Je mehr ich jetzt überzeugt bin, daß meine Bekanntschaft mit der Hofräthin und mein Verhältniß zu derselben die vorzüglichste Ursache meines seitherigen Unglücks gewesen ist, je fester bin ich jetzt entschlossen, die Bande, die zwar schon sehr gelockert mich noch an sie knüpften, schnell zu zerreißen und für immer alle Verbindung mit ihr aufzuheben. Ich bedarf Ruhe, und ich finde keine, so lange noch auf die eine oder andere Weise mein Schicksal mit dem ihrigen verflochten ist, oder auch nur meine Verbindung durch Briefe selbst noch fortdauert.

Das Schicksal der armen Frau geht mir unsäglich nah, und wo nicht Pflichten in Collision kommen, da werde ich auf alle Weise wohlthätig darauf einzuwirken suchen, so sehr ich auch überzeugt bin, daß sie allein sich dieses Schicksal bereitet hat. Jedes Weib wird zu Grunde gehen, moralisch oder physisch, das es wagt und unternimmt, so — aus dem Kreise herauszutreten, den die Natur und die bürgerliche Gesellschaft den Frauen gezeichnet hat, und sicher würde ich einst fürchterlich aus dem Traume sein aufgeschreckt worden, in welchen die Künstliche mich durch Zauberlieder und lieblichen Sirenen-Gesang einzulullen gesucht und auch verstanden hatte!

Der Vater in Berlin hat weise gehandelt, daß er den Kampf, der in meiner Seele vom ersten Augenblicke an mit tiefem Schmerz statthatte, wo ich erkannte, daß meine kindliche Arglosigkeit, daß das edle Vertrauen, das ich gehabt, so grausam war gegen mich selbst gewendet worden, und daß ich nur als ein Faden hatte sollen gebraucht werden, um aus dem Labyrinthe, worin man sich verwickelt hatte, sich nur retten zu können — und welcher Kampf sich so oft gegen Sie und die edeln Mitglieder des Ludwig'schen Hauses ausgesprochen — durch sein Benehmen der Entscheidung so nahe gebracht hat.

Diese Entscheidung ist jetzt in mir fest und unwiderruflich beschlossen. Meine Ehre, die Ehre meiner Kinder, die Ehre meiner respectabeln unbescholtenen Familie, die Ehre meiner vortrefflichen, im Grabe ruhenden Frau, mein Glück und das Glück Aller, die durch irgendein Band an mein Schicksal gekettet sind — hat diesen Entschluß geboten. Ich will und ich muß mein Leben neu ordnen. Ich kann es nur frei von diesen Banden und mit Ruhe im Gemüthe.

Die entscheidenden Briefe zwischen Brockhaus und Frau Spazier sind, wie die ganze Correspondenz zwischen ihnen, nicht in unserm Besitze und wahrscheinlich überhaupt nicht erhalten. Dagegen liegen aus dieser Zeit einige Briefe von ihr selbst an ihre Schwester und einige Andere sowie von diesen über sie vor.

Am 8. März schreibt sie an Ludwig in Altenburg, um ihn als ihren Freund und Curator zu bitten, ihre dortigen Angelegenheiten zu ordnen, ihre zurückgebliebenen Möbel u. s. w. zu schicken; sie sagt:

Es leidet keinen Zweifel, daß Ihnen aus meinen Briefen an Brockhaus sowie aus dem, was er Ihnen aus der Zeit seines kurzen Aufenthalts hier mitgetheilt haben wird, bekannt sei, welche Wendung meine äußern Verhältnisse genommen! Wie das väterliche Herz die Erhaltung der Tochter innig gewünscht, wie nach langem Kränkeln, wenngleich noch unvollkommen, die gewohnte Thätigkeit zurückgekehrt scheint, und wie auf diese Hoffnung der Plan meines Vaters gegründet ward, mich, wenn auch nicht in seinem Hause, doch unter seinen Augen leben zu lassen .... Ich habe den Muth, mich an Sie zu wenden, aber es gehört mit unter die qualvollsten Empfindungen meines Lebens, wenn ich mir denke, wie ich Ihnen und Ihrem theuern Hause nun wieder als ein Gegenstand der Beschwerde und nie, wie ich doch so schön in hoffnungsvollern Tagen geträumt, als ein werthes Mitglied Ihres häuslichen Kreises erscheinen dürfte. Dies Gefühl drängt alles Bittere des langen Kampfes in sich zusammen, der mein Leben ausmacht und von dem sich noch immer nicht sagen läßt, daß er vollbracht sei! ....

In welcher Stimmung ich diese Zeilen schreibe, wird Ihr Herz Ihnen sagen. Ich sehe Ihrer Antwort mit Spannung entgegen. Ebenso oft zu Ihrer und der Ihrigen Erinnerung hingezogen, als durch eine tiefe unüberwindliche Wehmuth davon zurückgescheucht, folge ich heute einer äußern Veranlassung und fühle es doch schmerzlich, daß es eine äußere Veranlassung gewesen, die mir nach so langem Schweigen den ersten Brief an Sie eingibt.

Lassen Sie mich bald ein Zeichen Ihres Andenkens sehen! Emma, der Sie so gütige Theilnahme gönnten, empfiehlt sich Ihnen.

Genehmigen Sie die Versicherung der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit welcher meine Seele in Gedanken unter Ihnen weilt; ich bin bis in den Tod

Ihre innig Sie verehrende

M. Spazier,
geb. Mayer.

Ludwig, der ihren Wunsch nicht sofort erfüllen konnte, antwortet ihr unterm 31. März:

Der Anblick Ihrer Schriftzüge, eines Briefes von Ihnen, meine verehrte Freundin, worauf wir nun schon lange Verzicht gethan hatten, that meinem Herzen wohl und weh zugleich.

Es war uns Freude, nach so langem gänzlichen Schweigen ein Zeichen Ihres Lebens und die Ueberzeugung zu erhalten, daß die Lebenskraft, wenn auch noch nicht der Lebensmuth, bei Ihnen zugenommen habe; es war uns Schmerz, daß es eines dringenden äußern Antriebs bedurft hatte, um Sie zum Schreiben an Freunde zu vermögen, die diesen Namen durch die That bewährt zu haben glauben dürfen.

Ich sehe mit Betrübniß in Ihrem Briefe noch Spuren einer gewissen Verschlossenheit und Niedergeschlagenheit, die uns in den Wochen Ihrer Genesung und den letzten Ihres Hierseins oft so weh thaten, und die damals in dem Grade zunahmen, als die Beweise von Liebe und Wohlwollen der Sie umgebenden Menschen gerade Vertrauen und Ruhe in Ihrer Brust hervorzurufen geeignet schienen. Mögen Sie mich, theuere Freundin, in dieser Aeußerung ja nicht misverstehen! Sie ist nichts als der reine Wunsch, daß Sie, welcher das Schicksal ohnehin so viel zu tragen auflegte, sich nicht auch von den Wenigen selbst entfremden mögen, die es wahrhaft gut mit Ihnen meinen, die in der Zeit der Noth ohne Eigennutz, ohne Parteilichkeit und Leidenschaft Ihre Freunde waren.

Glauben Sie indessen nicht, daß mir ein Schmerz nicht heilig sei, der Ihre Brust nothwendig in diesem Augenblicke erfüllen muß, wenn ich mich nicht in Ihrem Herzen geirrt habe — ich meine den über Ihre ausgesprochene Trennung von Brockhaus, der eine so seltene Anhänglichkeit für Sie hatte und (ich bin überzeugt) noch hat, wenn er gleich nun völlig außer Stand gesetzt ist, sie auf die zeitherige Art zu äußern. Diesen Schmerz theile ich mit Ihnen, schweige aber darüber, weil ich ihn nicht bei Ihnen erneuern will und nicht befugt bin, über einen Schritt abzuurtheilen, von welchem ich nicht einmal weiß, inwiefern er von einem fremden Willen, inwiefern er von Ihrer eigenen Einsicht ausgeht, und auf welche Gründe gestützt diese über Gefühl und Herz gesiegt hat.

Nur das weiß ich, daß ich immer Ihr Freund bleiben und daher nichts zugeben werde, was im geringsten wider Gesetz und Recht Ihnen zum Nachtheil, von wem es auch sei, unternommen werden könnte.

Sollten Sie diese Versicherung mit dem Nichtempfang Ihrer Sachen im Widerspruch finden, sollten Sie unmuthig über mein Schweigen mehrerer Wochen sein, so werden Ihnen die folgenden Zeilen gleichwol Alles erklären.


Möge ich durch das bisher Gesagte in Ihren Augen nun gerechtfertigt erscheinen. Mit wehmüthiger Erinnerung gedenke ich der vergangenen Zeit, denn ich schreibe Ihnen auf derselben Stelle, wo Sie oft mit mir und den Meinigen zusammensaßen, sich der Hoffnung einer heitern Zukunft überlassend. Unserm Kreise näher angehörend wollten Sie leben; das Schicksal hat es anders gewollt, wie es scheint — doch, wenn auch entfernt, mögen Sie nur glücklich und unsere Freundin sein! Meine Achtung für Ihren seltenen Geist und meine Theilnahme für die Ruhe Ihres Herzens werden immer dieselben sein.

Karoline Richter hatte aus Liebe zu ihrer Schwester fortwährend auf die Wiedervereinigung mit Brockhaus hinzuwirken gesucht. So schrieb sie an Ludwig aus Baireuth vom 13. März, sie habe soeben von ihrer Schwester einen Brief erhalten, welcher, was ihr zu wissen am wichtigsten sei, deren eigentliche Gesinnung gegen Brockhaus ausdrücke:

Diese ist nun immer dieselbe, wie wir sie Alle gekannt. Sie jammert darin über seine größere Entfernung von ihr durch die Reise nach Amsterdam, und es tönt Hoffnung der Vereinigung überall durch. Mir bricht fast das Herz bei diesen Aeußerungen, und ich kann nicht glauben, daß irgend Jemand, der die Unterordnung ihres Verfahrens unter die väterliche Gewalt anerkennt, das kraftlose Opfer feindlich behandeln kann.

Sie erwartet deshalb von Brockhaus' Großherzigkeit und Ludwig's freundschaftlichem Antheil die ganze bürgerliche Rettung ihrer unglücklichen Schwester, selbst wenn die Trennung entschieden bleibe. Brockhaus sei zu edel, um nicht Alles, was er vermöge, dazu beizutragen.