Wie er hier berichtet, wagte er sich doch auch nach der Stadt hinein, besonders um sein jüngstes Kind Sophie, jetzt anderthalb Jahre alt, öfters zu sehen, die bei dem Kaufmann Trippler und dessen Frau untergebracht war. Freilich war dies mit Gefahr für ihn verbunden, zumal in seinem eigenen Hause, wo er öfters bei Bornträger wohnte, ein französischer Oberst einquartiert war. Hier mußte er sich auch an dem officiell befohlenen Jubel über die am 20. März 1811 erfolgte Geburt des Sohnes Napoleon's (des am 22. Juli 1832 gestorbenen Herzogs von Reichstadt) betheiligen.
Er beschreibt dies in folgendem, am 26. März an Ludwig gerichteten Briefe, der zugleich über seine Stimmung und über sein Töchterchen handelt:
Sonnabend (23. März) war allgemeine Illumination wegen der Geburt des Sohnes von Bonaparte. Wir mußten auch illuminiren! Mit welchem Herzen es von uns und allen Bürgern geschah, darüber mag Gott urtheilen. Es that mir ordentlich wehe, daß Amsterdam sich einzig schön bei einer solchen Illumination ausnimmt. Nur Venedig kann darin mit ihm rivalisiren. In den herrlichen breiten Kanälen reflectirt das tausendfarbige Spiel der Lichter wunderschön, und man glaubt in Armidens bezauberten Palästen zu wandeln. Der Abend und die Nacht war herrlich und ganz sternenklar, und mehr wie hunderttausend Menschen wogten auf den Straßen und Grachten.
Mich drückte dies Alles aber sehr nieder. Ich fühle mich einsam und verlassen hier, und meine Sehnsucht ist nur: wieder weg, zu meiner neuen Heimat, die ich bei Ihnen, liebster Ludwig, setze. Wäre Vieles nicht gewesen, so ließe sich vielleicht noch ein neues Leben ordnen. Aber, was ist erst noch im alten Leben zu ordnen, ehe an eine neue Ordnung kann gedacht werden! Ihre thätige Freundschaft, edler Mensch, werde ich noch oft in Anspruch nehmen müssen. Ich bedarf einer äußern Stütze immer. Immer habe ich den besten Willen, es fehlt mir auch nicht an guten Ideen, aber ich bin muthlos geworden. Ich traue mir selbst nicht recht mehr, und meine Kraft ist daher gelähmt. Die bittern Erfahrungen, die ich in den letzten sechs Monaten gemacht habe, haben meine Scheu und Furcht vor den Menschen sehr vermehrt, und gewiß, hätte ich nicht in Ihnen und in Allem, was zu Ihrem Kreise, lieber Ludwig, in der Nähe und Ferne gehört, ein Antidot gefunden, das mich wieder mit der Welt versöhnt hätte, so würde ich Meinau's[46] Charakter ins wirkliche Leben übergetragen haben.
Die Sorge für mein kleines armes Mädchen Sophiechen beschäftigt mich hier sehr. Ich habe es auf allerhand Weise überlegt, ob ich es nicht mit mir nehmen könnte. Aber es geht nicht. Mein eigenes Schicksal ist noch zu ungeordnet. Ohne häusliche Einrichtung würde ich gar nicht wissen mit dem Würmchen, wo dort bleiben. Und dann, wie will ich es mit mir fortkriegen? Ein holländisches Wartemädchen könnte ich doch nie in Sachsen bei mir behalten, müßte es also zurückschicken, das sehr viel kosten würde. Ich reise dazu so schnell und muß so schnell reisen, daß ein Kind von so zartem Alter darüber würde zu Grunde gehen. Nach Dortmund habe ich darüber geschrieben, aber keine günstige Antwort bekommen. Seit Luisens Tode, der Schwester Sophiens, die gerade starb, wie Minna mit Ihnen auf der Michaelismesse in Leipzig war, ist für meine armen Kinder die zweite Mutter auch verloren! Ich muß daher das kleine Mädchen noch hier lassen, so sehr sich auch mein Herz und Alles in mir dagegen sträubt. Es ist zwar hier bei sehr guten Leuten, die es wie ihr eigenes Kind lieben, aber es widerstrebt mir auch besonders, es in der Stadt zu wissen. Ich werde vielleicht noch Gelegenheit finden, es aufs Land zu thun, und morgen deshalb mit einem Freunde aus der Stadt gehen.
Verzeihen Sie, lieber Ludwig, daß ich Sie von diesen meinen Particularissimis nur allein unterhalte. Aber wirklich, wofür kann ich auch in diesem Augenblicke anders Sinn haben als dafür? Mein Schicksal war seit funfzehn Monaten sehr schwer und düster. Einige Sonnenblicke erhellen es jetzt. Darüber schweigt sich denn nicht gut. Man ist wie ein genesender Kranker, der immer von seiner Krankheit erzählt.
Leben Sie wohl, lieber Ludwig. Gruß an Alle, die Ihnen angehören!
Ueber den hier erwähnten Tod seiner Schwägerin hatte er am 14. October 1810 aus Altenburg an Bornträger geschrieben:
Noch muß ich Ihnen eine traurige Begebenheit melden, die ebenfalls auf mein häusliches Verhältniß vielen Einfluß haben wird. Es ist der Tod von Sophiens ältester Schwester Luise, der Madame Rittershaus, bei der Fritz mit war. Sie war eins der edelsten Weiber, die ich je gekannt habe; sie hatte Sophiens himmlische Güte, aber mehr Energie, Kraft und Würde. Ihr Verlust ist unersetzlich auch für mich. Und für die Welt. Sie war Mutter von vier Kindern erster Ehe. Mit ihrem zweiten Manne erhielt sie noch zwei. Außerdem nahm sie noch meinen Fritz zu sich und eine Tochter des unglücklichen Hiltrop, der mit mir den Ihnen bekannten Proceß hat. Acht Kinder beweinen also das edle Weib, und mit ihnen ihr trostloser Gatte, ihre Geschwister, Alle, die sie kannten. Noch nie hat vielleicht in Dortmund ein Todesfall solche Sensation erregt als dieser. Ich werde dadurch um so mehr eilen müssen, ein oder zwei Kinder zu mir zurückzunehmen. Und das in dieser Katastrophe! Wieder welch ein schweres Verhängniß!
Nachdem endlich der Kauf mit Johannes Müller abgeschlossen war, rüstete sich Brockhaus zur Abreise und beschäftigte sich nur noch mit dem Ordnen der mitzunehmenden und der zurückbleibenden Gegenstände. Manches ihm sehr Werthe mußte er in Amsterdam zurücklassen. »Wenn ich das Alles so betrachte«, schreibt er, »so blutet mir das Herz. Die Beschäftigung ist für mich unsäglich angreifend. Fast jedes Stück hat irgendeine mir theuere Erinnerung.«
Die Zahlung der Kaufsumme hatte contractmäßig erst elf Tage nach der Unterzeichnung des Kaufvertrags, am 1. April, zu erfolgen, und da Johannes Müller diese Frist streng einhielt, so verzögerte sich Brockhaus' Abreise wieder.
Er schreibt mit Bezug darauf an Bornträger:
Ich sitze wie auf Nadeln. Denken Sie sich meine Stimmung und rechten Sie noch über Worte! Meine Empfindungen für Sie kennen Sie!
Heute sind zehn Dreispänner von Amersfoort hier durchgekommen, die nach Amsterdam gingen, um dort morgen für Leipzig zu laden. Ich habe selbst mit ihnen gesprochen. Wären nun unsere Sachen schon fertig, so könnten sie mit versandt werden!