Mit diesem Tage beginnt auch das erste im Besitz der Firma befindliche Copirbuch seiner Geschäftsbriefe; ebenso sind die an ihn in Geschäftsangelegenheiten gerichteten Briefe erst von dieser Zeit an vorhanden.
Altenburg, das von dieser Zeit an sechs Jahre hindurch (bis Ostern 1817) Brockhaus' bleibenden Aufenthalt bildete, war damals nicht Residenz, was es erst 1826 als Hauptstadt des der Regentenfamilie von Sachsen-Hildburghausen zugefallenen selbständigen Herzogthums wurde. Das Land Altenburg war zwar auch bis dahin ein selbständiges Fürstenthum, aber mit Gotha durch eine Art Personalunion zu dem Herzogthum Sachsen-Gotha-Altenburg verbunden. Der gemeinschaftliche Herzog Emil August residirte in Gotha, doch hatte Altenburg eine gesonderte Gesetzgebung und Verwaltung, eigene Landstände und Centralbehörden (Landesregierung, Kammercollegium, Consistorium u. s. w.). Aus diesen eigenthümlichen Verhältnissen erklärt sich das rege geistige Leben, das in diesen Jahren in Altenburg herrschte. Der selbst geistig hervorragende Herzog hatte bedeutende Männer an sich herangezogen, und diese bewegten sich, entfernt von den unmittelbaren Einwirkungen einer fürstlichen Hofhaltung, um so freier. Der Kammerpräsident, spätere Minister Hanns von Thümmel, Bruder des Dichters und frühern sachsen-koburgischen Ministers Moritz August von Thümmel, zeichnete sich durch geniale gesetzgeberische und Verwaltungsthätigkeit aus; der Kanzler und Minister von Trützschler durch juristische Werke; der Kammerrath, spätere Minister Bernhard von Lindenau durch astronomische Werke und landständische Wirksamkeit im liberalen Sinne. Andere hervorragende Mitglieder der altenburger Gesellschaft waren: Generalsuperintendent Demme, Superintendent Schuderoff, Gymnasialdirector Professor Matthiä (Verfasser der bekannten griechischen Grammatik), Gymnasialprofessor Messerschmidt, Kammerverwalter Ludwig, Regierungssecretär Hofrath Brümmer, Hofadvocat Friedrich Ferdinand Hempel (durch seine satirischen Schriften unter den Pseudonymen Spiritus Asper, Peregrinus Syntax u. s. w. bekannt), Kammersecretär Lüders, Hofrath Buddeus, Geh. Kammerrath Zinkeisen, Hofrath Dr. Pierer (Inhaber der Hofbuchdruckerei), endlich der Bankier, spätere Geh. Finanzrath August Reichenbach.
Hauptmittelpunkte des geistigen und geselligen Verkehrs bildeten die Häuser von Ludwig und Reichenbach, besonders durch die denselben angehörenden geistvollen Frauen: die Gattin Ludwig's nebst ihrer unverheiratheten Schwester, die drei Schwestern Reichenbach's, Frau Hoffmann, Frau Klein und Frau Hofräthin Pierer, und Karoline Hempel, die Schwester Ferdinand Hempel's. Man lebte überaus gesellig und veranstaltete oft Bälle, Concerte und Theateraufführungen, während die Männer auch noch allein zu geistigem Verkehre zusammenkamen.
In diesen Kreis, dessen Mitglieder uns zum Theil schon früher begegnet sind, war Brockhaus gleich nach seiner Ankunft aufgenommen worden und bildete bald einen Mittelpunkt desselben.
Frau Professor Luise Förster in Dresden, die Gattin Karl Förster's und Schwester Ernst und Friedrich Förster's, theilt uns über diesen Kreis, dem sie in ihrem älterlichen Hause ebenfalls angehörte, Folgendes mit:
Obschon Brockhaus als ein Fremder in Altenburg eintrat, wurde er doch bald als ein willkommener Einheimischer betrachtet; sein gediegener Charakter, eine tiefgehende Humanität, vielseitige Kenntnisse, das ernste Streben, der Wissenschaft und durch dieselbe allem Guten und Schönen förderlich zu werden, dabei ein nie verletzender Humor, zu welchem eine gewinnende Persönlichkeit sich gesellte, alle diese Vorzüge waren bald erkannt, und Brockhaus wurde der Mittelpunkt der gebildeten kleinen Welt in Altenburg. Zu seinem nähern Umgang gehörten: Hofrath Pierer, Professor Messerschmidt, Ludwig, Brümmer, Hempel (Spiritus Asper), Bankier Reichenbach, Königsdörfer, Minister von Thümmel und dessen Bruder, der durch seine Schriften bekannte Moritz von Thümmel; auch der hochgeachtete Generalsuperintendent Hermann Demme, durch seine literarische Thätigkeit bekannt und gepriesen, stand dem geistverwandten Brockhaus nicht fern. Der Umgang mit diesen Familien, wo das seichte Salonleben weder unter Männern noch Frauen sich einbürgern konnte, war für Brockhaus zusagend; er war für den geistigen Austausch in diesen Kreisen das belebende Element, und obschon die zartern Formen der Weltbildung ihm wol angeboren waren, so konnte man doch annehmen, daß Goethe's Worte im »Tasso«:
Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur bei edeln Frauen an,ihm ein treuer Wegweiser für geselligen Umgang waren.
Der erwähnte kleine Kreis, welcher sich fast in jeder Woche einmal vereinigte, wurde von den jenem Kreise Fernstehenden nicht ohne Ironie die »Theegesellschaft« genannt; vielleicht auch, weil in jener Zeit der Genuß des Thees, den nur die höhere Gesellschaft sich erlaubte, als ein ungewöhnlicher, aber »matter« Luxus bezeichnet wurde.
Besonders fühlte sich Brockhaus von der Ludwig'schen Familie angezogen, der er zunächst durch geschäftlichen Verkehr mit Ludwig, als dem Curator der Hofräthin Spazier, näher getreten war. Als er Anfang März Altenburg plötzlich verließ, um nach Amsterdam zu reisen, drängte es ihn, noch von Halle aus Frau Ludwig seine Empfindungen darüber auszusprechen. Dieser spät in der Nacht vor der Weiterfahrt geschriebene Brief lautet: