Deventer, Nachts 12 Uhr, Sonntag, 10. März 1811.
Sie werden nicht wenig erstaunen, lieber Schmidt, wenn Sie die Ueberschrift Deventer erblicken von meiner Hand und den Datum desselben Tags, wo Ihnen der Brief auch schon zukommt. Ich bin Ihnen bei Empfang desselben noch viel näher, vielleicht gar nur wenige Schritte von Ihnen entfernt! Mit Recht neues Erstaunen! Wie dem eigentlich sei, erfahren Sie am Schluß dieses, da ich in diesem Augenblicke selbst darüber noch keinen Entschluß genommen habe. Und nun den Zusammenhang dieser phantastischen Nähe?
Die unglückliche Unbestimmtheit und nichtssagende Kürze Ihres Briefs vom 19. Februar, den ich erst am 3. März erhielt, hatte mich gleich vom ersten Augenblicke an gewaltsam ergriffen und mich über Ihre Indolenz bei einer so wichtigen Verhandlung in Verzweiflung gebracht. Was blieb mir aber übrig anders als die traurige Ressource, Ihnen in einem Briefe zu sagen, wie viel daran fehlt, daß Sie mich in Stand gesetzt hätten, einmal ein Urtheil zu fällen, geschweige denn einen Entschluß nehmen zu können! Hempel und Ludwig, denen ich meine Ansichten mittheilte, theilten sie ganz, und wir alle konnten nicht begreifen, wie Sie einen Gegenstand von so majeurer Wichtigkeit mit einer solchen Indifferenz hatten behandeln können. Ich schrieb also den Brief, den Sie einliegend finden. Als ich bis zu dem Punkt gekommen war, wo Sie ihn abgebrochen finden, tritt Hempel zu mir ins Zimmer und sagt: »Brockhaus, wie wär's, wenn Sie jetzt selbst nach Amsterdam gingen und auf einem oder dem andern Wege Resultate herbeiführten? Glauben Sie ohne persönliche Gefahr die Reise machen zu können? Reisegeld steht Ihnen von mir zu Diensten.« Ich wurde wie elektrisirt von diesen Worten. Ich hatte den Gedanken ob seiner Kühnheit nicht haben dürfen. Und da ich der persönlichen Gefahr durch Klugheit und verständiges Benehmen entgehen konnte, so war mein Entschluß in der Minute gefaßt. »Ich reise!« Die Feder wurde nun fortgeworfen, und wir eilen zu Ludwigs, um hier zu verkünden und näher zu überlegen. »Ja, ja, reisen Sie, machen Sie, daß Sie dort schnell abschließen, oder doch finale Entschlüsse nehmen, und kommen Sie bald, bald wieder!« Die Reise wurde gleich auf den andern Morgen festgesetzt, und ich brachte den Rest des Tags mit kleinen Anordnungen und mit Abschiednehmen der genauern Freunde hin. Den Abend hatte man im Ludwig'schen Hause noch eine kleine Abschiedfête veranstaltet, die ebenso heiter als meine Trennung von diesen vortrefflichen Menschen traurig war.
Montag früh reiste ich nun über Leipzig ab, das nöthig war, weil ich mir mit Mitzky[45] in Reudnitz ein Rendezvous gegeben hatte, das ich nicht konnte absagen lassen aus Kürze der Zeit. Meine Unterhaltung mit diesem in Reudnitz und wieder in Leipzig dauerte so lange, daß ich erst Montag Abend um 10 Uhr von Leipzig nach Halle abfahren konnte. Von Montag Abend 10 Uhr bis Sonnabend 11 Uhr habe ich also die beschwerliche Reise von Leipzig bis Deventer gemacht, was bei den grundlosen Wegen wirklich außerordentlich schnell gereist ist. Es sind fünf Tage gerade. Ich bin aber auch wie gerädert!
Unstreitig hätten Sie, wenn Sie eine Stunde mehr Zeit zu Ihrem Briefe genommen hätten, mir die ganze Reise, ihre Beschwerden, ihre Gefahren und die großen Kosten, die hin und her wenigstens 6-700 Gulden betragen werden, ersparen können! Und Sie hätten mir dies Alles, auch ohne Rücksichten auf die besondern Umstände, ersparen sollen, da jeder Geschäftsbericht immer und nothwendig bestimmt und erschöpfend sein muß.
Die Rettung meines ganzen künftigen Lebens hängt von Momenten ab. Gehen diese Momente unbenutzt vorüber, so ist mein ganzes künftiges Leben verloren. Ich konnte also kein Bedenken tragen, Alles zu wagen und daranzusetzen, um nur zu einem Resultate zu kommen!
Ich komme aber gewiß nicht, um Ihnen Vorwürfe zu machen! Wir müssen uns vereinigen, um schnell irgendein Resultat herbeizuführen.
Der Postillon bläst schon zum dritten mal. Für hier also genug.
Amersfoort, Morgens 10 Uhr.
Ich habe mich entschlossen, bis Muiden nur zu fahren, von dort diese Briefe per Expressen nach Amsterdam (zwei Stunden von Muiden) zu schicken und Sie einzuladen, wie es hierdurch geschieht, entweder noch diesen Abend zu mir nach Muiden hinauszukommen, oder sonst morgen früh. Mein Logis werde ich Ihnen unten bezeichnen. Es bedarf keiner Erinnerung, daß Sie auch keiner Seele etwas von meiner Nähe sagen! Wir werden überlegen, wo ich eine Zeit lang verweilen könnte! Unstreitig in Amsterdam selbst am sichersten und unbemerktesten. Denken Sie gleich darüber nach, und wo das Schild: »Hier zyn gestofferde kamers te huur« (hier sind möblirte Zimmer zu vermiethen) aushängt, auf einer etwas abgelegenen Straße oder Gracht.
Muiden, Abends halb 5 Uhr.
Ich bin hier bei Meyer logirt, dem ersten Gasthof über der Brücke rechter Hand von Amsterdam her. Ich schicke Ihnen diesen Brief per Expressen, um sicher zu sein, daß er Ihnen heute zugekommen ist. Sind Sie zu Hause gerade, wenn er kommt, so habe ich es gern, Sie noch diesen Abend zu sehen. Sind Sie aber nicht zu Hause, so ist es mir recht, wenn Sie erst morgen kommen; da ich in acht Tagen nicht zu Bette gekommen, so bedarf ich ohnehin heute Ruhe.
Nun, bis zum persönlichen Sehen!
Ganz Ihr Brockhaus.
In Muiden blieb Brockhaus ungefähr drei Wochen, hielt sich aber ab und zu auch einen Tag in Amsterdam selbst auf. Seinem energischen persönlichen Eingreifen gelang es bald, die seit Anfang des Jahres schwebenden Unterhandlungen über den Verkauf des amsterdamer Geschäfts zu einem erwünschten Abschlusse zu bringen. Dieser erfolgte am 21. März, die Zahlung der Kaufsumme am 1. April. Käufer des Sortimentsgeschäfts sammt dem ansehnlichen Lager war der Buchhändler Johannes Müller, der zwei Jahre vorher (am 1. Mai 1809) eine Buchhandlung in Amsterdam unter der Firma J. Müller & Co. errichtet hatte (1837 wurde diese Firma in die noch jetzt bestehende: Johannes Müller, umgewandelt). Gleichzeitig suchte Brockhaus, um die Transportkosten nach Leipzig zu ersparen, auch die in Amsterdam lagernden Vorräthe seines ältern Verlags zu verkaufen, ebenso die nicht unbedeutenden Außenstände seines bisherigen Geschäfts. Es gelang ihm wenigstens, die Einleitungen dazu zu treffen, während der Kaufvertrag darüber erst im folgenden Jahre, am 4. März 1812, durch Bornträger in Amsterdam abgeschlossen wurde. Käufer hiervon war der amsterdamer Buchhändler Christian George Sülpke, dessen Handlung ebenfalls noch jetzt besteht. An keinen der beiden Käufer war übrigens Brockhaus' bisherige Firma: »Kunst- und Industrie-Comptoir«, mit verkauft worden. Diese behielt vielmehr Brockhaus auch in Altenburg vorläufig bei, nur daß er meist »von Amsterdam«, und als Verlagsort »Altenburg« oder »Leipzig« hinzusetzte.
Der Aufenthalt in Muiden war für Brockhaus mit mancherlei Gefahren verbunden. Er wollte seine Anwesenheit in der Nähe von Amsterdam geheimhalten, um allen neugierigen Nachfragen und persönlichen Belästigungen wegen des Hiltrop'schen Processes und anderer noch schwebender Verhandlungen zu entgehen. So verkehrte er wesentlich nur mit Bornträger, der ihn fast täglich in seinem Versteck besuchte, da eine regelmäßige Verbindung zu Wasser zwischen Amsterdam und Muiden durch eine mehrmals des Tags hin- und hergehende Schuyt bestand; außerdem sah er nur noch zwei seiner ältesten Freunde, deren Namen er aber in seinen Briefen nicht nennt. Eine weitere Schwierigkeit entstand daraus, daß er Altenburg bei seiner eiligen Abreise ohne Paß, diesen damals so nothwendigen Reisebegleiter, verlassen hatte, vielleicht absichtlich, um eben nicht erkannt zu werden. Diesem letztern Uebelstande half er dadurch ab, daß er sich von Bornträger dessen Paß geben ließ und der holländischen Dorfbehörde vorlegte. Freilich konnte er denselben mit ebenso viel oder — so wenig Recht wie Bornträger führen, da der Paß auf den Namen Friedrich Schmidt lautete!
In einem der zahlreichen und oft ausführlichen Briefe, die er auch in dieser Zeit trotz der häufigen Besprechungen an Bornträger sandte, schreibt er:
Gestern Abend habe ich denn auch hier Namen, Wohnort, Dauer des Aufenthalts, Paß von woher? aufgeben müssen. Da ich meinen Namen nicht nennen konnte, noch sagen, der Paß sei vom König u. s. w., so habe ich gesagt: »Schmidt von Leipzig mit Paß vom dortigen Magistrat«, und um zu vermeiden, darüber viel inquirirt zu werden, habe ich nur zwei bis drei Tage Aufenthalt angegeben. Gott gebe nur, daß man heute nicht den Paß zu sehen verlangt! Auf alle Fälle bringen Sie mir diesen Abend den Ihrigen mit. Langes Bleiben ist auf diese Weise hier nicht.
Und bevor er diesen Paß hat und weiß, ob er mit demselben sich legitimiren kann, fordert er Bornträger auf, ihm noch einen andern Paß, wieder auf dessen angenommenen Namen, zu einer Reise nach — Paris zu verschaffen! In demselben Briefe theilt er ihm nämlich mit, daß er vorhabe, sobald der Kauf mit Johannes Müller abgeschlossen sei, einen Abstecher nach Paris zu machen, um die Zwischenzeit während der weitern Unterhandlungen über den Verkauf des ältern Verlags zweckmäßig in geschäftlichem Interesse zu verwenden:
Enfin: Nothwendigkeit, Langeweile und Unsicherheit hier, Interesse, Lust vereinigt sich, mir diese Reise, wozu drei Wochen hinreichen würden, anzurathen. Es ist nur (!) für einen Paß zu sorgen. Ich wünschte immerhin, daß Sie es wieder versuchten, auf Ihren Namen diesen Paß zu erhalten. Auf die Beschreibung der Person wird doch nicht gesehen, und da ich in Paris durch Forssel und Schöll doch allen Beistand finden würde, so habe ich gar keine Bedenklichkeit. Und Sie brauchen gar keine zu haben. Ich wünschte also sehr, daß Sie womöglich noch heute den Versuch dazu machten.
Aus dieser Reise nach Paris wurde indeß nichts, vielleicht weil der betreffende Paß doch nicht zu erlangen war; dagegen scheint der bereits vorhandene Paß Bornträger's seine Schuldigkeit gethan zu haben, da Brockhaus statt zwei bis drei Tage drei Wochen in Muiden und Amsterdam blieb, ohne Anfechtungen zu erleiden; er benutzte denselben auch später zur Rückreise nach Deutschland und schickte ihn auf halbem Wege, aus Münster, mit bestem Dank an Bornträger zurück, mit der Bemerkung, daß er ihn übrigens gar nicht gebraucht habe.
Anfangs freilich war er in Muiden wegen seiner Sicherheit noch sehr besorgt; er ließ sich von Bornträger einen Hut mitbringen, weil er mit seiner Mütze keinen Schritt thun könne, ohne daß die Kinder ihm nachhöhnten, und bat ihn, die Briefe, die er ihm schicke, selbst auf der Postschuyt abzuholen, damit die häufige Correspondenz dem Markthelfer Jan nicht auffalle. Dieser schien aber doch die Anwesenheit seines Principals, an dem er sehr hing, bemerkt zu haben und suchte ihn eines Tags in Muiden auf. Brockhaus meldet dies gleich an Bornträger: