Zwischen meinem Bevollmächtigten, Herrn Friedrich Ferdinand Hempel hier, und Ew. Wohlgeboren haben seit dem vorigen October schriftliche mich betreffende Unterhaltungen stattgehabt, die mir sämmtlich zur Kenntniß gekommen sind.
In dem letzten Briefe, womit Ew. Wohlgeboren ihn beehrt haben, erklärten Sie sich auf die Anfrage, ob Sie geneigter seien, Ihre Forderung an mich auf Termine zu setzen und sie dann ganz zu empfangen, oder ob Sie es vorzögen, mit der Lage der Dinge angemessenen Aufopferungen eine sofortige Liquidation zu erhalten: daß Sie auf jenes nie eingehen würden, wohl aber in Erwägung der Umstände sich zu diesem verstehen dürften. Eine gleiche oder ähnliche Antwort ging von allen übrigen Creditoren ein.
Die Aufgabe war also jetzt, Fonds zu finden, um dem Ansinnen und dem Drange der Creditoren zu begegnen. Der Natur der Verhältnisse wegen mußten die Creditoren sämmtlich und auf einmal befriedigt werden, und es war demnach ein bedeutendes Kapital nothwendig. Wären die Creditoren gleich nach der Michaelismesse dem Vorschlage des Herrn Hempel beigetreten, mir provisorisch für eine gewisse Zeit Ruhe zu lassen und persönliche Sicherheit zu garantiren, wogegen er sich dann verpflichten wolle, ein den Umständen angemessenes Kapital durch Negociation herbeizuschaffen, so würden die Creditoren einerseits schneller sein befriedigt worden, sie würden gewiß bessere Bedingungen als jetzt erhalten haben, und für mich wären die schweren Aufopferungen nicht nöthig gewesen, die ich nachher zu machen bin gezwungen worden. Die respectiven Creditoren wiesen jenen gutgemeinten Vorschlag, der Alles vielleicht geeinigt hätte, von der Hand, und so wie für sie selbst mit, so entstanden auch für mich aus seiner Verwerfung sehr unangenehme Resultate. Einzelne von den Creditoren suchten mich gerichtlich zu verfolgen, woraus odiose und kostbare Processe entstanden. Hierdurch und durch die Heftigkeit und die Leidenschaft, womit wieder Andere sich gegen mich erklärten, wurde das Vertrauen, das man gegen mich und meine Angelegenheiten gezeigt hatte und welches Vertrauen mir jene Fonds würde verschafft haben, geschwächt! Das schwere neue häusliche Unglück, das durch die fürchterliche Krankheit der Frau Hofräthin Spazier, die in jener Periode nach einem heftigen Nervenfieber ihres Verstandes beraubt wurde, mich traf und mich in namenlosen neuen Jammer stürzte, kam hinzu, um jedes Vertrauen zu meiner äußern Lage, da ohnehin das Geschäft jetzt ganz in Stockung gerieth, also täglich schlechter wurde, vollends zu zernichten!
Bei diesem neuen Stande der Dinge blieb nichts Anderes übrig als Concurs, der aber den Creditoren Alles entzogen hätte bei der Priorität meiner Kinder, oder schnelle Aufopferung von allen concurrirenden Theilen (den Creditoren, von mir und den Vormündern der Kinder), wenn wenigstens Etwas gerettet, jene nicht Alles verlieren und ich nicht ganz zu Grunde gehen sollte.
Pflicht der Menschlichkeit verbot es mir indessen, meine Freundin in ihrem schrecklichen Zustande zu verlassen. Das habe ich auch damals nicht gethan, trotz allen Gefahren, die mich umringten, obgleich gegenwärtig unsere Verhältnisse gänzlich getrennt sind. Erst als ich die arme unglückliche Frau nach einiger Genesung in Begleitung ihrer Schwester, der Gattin Jean Paul Richter's, nach Berlin zu ihrem Vater zurückgebracht hatte, konnte und durfte ich mich wieder mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigen! Wie sehr sich solche aber verschlimmert hatten, bedarf keiner Ausführung!
In diesen Zeitpunkt ohngefähr oder etwas früher fällt Herrn Hempel's obengedachte Anfrage und auch Ihre Antwort, und wir haben jetzt den Stand- und Zeitpunkt wieder, von dem mein heutiges Schreiben oben ausging.
Bei der Unmöglichkeit also, außer in mir selbst anderwärts Fonds zu finden, blieb Nichts weiter übrig, als sich solche zu jedem Preise und mit jeder Aufopferung durch Verkauf von Eigenthum zu verschaffen. Ich beschloß demnach, die Sortimentshandlung in Amsterdam loszuschlagen, und ich reiste zu diesem Endzweck Anfang März von Altenburg nach Amsterdam. Meine dortige Bilanz, die ich Ihnen vorlegen kann, wie ich Ihnen Alles, was ich sage, durch Documente zu beweisen im Stande bin, hatte im November noch einen Ueberschuß von 30000 Fl. (nominell, obgleich Alles ordentlich geschätzt und inventirt) dargeboten. Allein sowol durch die jetzige Lage Hollands, da drei Viertel des Nationalvermögens seit zwölf Monaten nach und nach verschwunden ist, da alle öffentlichen Anstalten, Universitäten, Institute &c., denen ihre Fonds sämmtlich auf Nationalpapieren beruhen, durch die Tiercirung der Zinsen unfähig sind zu zahlen und zu kaufen, da endlich die eigentlichen Nahrungsquellen dieses Landes durch die jetzigen Maßregeln versiegt sind, — so war, wie man erwarten mußte, jetzt dort Alles entwerthet.
Meine Handlung war ohnehin seit dem November größtentheils in Stockung gerathen und unterbrochen worden; dagegen waren die Unkosten fortgegangen; schwere Abgaben waren zu leisten gewesen, drückende Einquartierungen hatten stattgehabt; mein und der Handlung Credit war infolge aller Störungen zernichtet; mehrere Gläubiger auch dort hatten alle disponibeln Kräfte durch ihren Druck ausgesogen.
Jeder Billige und Verständige wird einsehen, wie unter solchen Verhältnissen der Kapitalwerth meines dortigen Eigenthums seit sechs Monaten mußte geschwächt worden sein, wie er täglich mehr schwinden mußte, und welche Aufopferungen ich werde zu machen gezwungen gewesen sein, um dasjenige, was noch dort war, schnell oder vielmehr auf der Stelle gegen gleich baare Zahlung oder doch solche Garantien, auf welche ich baare Fonds negociiren könnte, zu realisiren! Ich habe aber alle diese Aufopferungen nicht gescheut und nicht scheuen dürfen, und so habe ich mit einem reellen Verluste von wenigstens 20000 Fl. dort ein Kapital gerettet, das ich jetzt bei meiner Zurückkunft aus Holland auf der Stelle meinen Creditoren hier anbiete!
Zwar gehört dies Kapital streng genommen meinen Kindern, und wenn ich auf das Aeußerste hinauf- oder hinausgetrieben werde, so wird es auch nur ihnen. Ich persönlich gehe dann zwar unter, und man erreicht dann darin das, was man oft nur zu wollen geschienen hat oder gesucht; aber Jene, die armen verwaisten Kinder, thun es doch nicht. Ich sage, das Kapital gehört streng genommen zwar diesen, allein die Hoffnung, daß, einmal gründlich debarrassirt von allen Störungen und Hindernissen, es mir gelingen werde, durch neue Thätigkeit wieder zu erwerben, was jetzt dahingegeben wird, hat mich den Entschluß fassen lassen, es darauf zu wagen, jetzt alles Disponible nur hinzugeben, um nur zu neuer und geregelter Thätigkeit zurückkehren zu können!
Was wir bei dieser Lage der Umstände anzubieten und zu geben im Stande sind, haben wir auch Ew. Wohlgeboren durch Herrn Mitzky anbieten lassen.
Es ist Niemand, der es schmerzhafter fühlt als ich selbst, wie schwer jedem einzelnen Creditor die Aufopferung fallen muß, die ich ihm zumuthe. Aber hier ist einmal kein anderes Mittel. Jetzt ist nicht mehr da. Und es wird nie mehr da sein als jetzt. Jedem Creditor muß die Wahrheit dieser Anführungen in die Augen springen.
Nur von dem, was vom Verlagsgeschäft nach und nach spärlich eingeht, und weiter von zu hoffender fremder Unterstützung soll und kann das neue Leben begonnen werden. Kann ich aber über Jenes anticipirend verfügen? Kann ich diese einmal begehren oder suchen oder annehmen, solange das Alte nicht vorab geordnet ist?
Gelingt es mir dagegen, einst neue Kräfte zu erhalten, so wird mein Ehrgefühl mich von selbst bestimmen, das aus eigenem Motive nachzuholen, was jetzt aufgeopfert wird.
Ew. Wohlgeboren haben mündlich und schriftlich gegen Hempel sich mit Härte und Wegwerfung, ja selbst mit Beschimpfung über mich ausgedrückt. Ich antworte darauf nur: Ich habe es nicht verdient!
Alles, was geschehen, ist durch das Gedränge der gebietendsten Ursachen veranlaßt worden. Ich habe durch unverschuldete Verluste, durch äußere Ursachen, die weder vorherzusehen noch zu berechnen waren, schwere Verluste gehabt. Tod und Krankheit hat meine moralischen und meine physischen Kräfte lange gelähmt.
Alles, was ich Ihnen je in vertrauten Stunden gesagt, Ihnen in vertrauten Briefen geschrieben, ist wahr gewesen. Ich habe Ihnen nie ein wesentliches Wort gelogen. Ueber den einen speciellen Vorwurf, den Sie mir direct und indirect gemacht, kann ich mich rechtfertigen.
Werfen Sie jetzt noch einen Stein auf mich!
Das Einzige, worüber ich mir Vorwürfe mache, wozu aber Sie nicht das Recht haben, waren meine Verhältnisse zu einer geistreichen und liebenswürdigen Frau, deren eigene Verhältnisse zur Welt mir aber unbekannt waren. Aber diese haben auch nur von mir dürfen entdeckt werden, um eine Verbindung für immer in dem Augenblick aufzuheben, wo es mein Gefühl für Menschlichkeit und die Gesetze der Ehre erlaubten!
Ich komme jetzt zur Hauptsache. (Folgen detaillirte Vorschläge.)....
Wer Geschäfte kennt und die Erfahrung hat wie Sie, der weiß, daß ein einmal stockendes Geschäft täglich schlechter wird. Bewilligte man mir im October provisorische persönliche Ruhe und Sicherheit, so konnten und würden wir gewiß weit bessere Offerten machen wie jetzt. Schlägt man diese jetzigen abermalen aus, so werden die, welche wir über sechs Monate machen können, von neuem in derselben Progression schlechter sein! Dies ist mathematisch nothwendig.
Ich will es nicht versuchen, Sie durch irgend weitere und andere Mittel, als es die vorstehend gegebene einfache Exposition aller Verhältnisse gewesen ist, überreden und bestimmen zu wollen! Sie sind zu einsichtsvoll, um nicht die Lage der Dinge zu würdigen, und zu edel, um mich zur Verzweiflung treiben und vindicativen Gesinnungen Gehör geben zu wollen. Sollten Sie einen unserer Vorschläge annehmen, so wird der Betrag nach Regulirung der Rechnung augenblicklich nach empfangener Nachricht, die Sie gefälligst Herrn Mitzky mittheilen wollen, baar angewiesen oder bezahlt.
Dieser Brief blieb nicht ohne Erfolg, und Richter nahm in der Hauptsache die ihm gemachten Vorschläge an.
Brockhaus hatte so nach der Rückkehr von der leipziger Ostermesse des Jahres 1811 zum ersten male nach langer Zeit die Beruhigung, wieder festen Fuß fassen zu können. Die Regelung einiger anderer Rechnungsverhältnisse (namentlich mit der J. G. Cotta'schen Buchhandlung in Tübingen, Friedrich Vieweg in Braunschweig und Heinrich Gräff in Leipzig) zog sich noch bis zur Ostermesse 1812 hin, ohne indeß den Wiederbeginn seiner Thätigkeit zu stören.
Daß aber Brockhaus seines (auch in dem eben mitgetheilten Briefe gegebenen) Versprechens eingedenk war und dasselbe im vollsten Sinne des Wortes einlöste, zeigt der von einem angesehenen leipziger Advocaten unterm 15. März 1820 an Brockhaus' frühere Creditoren in dessen Auftrage gerichtete Circularbrief, welcher der Zeit vorgreifend gleich hier folgen möge:
Ich bin von Herrn Brockhaus hier mit einem Auftrage beehrt worden, dessen ich mich hierdurch mit besonderm Vergnügen entledige.
In den Jahren 1811-1812 kam, wie Sie sich erinnern werden, das Geschäft unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam, aus Ursachen mancherlei Art in die unangenehme Lage, seine Creditoren um Nachsicht bitten zu müssen. Diejenigen derselben, welche diese Nachsicht zugestanden, wurden innerhalb eines Jahres vollständig befriedigt. Ein anderer Theil, wozu auch Ew. Wohlgeboren gehörten, lehnte diese Nachsicht ab und zog die ihnen gegebene Alternative vor, gegen gleich baare Zahlung einen Theil ihrer Forderungen freiwillig aufzuopfern.
Zur Findung der hierzu erforderlichen Fonds wurde das Sortimentsgeschäft der gedachten Firma für die Summe von 7000 Gulden und mit einem Verluste von wol 30000 Gulden verkauft, ein Umstand, den ich wie den, daß die im Laufe von 1811 nachgelieferten und während 1810 theilweise zurückgehaltenen Journale vom Jahre 1810 am Ende nicht mehr in Holland, das in der Zwischenzeit die französischen Gesetze bekommen hatte, eingeführt werden konnten und sämmtlich confiscirt wurden, welches einen Verlust von abermals gegen 5000 Gulden an Journalcontis nach sich zog, zur richtigen Beurtheilung der damaligen Verhältnisse mir besonders deshalb anzuführen erlaube, weil dieses amsterdamer Sortimentsgeschäft und was damit verbunden, eigentlich den Kindern erster Ehe des Herrn Brockhaus hätte zugewendet werden müssen, Herr Brockhaus es aber verlangte, daß es auf diese Weise verwendet wurde.
Herr Brockhaus war der Chef der gedachten Firma sowie der alleinige bekannte Eigenthümer derselben gewesen. Nach dieser Stockung hörte die alte Firma auf, und das Geschäft wurde unter dem Namen des Herrn Brockhaus und von jetzt an für seine alleinige Rechnung fortgesetzt.
Es war von jeher die Absicht des Herrn Brockhaus, jene Nachlasse, ob sie gleich freiwillig zugestanden waren und eine einjährige Nachsicht sie ganz überflüssig gemacht und auch jenes Geschäft gerettet hätte, unter günstigern Umständen nachzuberichtigen, und er hat auch diejenigen, welche ihm eine höhere moralische Verbindlichkeit zu haben schienen, successive längst beseitigt und vollständig liquidirt.
Gegenwärtig, nachdem auch seine Kinder erster Ehe vorab für jene Verluste beim Verkauf des amsterdamer Geschäfts vollständig von ihm entschädigt worden sind, hat er infolge jener Absicht sich entschlossen, diejenigen Nachlasse, welche in gedachten Jahren der Firma des Kunst- und Industrie-Comptoirs zugestanden und die noch nicht von ihm ersetzt worden, ohne Ausnahme und mit den Zinsen, vom 1. Januar 1813 an gerechnet, sämmtlich nachzuliquidiren, und ich bin in Gemäßheit dieses Vorsatzes beauftragt, Ew. Wohlgeboren, welche sich in diesem Fall befinden, über den damaligen Abschluß der Rechnung mit dem Kunst- und Industrie-Comptoir um einen Abzug in duplo zu ersuchen.
Ich habe diese Notification folgenden Handlungen zu machen (folgen die betreffenden Namen), indem diese, soviel Herrn Brockhaus bewußt, die einzigen sind, gegen welche noch Verbindlichkeiten der gedachten Art zu erfüllen wären. Da Herrn Brockhaus es beehrgeizt, daß auch Niemand jetzt übergangen bleibe, so wünscht er, daß, im Fall Ihnen noch Jemand bekannt sei, der hier nicht genannt ist und sich im gleichen Falle befinde, Sie diesen veranlassen möchten, sich mir zu erkennen zu geben.
Weil diese Angelegenheit sich nicht durch die Handlungsbücher des Herrn Brockhaus ziehen läßt, sondern von ihm privatim liquidirt wird, so wollen Ew. Wohlgeboren Ihre Mittheilungen darüber nebst den schon gedachten Auszügen auch nicht direct an Herrn Brockhaus, sondern an mich adressiren, wie Sie denn auch durch mich späterhin nach erfolgter Verification die Valuta erhalten werden ....
Herr Brockhaus theilt Ihnen zugleich seinen aufrichtigen Wunsch mit, daß, was zwischen Ihnen und ihm in jener Vergangenheit liege, und das, wo man sich gegenseitig möge oder könne gekränkt haben, rein und völlig vergessen sei oder es werde.
Er ersucht Sie, ihm dieselben wohlwollenden und freundschaftlichen Gesinnungen zu widmen, welche er gegen Ew. Wohlgeboren zu hegen vollkommen geneigt ist.
Dieses Schreiben bildet wol den würdigsten und versöhnendsten Abschluß der Sturm- und Drangperiode in Brockhaus' Leben und bedarf keines weitern Commentars von unserer Seite; wir versagen uns deshalb auch die Wiedergabe der ebenso große Ueberraschung als Befriedigung zeigenden Antworten, die darauf von allen Seiten eingingen.
Als jenes Schreiben in seinem Auftrage erlassen wurde, hatte Brockhaus allerdings Altenburg schon wieder verlassen und war in dem Hafen angelangt, der den Ziel- und Endpunkt seiner Lebenswanderungen bilden sollte.
Bevor wir ihm aber dahin, nach Leipzig, folgen, haben wir die von ihm dauernd in Altenburg zugebrachte Zeit vom Frühjahre 1811 bis Ostern 1817 mit ihm zu durchleben.