Ich wage es drauf, verehrteste Frau, und möchte ich auch dafür ein wenig unbescheiden gehalten werden, Ihnen selbst und ohne Vermittelung, die doch immer in etwas die Lebendigkeit der Gedankenmittheilung unterbricht, zu sagen, wie sehr Sie und alle Theile und Bilder Ihres würdigen Hauses mich beschäftigen, und wie sehr es mein Wunsch ist, auch Ihnen Allen, die diesen schönen Lebensverein bilden, in recht gutem Andenken zu bleiben. Ich kann Ihnen die Empfindungen nicht durch Worte, noch weniger durch Schriftzüge ausdrücken, die ich hatte, als ich Sonntag Morgen Ihnen, Ihrer Schwester, Ludwig Lebewohl sagte. Es war mir, als hätte ich für immer mit Ihnen Allen gelebt (so nahe fühlte ich mich Ihnen), und wieder, als sei meine Trennung von Ihnen für ewig, so sehr ergriff es mich. Wer weiß es auch, wie das Schicksal mein nun lange her verworrenes Leben weiter noch verwirren will, oder auch, dies ist ein Lichtstrahl durch den für mich umzogenen Himmel, ob sich jetzt vielleicht Fäden zeigen werden, an die sich eine neue und schöne Zukunft binden könnte. Seit dem 8. December — es sind nun 15 Monate — wo ich das Theuerste verlor, was ich auf Erden hatte, und von welchem Tage an mein Leben sich auch verwirrte, habe ich keine andern rein glücklichen Stunden gehabt als die, welche ich in Ihrem Anschauen, verehrte Frau, in der Betrachtung und Würdigung Ihrer himmlischen Anmuth und Ihres Edelsinns gehabt habe. Aus diesem Gesichtspunkte genommen könnte ich diese so unglückschwanger gewesene Zeit selbst für einen schönen Zeitraum halten, und auch ohne diesen meinen höchsten Schwung der Empfindung gibt es noch andere Standpunkte, aus welchen ich diese Zeit für sehr reich — für üppig reich selbst — für mein geistiges Dasein halten muß. Ich habe in den fünf Monaten meines altenburger Aufenthalts geistig mehr gelebt und erlebt, als manchem Erdenkinde im ganzen Leben oft beschieden wird, und wenn auch das Unglück sich über mich in demselben erschöpfen zu wollen schien, so hat es doch auch wieder einen Reichthum in sich gehabt, daß mir das Unglück selbst fast theuer geworden ist durch den Umfang der Erfahrungen und Beobachtungen, die ich in demselben habe machen müssen, und durch die Gelegenheit, die ich in ihm gefunden habe, Sie, verehrte Frau, Ihre vortreffliche Fräulein Schwester, dann die lebenskluge und herrliche Karoline, und von Männern Ludwig und Hempel näher kennen zu lernen. Ich werde nie vergessen, in welche Lage des Lebens ich auch möge versetzt werden, was ich Ihnen Allen, besonders auch Ihrem edeln Manne und dem von mir sehr hochgehaltenen Ferdinand (Hempel) schuldig bin, und mein Leben wird immer dem lebhaftesten Danke geweiht sein.
Leben Sie wohl. Möge ich bald zu Ihnen zurückkehren können! Ihrer von mir sehr verehrten Schwester die herzlichste Empfehlung.
In anderer Weise bezeichnend für Brockhaus' Schreibweise und für den in dem altenburger Kreise herrschenden Ton ist folgender Brief, den er einige Tage darauf, am 8. März, aus Osnabrück an Ludwig richtete:
Dem Himmel sei Dank, liebster Ludwig, mehr als zwei Drittel der schweren Reise, nämlich 55 Meilen, sind zurückgelegt in den noch nicht 4½ Tagen. Ich bin im Wesentlichen nie so schnell gereist als diesmal. Den Montag vertrödelte ich nämlich ganz auf den wenigen Meilen bis Leipzig und in Pourparlers mit meinem Commissionär, den ich erst in Greudniz (Reudnitz) und nachher wieder in Leipzig sprach. Erst um 8 Uhr abends kam ich von Leipzig weg.
Jetzt aber hätte ich auf den Flügeln des Sturmwindes mein Ziel ereilen mögen! Ich fand jedoch so viele prosaische Hindernisse an grundlosen Wegen, schlechten Pferden, groben Postmeistern und betrunkenen Postillonen, die meine poetische Eile gar nicht verstehen wollten, daß ich nur durch große Resignation auf Alles, was zur Restauration und zur Bequemlichkeit des äußern Lebens gehört, und mit Unterstützung der gegenwärtig wirklich sehr guten neuen westfälischen Postordnung — wenn der Reisende auf die Ausführung dringt! — es so weit habe bringen können, jetzt schon hier zu sein. Aber ich habe mich auch was geeilt, lieber Ludwig. Nur immer vorwärts, dachte ich, um schnell wieder rückwärts zu kommen zu den biedern Altenburgern. Kein Abenteuer ist also bestanden, denn daß ich einmal bin umgeworfen worden und die elende Postchaise in tausend Stücke, ich aber in heiler Haut davonging, ob es gleich possirlich genug war, wie es hätte gefährlich sein können, ist nicht dahin zu rechnen. Nach keiner Merkwürdigkeit habe ich mich umgesehen, keinen berühmten Mann habe ich besucht, kein bedeutendes Wort habe ich sprechen hören, und ich würde wahrlich in Verlegenheit sein, wie ich eine Reisebeschreibung auch nur im kleinsten Sedez zu Stande bringen sollte. Da stehe ich recht beschämt vor meinem weiland Collegen, dem großen Nicolai, der über Nürnberg, wo er eine Nacht schlief, einen dicken, dicken Band von 500 Seiten schrieb, und ich stehe auch neidisch gegen einen Spiritus Asper, der über eine kleine Reise um seinen kleinen winzigen Tisch[47] mehr Merkwürdiges und Geistreiches sagen wird als ich, wenn ich eine Reise um die Welt machen und sie beschreiben sollte. Phantasie und Reflexionen, wie Sie, liebster Ludwig, uns solche in so besonnener Form gegeben — oft zu besonnener, denn beim Reisen wie beim Leben muß es oft heißen: desipere in loco — sind mir nun vollends gar nicht viele in den Kopf gekommen, wie ich es ehrlich gestehen will. Es muß mir am Zeuge dazu, den Gattungen selbst, wol ganz fehlen. Hätte ich von meiner étourderie, denke ich mir, so 'nen vierten Theil, und wäre es auch ein volles Drittel, weniger, und könnte ich mir dagegen so ein Portiönchen Reflexion erkaufen! Von meiner Leidenschaftlichkeit könnte ich wol gar die Hälfte missen, wenn ich sie auch mit 50% Verlust gegen 25% Phantasie eintauschen könnte. Einen Tausch, lieber Ludwig, will ich Ihnen nicht vorschlagen, weil meine Waare eigentlich nicht, wie die Holländer sagen, puyk puyk (fein, auserlesen) ist; eher möchte ich ihn mit einem unserer modernen Philosophen und Aesthetiker machen, die mir denn ihre Reste überließen und von dem, was sie dagegen von mir erhielten, dann rein toll würden werden.
Was ich gethan habe denn eigentlich? Antwort: so viel geschlafen als möglich, aufrichtig gesprochen. Mit dem Denken in der kalten feuchten Luft, auf einem offenen Karren, auf harten Bänken sitzend, erfroren und erstarrt am ganzen Leibe, zerrüttelt und zerstoßen auf den Chausseen, in den Koth sinkend auf den Landwegen, miserabel gefüttert und getränkt in den Gasthöfen — so will's bei mir wenigstens mit dem Denken gar nicht recht fort. Ich habe darin Sancho Pansa's Natur. Eine gemeine. Ich denke nicht besser und lieber als hinterm warmen Ofen, auf 'm weichen Sofa, oder am fein besetzten Tische und beim vollen Becher. Hätte ich Ihres edeln Freundes, des Herrn Reichenbach, bequemen Wagen und seinen herrlichen Burgunder, von dem er die Güte hatte mir in Lobstädt bis zum Ueberflusse mitzutheilen, zu meiner Disposition gehabt, d. h. hätte ich auf der Reise immer in seinem Wagen gesessen und immer so 'nen Burgunder im beständig gefüllten Flaschenfutter gehabt, ich glaube, ich würde dann auch ganz prächtige Gedanken gehabt oder doch bekommen haben.
Das Posthorn ertönt, für mich wie auch für Sie wol eine Sphärenmusik, und ich muß also schließen. Ich bin — ernst gesprochen — außerordentlich fatiguirt, von dem schon viernächtigen Durchfahren besonders. Es ist, weiß Gott, kein Spaß. So Gott will, bin ich Sonntag früh in Amsterdam. Dienstag schreibe ich Ihnen von dort. Könnten nur die Briefe immer in der Minute dort sein, wenn sie geschrieben sind. Ist es nicht, als ob ihr Geist oft durch die lange Reise entflöge?
Die herzlichsten Grüße an den großen Theoretiker, der so wenig Uebung im Praktischen hat, an Muhme Morgenroth, die, wie Fielding oder Rebhuhn im »Tom Jones« von Garrick sagte, recht garstig war, und der Mamsell Sophie, die für ihren Muthwillen schon noch wird bestraft werden. Adieu lieber, lieber Ludwig.
Von Amsterdam aus schrieb Brockhaus an die Freunde in Altenburg mehrere Briefe, aus denen wir schon früher Manches mittheilten. In einem derselben sagt er, daß er gern ausführliche Briefe schreibe: eine bekanntlich der ganzen damaligen Zeit eigenthümliche Liebhaberei, der wir aber sehr werthvolle Beiträge zu seiner Biographie verdanken; auch scheint es uns, daß er darin eine besondere Geschicklichkeit entwickelte, sodaß seine Briefe oft als Muster ihrer Art gelten können und man bisweilen denken könnte, sie seien ursprünglich für den Druck bestimmt gewesen, was sicher nicht der Fall war. In demselben Briefe ist eine Begegnung mit Klopstock erwähnt, von der uns sonst nichts bekannt ist; da Klopstock bereits am 14. März 1803 starb, muß sie noch vor Brockhaus' amsterdamer Aufenthalt oder während desselben stattgefunden haben, wahrscheinlich durch den gemeinschaftlichen Freund Beider, Karl Friedrich Cramer, veranlaßt.
Die betreffende Stelle des am 22. März an Frau Ludwig gerichteten Briefs lautet:
Ob ich gleich hoffen darf, Sie, verehrte edle Frau, nicht viele Tage später, als dieser Brief Ihnen kann zu Händen kommen, von Angesicht zu Angesicht persönlich wiederzusehen und Ihnen meine Ergebenheit fürs Leben zu bezeugen, so kann ich mir das Vergnügen doch nicht versagen, bis dahin mich noch einmal mit Ihnen durchs Medium schriftlicher Worte zu unterhalten. Ich liebe dieses Medium oft mehr als das der Rede von Munde zu Munde. Es ist eine Art von Krankheit selbst, und ich schreibe oft lieber einen eine ganze Seite langen Brief, ehe ich mich entschließe, zwanzig Schritte zu gehen und dasselbe mit zwei Worten zu sagen.
Rousseau erzählt in den »Confessions« von Jemandem, der seine Geliebte verließ, um — ihr schreiben zu können. Das kommt mir nun sehr möglich vor. Mir fällt dabei eine Anekdote ein, die mir Klopstock mal erzählte, und die ich Ihnen so gut wiedergeben will, als ich es noch vermag.
Klopstock haßte nichts so sehr als das Briefschreiben. Es war seine Schooßsünde oder, wie er sagte, seine Schooßtugend. Freilich, hätte er darin sehr ordentlich sein wollen, so würde sein ganzes Leben nur eine lange Correspondenz gewesen sein. Genies müssen sich mit solchen kleinen Geschäften des menschlichen Lebens nicht befassen. Die Materie des Briefschreibens war daher häufig eine der gewöhnlichsten seines Scherzes und seiner Persiflage. Besonders mußten die Stolberge viel darüber herhalten. Das Briefschreiben war und ist wol noch der ganzen Familie wie angeboren, besonders dem Aeltesten Christian und der Schwester Augusta Gräfin Schimmelmann. Feder und Tinte! — erzählte Klopstock nun — ist das Erste, wonach der ruft, sobald er in ein Wirthshaus tritt. Zu Hause, auf Reisen, wo es auch sei! Schreiben Sie ihnen, und Sie haben den ersten Posttag Antwort. Die Gräfin Augusta — vom Morgen bis im Abend laufen die Depeschen bei ihr ein, wie bei einem Staatsminister, und werden sorgfältiger abgefertigt als in einer Kanzlei.
Letzthin allegorisirte ich darüber mit Tellow (der Liebesname seines und meines Freundes Cramer).
Wo ist nun die Gräfin wieder? fragte ich (Klopstock).
Cramer: Oben; schreibt Briefe.
Klopstock: Das ist wahr! Die Stolbergs! Sie liegen am Briefschreiben recht krank danieder.
Cramer: Freilich, es ist eine Krankheit zum Tode.
Klopstock: O! sie sind schon gestorben.
Cramer: Und begraben dazu.
Klopstock: Was? Sie sind schon auferstanden.
Cramer: Ei! sie sind schon selig.
Klopstock: Ja, nun — kann ich nicht weiter.
Hierüber kommt die Gräfin herunter.
Wir sprachen, sagt ihr Klopstock, eben zusammen von Ihrer Krankheit, Ihrem Begräbniß, Ihrer Auferstehung, Ihrer Seligkeit!
Wie so?
Ja, gestehen Sie es nur, schöne Gräfin, Ihr Briefschreiben ist doch eine wahre Krankheit, eine Schwachheit, eine Seuche!
Sie mögen aber doch wol selbst gern Briefe haben?
Das mag ich wohl; — o, das Briefelesen ist eine ganz vortreffliche Sache; aber das Schreiben! Es ist eine Schwachheit, ein Fehler, sage ich, aber eine nicht eben unliebenswürdige Schwachheit! Wenn sich die Briefe, die Antworten wenigstens, nur selbst schrieben!
Meine Anekdote ist zu Ende. Die mußte man freilich von Klopstock selbst erzählen hören!
In einem spätern Briefe, vom 30. März, an Ludwig findet sich eine hübsche Stelle, die unter Weglassung anderer nicht hierher gehöriger Bemerkungen hier noch folgen möge:
Bald, vielleicht wenige Stunden später, als Sie diese Zeilen erhalten, drücke ich Sie an meine Brust und sage Ihnen mündlich, wie sehr ich Sie liebe und verehre. Mehr wie je. Es ist mit der Freundschaft wie mit der Liebe. Die Entfernung tödtet schwache, sie stärkt die echte und wahre. Den Frauen Ihres Hauses küsse ich mit Verehrung die schönen Hände.