt ans Wunderbare, wie dieses außerordentliche Wesen in einem solchen Zustand von halber Zerstörung fähig gewesen, solche Briefe, die wahre Meisterstücke von Diction sind, in einem Zuge hinzuwerfen!

Noch vor einigen Tagen habe ich von ihr directe Briefe. Sie leidet körperlich und geistig noch sehr, und Gott weiß, wie es mit ihr werden wird.

Brockhaus war zunächst zwar nur durch Mitleid mit der Kranken sowie durch den Wunsch, sich mit ihrem Vater über die eben verlebte furchtbare Zeit auszusprechen und dann das Verhältniß auf eine möglichst schonende Art zu lösen, zu der Reise nach Berlin veranlaßt worden. Aber fortwährend hatte er einen innern Kampf zu bestehen, ob er im Fall der Wiedergenesung seiner einstigen Braut nicht alles Vergangene vergessen und ihr aufs neue die Hand zur Versöhnung und zur wirklichen Vereinigung bieten solle. Durch das Benehmen ihres Vaters wurde ihm dieser Kampf erleichtert, das Opfer, das er vielleicht doch noch gebracht hätte, erspart, indem dieser jetzt selbst die Lösung des Verhältnisses betrieb und ihm, den er als den Urheber des Unglücks seiner Tochter betrachtete, überhaupt nicht freundlich und vertrauensvoll entgegenkam.

Brockhaus spricht sich darüber in einem an Ludwig gerichteten Briefe vom 23. März aus, der in Amsterdam geschrieben ist; was ihn auf kurze Zeit dahin zurückgeführt hatte, wird später zur Sprache kommen. Er schreibt:

Hätte der Vater, wie ich ihn sonst zu nennen pflegte, oder, wie ich ihn jetzt ferner nennen werde, Herr Geheime Rath Mayer mich gewürdigt, genaue Kenntniß von meinen Verhältnissen zu nehmen, wozu das Schicksal seiner unglücklichen Tochter ihn wol hätte bewegen sollen, so konnte sich Alles schön und edel für mein und der armen Minna Schicksal lösen. Mich würde Dankbarkeit — der hervorstechendste Zug meines Herzens — an ihn und an sie dafür gefesselt haben, und kein Opfer, das ich der Welt und meinem Innern hätte bringen müssen, wäre mir dann zu hoch oder zu groß gewesen! Minna wäre auch genesen dann, und bei bürgerlich ganz geordneten Verhältnissen und mit edeln Menschen, besonders edeln Frauen, umgeben, würde sie auch edel gewesen sein — und anstatt daß jetzt durch ihr grauses Schicksal das ihrer Kinder ewig mit zerrissen wird, anstatt daß selbst ins Leben des Vaters kaum wieder reine Freude zurückkehren kann und auch seine eigenen Verhältnisse dadurch furchtbar gestört bleiben müssen, wäre ein ursprünglich gewiß herrliches und reiches Gemüth, das in den Collisionen mit der Welt zu Grunde gegangen war, wieder neu geboren worden, eine Seele war gerettet; wieder dem Leben zurückgegeben, konnte die unglückliche Tochter durch Uebung und Erfüllung von Pflichten Alles mit sich versöhnen, ihre Kinder ehren und deren Laufbahn ordnen, dem Vater selbst wieder die schönsten Blumen auf den Pfad seines Lebens streuen!

So wollten Sie es, edler braver Ludwig, so wollte auch ich es! Und nun werfe man noch einen Stein auf uns!

Daß ich es nicht verstand, wie Karoline mir vorwarf, den Vater, außer meiner Persönlichkeit, auch sonst zu interessiren für mein Schicksal, kann ich mir nicht zum Vorwurf machen lassen. Es ist freilich wahr, und es ist mit ein Grund auch meines allgemeinen Schicksals, daß ich es so wenig verstehe mich geltend zu machen. Von der einen Seite fühle ich, daß ich einigen Werth habe, und wenn ich mich dann verkannt oder gar mishandelt sehe, so ist meine Erwiderung entweder stolzes in mich Zurückziehen, oder es sind — Thränen! Karoline sagte darum auch wol nicht mit Unrecht: Sie sind halb Weib, halb Mann! Von der andern Seite bin ich wenig beredt über mich selbst; ich weiß auf keine Anklage etwas zu antworten, weil ich mir, wenn sie gegründet auch nur in etwa, immer zehnmal mehr Vorwürfe mache als Andere; ich bin furchtsam, ängstlich, dränge mich nirgends hervor oder ein, weiß mit meinem Pfunde nicht zu wuchern, und welche negative Eigenthümlichkeiten ich denn mehr habe.

So wie ich nun also bin, konnte ich dem Vater freilich nichts anders als das simple Factische ohne Schmuck oder Beredtsamkeit vorbringen, aber mir dünkt, daß den wahren Menschenkenner diese Einfachheit eher für die Wahrheit gewinnen als davon entfernen muß.

Allerdings war ich nun auch bald stolz gegen ihn, und gewiß würde ich es noch mehr sein, wenn sich weitere Gelegenheit finden möchte in Contact zu kommen. Diese Gelegenheit wird sich aber wol nicht weiter finden.

Ich habe seit meiner Abreise von Altenburg weder von Berlin noch von Baireuth Briefe, aber auch von Altenburg selbst noch keine. Der armen Minna habe ich meine Reise aber gemeldet, damit sie wenigstens weiß, wo ich bin. Die arme Minna!

Wenige Tage darauf, am 26. März, schreibt er abermals an Ludwig:

Heute etwas über der armen Minna Schicksal. Gestern erhielt ich von Karolinen Briefe. Auch sie betrachtet unsere Trennung — Minna's und meine — als entschieden durch den Willen des Vaters. Mein Herz zuckt krampfhaft bei dieser Entscheidung, denn Minna war mir unendlich und ist mir noch sehr theuer. Mein Verstand tritt aber der Entscheidung des Vaters mit Beifall bei. Er sagt mir trocken weg, daß eine Ehe ohne Schönheit und Reinheit der Gefühle, ohne innige Achtung, ohne Vertrauen mich nur höchst unglücklich würde gemacht haben. »Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang«, sagt Schiller so bedeutend, und allerdings: das Leben ist zu ernst, als daß man poetische Gefühle allein Gewalt darin dürfte über sich ausüben lassen. Ich habe schweres Lehrgeld dafür gegeben!

In seiner Antwort an Minna's Schwester, Karoline Richter, vom 30. März heißt es:

Mein eigenes Leben darf ich jetzt hoffen bald gerettet zu sehen. Wäre es nur auch das von Minna, wenn auch von mir getrennt! Es werden aber Wunder geschehen müssen, wenn sie nicht auf die eine oder andere Weise zu Grunde gehen soll.

Ich werde gewiß ihr Freund fürs Leben bleiben und wohlthätig auf ihr Schicksal einzuwirken suchen, soviel es meine Pflichten erlauben. Worin sie mich gekränkt und mir wehe gethan, das Unrecht, das sie an mir geübt, den nachtheiligen Einfluß, den sie auf alle meine Verhältnisse so gebietend gehabt — ich verzeihe ihr Alles. Kein Groll gegen sie ist in meinem Herzen. Auch ich habe gefehlt. Wie aber und durch welche Motive geleitet oder bewogen, darüber richte derjenige, der die Herzen der Menschen prüfet und würdiget in Wahrheit! ....

Jene von dem Vater ausgesprochene Entsagung kann auch nicht wieder zurückgenommen werden. Nicht daß Minna aufhörte mir theuer zu sein, nein, gewiß nicht; aber ich betrachte diesen Ausspruch als eine neue Weisung des Schicksals, das schon so oft deutlich über diese meine Verbindung mit ihr gesprochen, die ich diesmal achten und nicht zurückweisen will und dies um so mehr thun muß, da mein Verstand diesen Ausspruch in allen Hinsichten bestätigt. Denn konnte, sagt mein Verstand, eine Ehe glücklich sein, wo von der einen Seite alle schönen und reinen Beziehungen verloren gegangen waren, wo echte innere Hochachtung und Verehrung nicht mehr da sein konnte, wo kein Vertrauen weiter möglich war beinahe, wo alle Energie fürs weitere Leben mußte gebrochen sein, wo jede Rückerinnerung an die Vergangenheit nur mit Vorwürfen oder mit bittern Gefühlen konnte gepaart sein, wo überhaupt der wahre Charakter noch so problematisch?

Mitleiden, Theilnahme, Herzensgefühle, der Wunsch, glücklich zu machen, die Begehr, in den Augen der Welt consequent zu erscheinen — konnten jenes Fehlende nicht ersetzen, und wenn überhaupt schon Ehen im Leben selten schön-glücklich sind, wie viel weniger konnte es diese sein, wo so viele Elemente dazu fehlten!

Auch mein Gefühl hat mich, wie fast immer, hierin sehr richtig geleitet. Es sagte mir gleich in der ersten Stunde, wo die Vergangenheit vor mir aufgerollt wurde: Minna kann nie dein Weib werden! Es ist für mich eine Genugthuung, dieses Gefühl selbst gegen die edelsten meiner Freunde, die mein ganzes Vertrauen hatten, ausgesprochen zu haben. Man könnte es sonst jetzt für eine arrière pensée halten ....

Ob ich fortfahren soll, dann und wann noch an Minna zu schreiben? Mir dünkt das Unterlassen wol das Räthlichste. Wozu jetzt noch auch nur die entferntesten Hoffnungen unterhalten oder Gefühle anfachen, da dies nur das große Unglück der Armen vergrößern kann? ....

Welch ein Spiegel fürs Leben wäre Minna's Geschichte, von Goethe, Richter oder einem andern Richardson der Mit- und Nachwelt aufbewahrt! Ja, der Vater hat recht gehabt, zu zerhauen, was sich nicht lösen konnte! Er hat recht gethan! Er ist das Orakel geworden, das ich mir ersehnte!

Noch entschiedener spricht er seinen Entschluß, das Verhältniß ganz zu lösen, und die Motive dazu in einem Briefe von demselben Tage an Ferdinand Hempel in Altenburg aus: