Da von meinen Briefen Copie genommen wird, so habe ich mit der größten Resignation diesen letzten nochmal überlesen, und ich muß mir selbst das Zeugniß geben, daß ich endlich kein Wort darin habe zu finden vermocht, was jene Bezeichnung und Charakteristik verdiente, und ich kann dessen auch um so gewisser sein, da in meiner Seele nichts liegt, was diesen Charakter trüge, auch überhaupt es mein Wesen nur zu wenig ist, Phrasen zu machen, da ich alle Verhältnisse um mich her immer nur zu sehr in Wahrheit auffasse und mich darüber ausspreche. Da mir als Mensch dieser Ihr Vorwurf sehr schmerzhaft gewesen, so ist dies der einzige Punkt, gegen den ich in Ihrem Briefe reclamire, indem ich Ihnen die Versicherung gebe, daß der sonstige Inhalt mich befriedigt hat .... Weiter weiß ich nichts, und so wäre unsere Fehde doch nicht in Unehre geendet! Ich wünsche Ihnen alles Gute.
In spätern Jahren veränderten sich die Verhältnisse der beiden Männer und ihrer Firmen nicht unwesentlich; wir können nicht umhin, auf zwei solcher Momente kurz hinzuweisen.
Im Jahre 1819 hatte Brockhaus Veranlassung, aus Leipzig, derselben Stadt, in der sich die altberühmte Gleditsch'sche Buchhandlung seit ihrer Begründung befand, an den Besitzer derselben, Enoch Richter, der ihn acht Jahre vorher so hart behandelt und aus jener Stadt vertrieben hatte, als Besitzer einer weit jüngern, aber inzwischen zu immer größerer Bedeutung gelangten Buchhandlung, zu schreiben: er könne ihm weder mit Kasse noch mit fremden Papieren »aushelfen« (wegen der damals herrschenden Handelskrisis) und habe ihm die frühern 3000 Fl. nur »aus Gefälligkeit« überlassen. Jener hatte sich also schon zum zweiten male um Unterstützung an ihn gewandt.
Und eine noch eigenthümlichere Fügung des Schicksals ist es, daß die Firma Johann Friedrich Gleditsch, nachdem ihr Besitzer, Enoch Richter, hatte liquidiren müssen, einige Jahre darauf mit dem größten Theile ihrer umfassenden Verlagswerke für eine ansehnliche Kaufsumme in den Besitz der Firma F. A. Brockhaus überging und Enoch Richter in den letzten Jahren seines Lebens von dieser literarisch beschäftigt wurde!
Enoch Richter war übrigens ein intelligenter Buchhändler und überhaupt ein begabter Mann. Von ihm rührt die Idee zu der großen »Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste« von Ersch und Gruber her, die seit 1818 in dem Gleditsch'schen Verlage erschien und mit diesem 1831 von der Firma F. A. Brockhaus erworben wurde. Ferner bearbeitete er 1830 für letztere das »Vollständige Handwörterbuch der deutschen, französischen und englischen Sprache«, welches so großen Beifall fand, daß es 1870 in neunter umgearbeiteter Auflage erscheinen konnte. Richter starb in Hamburg am 15. October 1831, und dies war gerade der Tag, an dem die Gleditsch'sche Buchhandlung das Eigenthum der Firma F. A. Brockhaus wurde!
Die Gleditsch'sche Buchhandlung (über deren Geschichte einige Angaben hier wol am Platze sind) war 1693 von Johann Friedrich Gleditsch in Leipzig gegründet worden, nachdem derselbe schon seit 1681 die Buchhandlung von Johann Fritsch geleitet hatte. Nach seinem Tode (26. März 1716) von einem Sohne fortgeführt, kam sie später in den Besitz von Wilhelm Heinsius (bekannt durch das von ihm begründete und herausgegebene, später ebenfalls in den Verlag von F. A. Brockhaus übergegangene »Allgemeine Bücher-Lexikon«); 1805 von Enoch Richter angekauft, wurde sie Ende 1827, als dieser sich genöthigt sah, zu liquidiren, von Johann Friedrich Schindler übernommen, nach dessen Tode (15. December 1828) von seiner Tochter Anna Therese, verehelichten Dr. Hahn; diese trat sie am 14. April 1830 an Christian Reichenbach's Erben & Compagnie ab, worauf sie endlich, wie bereits erwähnt, am 15. October 1831 an die Firma F. A. Brockhaus überging. Von letzterer wurde die alte Firma Johann Friedrich Gleditsch, nachdem sie unter diesem Namen ihres Begründers 138 Jahre lang bestanden und zu den angesehensten deutschen Buchhandlungen gehört hatte, nicht weiter fortgeführt, sondern deren Verlag (mit Ausnahme einiger vorher bereits an andere Verlagshandlungen verkauften Werke) mit dem ihrigen vereinigt.
Fast so schwer wie mit Enoch Richter war für Brockhaus eine Verständigung mit dem Bankier Friedrich Christian Richter, der mit ihm während der letzten Jahre in lebhaftem geschäftlichen und selbst in freundschaftlichem Verkehr gestanden hatte, wenn auch, wie die von uns früher mitgetheilten Briefe zeigen, vorübergehend Störungen darin eingetreten waren.
Der jetzt zwischen Beiden geführten Correspondenz verdanken wir folgenden Brief, der Brockhaus' ganze Lage in dieser Periode mit manchen bisher noch nicht erwähnten Details klar darlegt, am 21. April 1811 aus Altenburg an den frühern Freund gerichtet: