Ich hatte Ihnen schon die einliegende kleine Einlage geschrieben, als zu meinem Entsetzen mir ein »Herr« gemeldet wird, der mich sprechen wolle. Ich lasse seinen Namen fragen und da ist es denn — Jan!

Wenn Bornträger einen Tag ausblieb, war Brockhaus gleich sehr gereizt. So schreibt er ihm einmal:

Ich leugne Ihnen nicht, daß ich gestern über Ihr Nichtkommen pikirt gewesen bin. Zufolge Abrede hatte ich für Sie Essen mit machen lassen, und so erwartete Sie auch dies von 2 bis 4 Uhr, wo statt Ihrer selbst ein Brief kam. Im gemeinsten Leben schon wird dies für eine sehr große Unhöflichkeit gehalten. Daß Sie um 5 Uhr schon zurückgemußt hätten, dazu sehe ich die Nothwendigkeit nicht ein. Es geht noch eine spätere Schuyt, und Muiden ist auch nicht so weit von Amsterdam, daß man im äußersten Falle die zwei Stündchen nicht zu Fuße machen könnte. Sie konnten aber auch des Nachts bleiben. Wenn man, wie ich gethan habe und thun muß, 360 Stunden reist, um mündlich Explicationen zu holen und zu geben, die schriftlich zu geben war versäumt worden, so ist man eifersüchtig darauf, wenigstens die daseiende Gelegenheit ganz zu benutzen. Von meiner Einsamkeit hier will ich nicht sprechen, da ich mich immer zu unterhalten weiß, wenn ich auch allein bin.

Einliegend ein Promemoria, dessen Ausführung ich Ihnen empfehle und stete Wiedernachsehung und Fortführung desselben, bis Alles besorgt ist. In einem Tage läßt es sich nicht besorgen, das weiß ich. Sie heben dieses Promemoria auf. Wir werden es dann immer nachsehen und beischreiben. Herüberkommen nach dem Reythuys werde ich weiter nicht; es ist mir auch zu theuer. Könnte ich mit der Schuyt gehen, so würde ich es thun, aber wegen der Menge Menschen, die darin, geht das nicht. Kommen Sie also so oft hierhin, als es nöthig ist, oder schreiben Sie. Jenes am besten per Schuyt, da das Reiten eher auffällt.

Jenes Promemoria (eine Form der Mittheilung, die Brockhaus sehr liebte) füllt zwei engbeschriebene Folioseiten und enthält 28 Punkte, geschäftliche und persönliche Angelegenheiten betreffend. Er benutzte eben die Zeit und Einsamkeit, um alles in Amsterdam noch zu Erledigende von hier aus in Ordnung zu bringen. Als Punkt 10 bemerkt er:

Ich wünschte meine Ihnen von August an geschriebenen Briefe mal wieder durchzulesen. Legen Sie sie also zusammen und lassen sie durch Jan heften, wie ich die Ihrigen habe. Meine Briefe lasse ich Ihnen gern; ich möchte nur bei ihrem Durchlesen die furchtbare Zeit nochmal durchleben.

Außer in dieser jüngsten Vergangenheit (in die ihn auch die früher von uns mitgetheilten, von hier aus geschriebenen Briefe an Karoline Richter und die altenburger Freunde über die definitive Lösung seines Verhältnisses zur Hofräthin Spazier zurückversetzten) lebte er viel in der wehmüthigen Erinnerung an die jener Katastrophe vorangegangene traurige Zeit, in der er seine heißgeliebte Frau verloren hatte. War sie doch auf dem Kirchhofe desselben Dorfes Muiden, in dem er durch eine eigenthümliche Schicksalsfügung jetzt längere Zeit verweilen mußte, begraben. Nach ihrem Grabe richtete er fast täglich seine Schritte. Er schreibt einmal an Bornträger:

Ich war diesen Abend am Muiderberg. Ich habe Sophiens Grab wieder besucht und zugleich die himmlischen Environs am Gestade des Y. Es ist die schönste Partie, die ich je in Holland gesehen, und der Abend war köstlich in seiner Linde und Heiterkeit. Wir müssen das nochmal zusammen besuchen. Ich war sehr glücklich in meiner Wehmuth und Trauer.

In einem Briefe an Frau Ludwig in Altenburg vom 22. März gibt er eine anziehende Beschreibung seines Zufluchtsorts und des Lebens daselbst:

Meine hiesigen Geschäfte verlängern sich um einige Tage, eine Zeit, die mir für meine Petulanz eine Ewigkeit dünkt. Ich hatte gehofft, so viel Zeit zu gewinnen, um einen kleinen Abstecher nach dem Sirenen-Gestade an der Seine zu machen, aber es ist nicht gelungen, und ich muß darauf Verzicht thun.

Da ich hier nur einen einzigen Zweck habe, so bekümmere ich mich auch um keinen andern. Ich sehe Niemanden als zwei vertraute Freunde und Schmidten, meinen guten mir sehr anhängigen Manus (so verkürzt man hier den Domestikennamen Hermann) und mein kleines armes Mädchen! Ich bin abwechselnd in meinem Hause und in Muiden. Aus dem Briefe an Ihre Schwester wissen Sie, welch ein theures Andenken hier für mich ruht. Die Reize dieser Gegend sind mir erst jetzt bekannt geworden. Hätte ich Matthisson's, Forster's oder Ludwig's Griffel oder van der Velde's oder Claude's Pinsel, so würde ich es versuchen, Ihnen ein Bild davon zu geben. Aber so kann ich Ihnen nur einfach sagen, daß es eins der reizendsten holländischen Dörfer ist, in einem herrlichen Buchen- und Lindenwalde gelegen, umgürtet von den angenehmsten campagnes, wahren Idyllen der schönen Gartenkunst (lassen Sie sich von Ludwig die holländischen Landhäuser mal beschreiben), und gelehnt an den schönen Meerbusen, das Y genannt. Hier ist mein gewöhnlicher Spaziergang. Für mich gibt es nichts Erhabeneres und mehr Hebendes in der Natur als das unendliche, immer gährende, immer kämpfende, immer sich vereinigende Spiel der Wellen des Oceans. Doch hier ist der Charakter desselben milde, da, wie Sie auf der Karte sehen könnten, obgleich Ausfluß der Nordsee, seine tobende Gewalt doch gebrochen ist. Ich denke mir, daß die schönen schweizer Landseen mit einem solchen Meerbusen viele Aehnlichkeit haben werden. Die Aussicht von Muiden aus über denselben weg ist wunderschön. Links ist der äußerste Horizont mit den Hunderten von Thürmen und Mastbäumen Amsterdams und seines Hafens begrenzt, gegenüber mit den Beweisen der thätigsten Industrie dieses fleißigen Volks: den Windmühlen Nordhollands; rechts nach dem Pampus hin, wo es in die Nordsee hinausgeht, sieht man auf unzähligen Punkten, so weit das Auge reicht, Fischer mit aufgespannten Segeln in ihren Kähnen und Booten halten und ihrem mühseligen Gewerbe obliegen.

Einmal bin ich mit auf den Fang ausgewesen. Wir hatten eine tüchtige Partie Heringe, die um die jetzige Zeit hier gefangen und getrocknet werden, wo sie Bücklinge heißen, und auch einige Barsche gefangen, welche eins der Lieblingsgerichte der Holländer und auch von mir sind. Man kocht sie in Wasser mit Selleriewurzeln, und sie werden so mit Butterbrot durchwürzt und mit gemengtem süßen weißen und rothen Bordeauxwein als Zugabe genossen. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß ich ein wenig Gourmand bin, wo ich's haben kann, und so lasse ich mir diese waterzootjes (Gericht Barsche) oft herrlich schmecken. Englische Austern, worauf ich mich so gefreut, gibt's aber dies Jahr hier nicht, sie sind wol mit dem Englischen Pflaster und der Englischen Krankheit in eine Kategorie gesetzt worden! Ueberhaupt hört man nichts als Klagelieder und Verwünschungen der jetzigen Zeit und ihres Beherrschers. Ich werde Ihnen über dies Alles mal viel erzählen können.