In einem andern Briefe aus dieser Zeit (ohne Datum) bittet sie ihre und ihrer Schwester Freundin Karoline von Ehrenberg in Altenburg um Nachrichten:
Schreibe mir etwas von Brockhaus, der mir mit Entzücken von Deiner Amnestie erzählte. Sage mir, wie er Dir in der letzten Zeit erschienen ist und was Minna von ihm wol noch zu erwarten hat. Ich kann Dir nicht sagen, wie ich um ihretwillen leide; welche Fehler wären nicht durch solches Unglück abgebüßt!
Mehrere von Frau Spazier an Ludwig gerichtete Briefe aus dieser Zeit legen von einer ruhigern Stimmung Zeugniß ab und können unser Mitleid mit ihr nur vermehren.
Sie schreibt ihm am 10. April wieder, noch ohne seinen oben mitgetheilten Brief, der vom 31. März datirt, aber vielleicht erst einige Tage später abgegangen war, empfangen zu haben, und wiederholt ihre frühern Bitten: Er sei ja stets bereit, Bedrängten zu helfen, und wenn er ihre jetzige Lage bedenke und auf die lange Folge schmerzvoller Ereignisse zurücksehe, die sie seit ihrer Entfernung aus Leipzig überstanden, so werde er sich gewiß nicht weigern, ihr den Namen einer »Bedrängten« zuzugestehen. Sie fährt fort:
Meiner Vorstellung kann nichts Gehässigeres sich aufdringen als der Gedanke, daß zur völlig klaren Entscheidung dieser Angelegenheit zuletzt noch gerichtliche Schritte gemacht werden könnten. Und würde ich diese hintertreiben können?
Mit der größten Bereitwilligkeit Alles aufzuopfern, was den Schmuck des Lebens ausmacht, mit der überlegtesten Resignation, würde ich doch nur für meine eigene Handelsweise gutsagen können, nicht aber für die Maßregeln meines Vaters.
Es mußte noch mehr hinzukommen, mich die Nichtigkeit meines Strebens nach außen kennen zu lernen — mehr noch als das lange Gefolge von Widerwärtigkeiten, das zum Theil vor Ihren Augen an mir vorüberzog.
Wenn meine körperliche Gesundheit, wenn meine ruhige Besonnenheit sich in der letzten Zeit rühmen dürften, Fortschritte gemacht zu haben, so scheinen geistige und leibliche Kräfte nur darum mir wiedergeschenkt, um sie an dem Krankenlager meines ältesten Sohnes zu üben, der seit vierzehn Tagen an einer Lungenentzündung schwer daniederliegt, in sechsunddreißig Stunden fünfmal zur Ader gelassen werden mußte, dessen völlige Wiederherstellung noch in diesem Augenblicke ein Problem ist. Ich bin seine Wärterin — es ist mir möglich gewesen, elf Nächte hintereinander an seinem Lager zu wachen, und an diesem merkwürdigen Falle sehe ich — daß nicht unnütz war der Gang, den mein Leben nahm, als er mich wieder hierherführte.
Finden Sie, theuerer Herr Ludwig, in der Art und Weise, wie in diesem Augenblick darauf hingearbeitet wird, die Trümmer meines äußern Glücks zu retten, etwas Zweckwidriges, so bitte ich Sie nur, die Nüchternheit, womit ich in diesem Augenblick mich den Maßregeln desjenigen Willens unterwerfe, von dem der meinige völlig abhängig geworden ist, keineswegs als eine feindselige Erkaltung gegen die Bilder von Glück und Freude anzusehen, die ich mir noch vor wenigen Monaten träumen durfte!
Wenn irgend Jemand geneigt ist, den Grund des Mislingens seiner theuersten Hoffnungen in sich selber zu suchen, so bin ich es. Das Erwachen aus einem Zustande, in welchem man so gern seinen Kräften vertrauen möchte, sich frei und im Besitz der Liebe achtungswerther Menschen glaubte, ist schmerzhaft genug, auch ohne das Einsinken äußerer Vortheile! ....
Ich kenne in diesem Augenblick nur ein Verlangen: Friede mit mir selbst und meinen Umgebungen!
Einige Monate später, am 3. Juni, schreibt sie dankerfüllt über die von Ludwig gegebene Aussicht auf endlichen Empfang ihrer Möbel und zugleich hocherfreut über den Besuch einer Freundin aus Altenburg, der oben erwähnten Karoline von Ehrenberg:
Den Eindruck zu schildern, den das unerwartete Wiedersehen unserer Freundin auf mich hervorgebracht hat, vermag dies ohnmächtige Wort nicht, o mein theuerer Freund! Ich hatte mich am Freitag auf wenige Minuten aus meiner Wohnung entfernt, die eben von rüstigen Händen festtäglich gesäubert wurde, als ich beim Wiedereröffnen der Thür eine Gestalt erblickte, über die mein Herz auch nicht einen Augenblick zweifelhaft blieb. Es war Frau von Ehrenberg! Ich schloß sie in meine Arme als eine theuere Bürgschaft Ihrer — als eine Bürgschaft der Gesinnungen so manches mir ewig unvergeßlichen Wesens aus Ihrer Mitte. Ich fühlte es, daß ihr Kommen mir die Gewähr leiste, wie ich Sie Alle früher oder später doch gewiß einmal wiedersehen und mit unbewölktem, freiem, leidenschaftslosem Sinne mich an Ihre Brust werfen werde.
Sie wollen von meinem Leben und Weben, von der Rückkehr meiner moralischen und physischen Kraft ein deutliches Bild haben? Ich bin wieder völlig wohl, und wenn mein voriges Sein wirklich etwas gewesen wäre, wovon man eine freudige Selbstanschauung haben könnte, so dürfte ich mich freuen, dieselbe wieder geworden zu sein, die ich war.
Dagegen sind die von Außen auf mich einstürmenden Uebel noch immer im lebhaftesten Wettstreit miteinander, welchem von ihnen es gelingen möchte, in meinem Gefühl als das vornehmste zu gelten.
Für meinen armen, noch immer in völliger Kraftlosigkeit hinschwindenden Julius sind vor acht Tagen zwei Krücken vom Tischler geliefert worden — die er aber, als sie ankamen, als für jetzt noch unbrauchbar auf die Seite stellen ließ. Und als ich am zweiten Pfingstmorgen mich anschickte, mit unserer lieben Angekommenen die Frische nach einem erquicklichen Regen in den schönsten Frühstunden auf einem Gange durch den Thiergarten zu genießen, fand ich meinen Richard in seinem Bette ächzend und in Fieberglut, und seit gestern hat er das Scharlachfieber. So bin ich denn außer den wenigen Stunden, die unsere Freundin uns hier auf meinem Zimmer gönnen konnte, zu keinem vollständigen Genusse ihrer lieben Gegenwart gekommen.
Mit welchem Antheil ich dagegen nach allen Einzelnheiten des schönen Verhältnisses fragte, das zwischen ihr und Ihrem lieben Hause obwalte, wie freudig ich den Beschreibungen Ihrer Kunstgenüsse, Ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen, Ihres Stilllebens mich hingab — das mag Frau von Ehrenberg's eigene seelenvolle Rede Ihnen sagen.
Ich hatte mich auf einen recht langen Brief an Sie gefreut, mein verehrter Freund, aber ich sehe nun doch, daß es anders kommt, als ich dachte, und ich eilen muß, wenn ich der Unruhe meines kranken Richard, an dessen Bett ich dies schreibe, die paar ruhigen Augenblicke noch abgewinnen will, die ich dem leidigen Geschäftsinhalt unserer Correspondenz noch zu widmen habe.
Meine Antwort auf Hempel's Brief, mein letztes Schreiben an Brockhaus werden Sie gelesen haben. Nichts also mehr über meine allgemeine Ansicht, über die Entschließung, welche ich gefaßt haben würde, wenn ich freie Hand gehabt hätte. Mir däucht's, daß Sie Ihrem Sinne nach mit beiden Briefen zufrieden sein müßten. Diejenigen jedoch, an welche diese Briefe gerichtet waren, scheinen dies nicht; warum sollten sie mir nicht schon längst geantwortet haben? Denn auch den Brief von Brockhaus, worauf Sie mich als auf eine Bestätigung der frohen Hoffnung zur endlichen Ausgleichung verweisen, habe ich bis heute noch nicht erhalten ....
Frau von Ehrenberg übernimmt es, mündlich hinzuzufügen, was meinen Worten versagt ist: den vollen, wahren Ausdruck der Liebe, des sehnsuchtsvollen Antheils, mit welchem ich ewig sein werde
Ihre M. Spazier, geb. Mayer.
Brockhaus betrachtete sein Verhältniß zu ihr als definitiv gelöst, und sie selbst schien sich auch darein zu ergeben, wie sich denn auch die hier von ihr ausgesprochene Hoffnung auf »endliche Ausgleichung« nur auf die noch immer nicht geordneten finanziellen Verwickelungen aus der Zeit ihres Aufenthalts in Altenburg bezieht. Diese Verhandlungen berührten Brockhaus nicht direct und wurden auch meist nur zwischen ihrem Vater und dem Advocaten Hempel geführt. Doch gab sich Brockhaus alle Mühe, wie er einmal schreibt, »die Verwickelung mit Milde zu lösen«. Auch blieb er trotz allem Vorgefallenen mit ihr selbst in freundschaftlichem und selbst geschäftlichem Verkehr, ohne daß ihr Verhältniß je wieder ein näheres geworden wäre.