Das ebenerwähnte Preisausschreiben wurde von Brockhaus im April 1816 erlassen und den Lesern der »Urania« in dem vom Juli datirten Vorwort zum Jahrgange 1817 mitgetheilt. Es folgten deren noch mehrere in den nächsten Jahrgängen, und da sie meist von Brockhaus selbst verfaßt sind und ihn von einer ganz neuen Seite zeigen, der einer directen Einwirkung auf die belletristische Production und genauer Vertrautheit mit der schönen Literatur, so ist ein näheres Eingehen darauf gerechtfertigt, zumal sich auch vielfach literarhistorisches Interesse daran knüpft.
In der »Urania« für 1817 theilt Brockhaus zunächst mit, daß er bereits im April 1816 in Verbindung mit der Redaction der »Urania« folgende Anzeige habe drucken lassen:
Jedem Freunde der deutschen Poesie wird sich die Bemerkung aufdringen, daß wir, bei einer Menge von Dichtern, doch wenige Gedichte besitzen, die, zwischen den größern epischen und dramatischen Darstellungen und den kleinen lyrischen Gattungen die Mitte haltend, durch das Interesse eines reichhaltigen Stoffs sowol als durch den Reiz einer gediegenen Kunstform zu stets wiederholtem Genusse einladen und, statt flüchtig und gleichsam spurlos vorüberzugehen, den Verstand und das Gemüth auf gleiche Weise befriedigen. Diese Wahrheit hat sich mir zunächst bei näherer Ansicht unserer Taschenbücher und Musenalmanache dargeboten, in denen wir Lieder, Sonette, Oden, Elegien, Romanzen u. s. w. in Ueberfluß finden, welche allerdings, insofern sie von wahrem poetischen Leben durchdrungen sind, ihren eigenthümlichen Werth behaupten; dagegen fehlt es fast ganz an gehaltvollen Gedichten von größerm Umfang, und wir haben, abgesehen von einzelnen hinreichend bekannten Meisterwerken, in der bezeichneten Art in Vergleich mit der englischen und französischen Literatur verhältnißmäßig nur wenig aufzuweisen. Ohne auf Pope, Buckingham, Roscommon, Boileau, Voltaire, Gresset und andere ältere Dichter von entschiedenem Werth zurückgehen zu wollen, nenne ich nur einige neuere, als Laharpe, Malfilâtre, Delille, Parny, Legouvé, Mollevaut, Millevoye, Victorin Fabre, Hayley, Walter Scott, Byron u. s. w., die, wenn sie auch nicht als höchste Muster gelten können, doch mehr oder weniger wahres Verdienst haben.
Der Wunsch, das bei mir erscheinende Taschenbuch »Urania« mit einem immer reichern und gehaltvollen Inhalt auszustatten, hat mich auf den Gedanken geführt, obige Bemerkung zu einigen Preisaufgaben zum Behuf des genannten Taschenbuchs zu benutzen, und Alle, die sich der Gunst der Musen erfreuen und die »Urania« mit ihrer Theilnahme zu begünstigen geneigt sind, zu Versuchen in folgenden drei Gattungen einzuladen:
1) in der poetischen Erzählung, wobei Stoff, Gattung und Einkleidung der Wahl des Dichters überlassen bleibt;
2) in der Idylle, d. h. der poetischen Darstellung unschuldiger und glücklicher Menschen, sie mag nun rein ideal oder mehr oder minder aus der Wirklichkeit entlehnt sein;
3) in der poetischen Epistel aus dem Gebiet des Lebens oder der Kunst, wobei nur die Heroide ausgeschlossen, dagegen eine didaktische Tendenz als besonders willkommen bezeichnet wird.
Die Wahl der Versart sowie die ganze äußere Form und Einrichtung bleibt billig der freiesten Willkür des Dichters überlassen; in Ansehung des Umfangs, der einem solchen Gedichte zu geben sein möchte, haben mir Pope's »Lockenraub« (798 Verse) und »Versuch über den Menschen« (1304 Verse) vorgeschwebt. Doch kann diese Bestimmung bei den Schwierigkeiten, welche die harmonische Begrenzung eines Kunstwerks hat, die einzig durch sich selbst bedingt wird, nur andeutungsweise gemacht sein, und soll damit keineswegs ein festes Maß angegeben sein.
Für das beste Gedicht in jeder der bezeichneten drei Gattungen, das mir bis zum 1. Januar 1817 mit Beobachtung der in solchen Fällen gewöhnlichen Formen eingesandt wird, bestimme ich, insofern es überhaupt ein gutes ist, einen Preis von 20 Friedrichdor, nehme dasselbe in die »Urania« für das Jahr 1818 auf und behalte mir das Verlagsrecht auf die nächsten fünf Jahre vor, nach welchen es dem Verfasser als freies Eigenthum wieder anheimfällt. Ueberdies erbiete ich mich, das gelungenste Gedicht nach dem gekrönten in jeder Gattung, sofern es sich zur Aufnahme eignet, mit 4 Friedrichdor für den Bogen zu honoriren.
Würdige und kunstverständige Männer werden Richter sein; ihre Namen sollen, wenn sie es verstatten, in der noch vor Michaelis erscheinenden »Urania« auf 1817 dem Publikum angezeigt werden.
Brockhaus fügt dieser frühern Anzeige jetzt noch folgende Bemerkungen hinzu:
Alles Obige hiermit nochmals bestätigend und zu einer recht zahlreichen Concurrenz einladend, hat Unterzeichneter nur noch das am Schlusse obiger Anzeige gethane Versprechen zu erfüllen.
Eingeladen, das Richteramt zu übernehmen, sind worden die Herren August Apel, Amadeus Wendt, Adolf Wagner in Leipzig, Messerschmid in Altenburg, Riemer in Weimar und H. Voß der Sohn in Heidelberg. Einige haben sich schon bereit erklärt, von den Andern dürfen wir eine gleiche Willfährigkeit erwarten. (Hier folgt die oben mitgetheilte, Goethe betreffende Stelle.) Ueber den Erfolg soll zu seiner Zeit die bestimmteste Nachricht gegeben werden.
Unabhängig von diesen Preisaufgaben werden übrigens alle dichterischen Freunde der »Urania« freundlichst und ergebenst eingeladen, sie auch künftig mit ihren Beiträgen zu schmücken.
Das Preisausschreiben hatte den günstigsten Erfolg, indem infolge desselben eine Dichtung eingesandt wurde, welche sofort als eine Zierde der poetischen deutschen Literatur erkannt wurde und noch jetzt einen ehrenvollen Platz in derselben einnimmt: »Die bezauberte Rose« von Ernst Schulze, einem bis dahin fast ganz unbekannten jungen Dichter.
Brockhaus verkündete dies sowie die übrigen Ergebnisse des Preisausschreibens in der von ihm als »Herausgeber der 'Urania'« unterzeichneten und vom September 1817 datirten Vorrede zum Jahrgang 1818 der »Urania«, in welchem auch »Die bezauberte Rose« zum ersten male gedruckt erschien. Er sagte:
Als wir zuerst im April 1816 drei poetische Preisaufgaben bekannt machten, konnten wir uns allerdings einiger Bedenklichkeiten dabei nicht erwehren. Einmal mußten wir besorgen, daß Tadelsucht oder Ungunst uns einer Anmaßung beschuldigen möchte, die unserer Denkart fremd ist, dann aber auch, daß wir uns in dem Vertrauen, welches wir hegten und in Anspruch nahmen, getäuscht sehen könnten. Um so erfreulicher muß es uns sein, bei der kurzen Rechenschaft, die wir hiermit ablegen wollen, ein im ganzen sehr günstiges Resultat melden und zugleich rühmen zu können, daß uns über unser Unternehmen kein übelwollendes Urtheil, das irgend Werth für uns hätte haben können, bekannt geworden ist.
Zwar die von uns gelegentlich ausgesprochene Hoffnung, daß wir in jeder der drei Dichtungsgattungen, auf welche sich die erste Aufgabe bezog, auch einen Preis würden ertheilen können, ist in diesem Umfange nicht in Erfüllung gegangen, da wir der Sache, den Theilnehmern und uns durchaus schuldig zu sein glaubten, von den hohen und strengen Forderungen der Kunstkritik nicht abzuweichen. Aber auch bei diesen Grundsätzen haben wir des Preiswürdigen nicht ermangelt.
Der gelungensten Arbeiten hat sich die poetische Erzählung zu erfreuen gehabt. Der Ehrenplatz unter allen aber gebührt der »Bezauberten Rose«, einer romantischen Erzählung in drei Gesängen von Ernst Schulze. Ihr ist der erste Preis zuerkannt worden, und wir achten sie für ein Werk von bleibendem Werthe in der vaterländischen Poesie. Leider wird die Freude, ein Talent von echter Dichterweihe bei dem Publikum einzuführen, durch den noch größern Schmerz getrübt, daß uns dasselbe in dem Augenblicke, wo es sich in seiner Fülle entfaltet hatte, auch schon wieder entrissen ist. Der junge Dichter starb, nachdem er nur wenige Tage vorher die Nachricht von der Krönung seines Gedichts erhalten hatte.
Einen zweiten Preis in derselben Gattung hat K. G. Prätzel's poetische Erzählung »Der Todtenkopf« erhalten.
Von den übrigen zur Concurrenz eingesandten Erzählungen nennen wir noch mit Auszeichnung »Saladin«, ein romantisches Gedicht in vier Gesängen.
In der Gattung der poetischen Epistel wurde unter den eingegangenen Gedichten »Des Dichters Weihe« als das vorzüglichste erkannt und mit dem zweiten Preise gekrönt. Bei Eröffnung der versiegelten Devise fand sich der Name Hesekiel.
Die für die Idylle ausgesetzten Preise haben von den vierzehn dafür eingekommenen Gedichten keinem zuerkannt werden können; doch haben drei derselben: »Die Hirten in der Herbstnacht«, »Amor und Hymen« und »Ida«, sich vor den übrigen vortheilhaft auszuzeichnen geschienen.
Ueber Ernst Schulze und seinen Tod sowie über dessen poetischen Nachlaß bemerkt Brockhaus noch in einer Anmerkung:
Er starb am 29. Juni (1817) zu Celle im achtundzwanzigsten Jahre seines Lebens in den Armen seines tiefgebeugten Vaters, des Dr. Schulze, Bürgermeisters und Stadtsyndikus daselbst. Er war eben im Begriff, eine literarische Reise nach Italien anzutreten, auf welcher er einige Jahre zuzubringen dachte, als ihn eine schwere Krankheit auf das Lager niederwarf, von dem er nicht wieder aufstand. Den Keim seiner Krankheit hatte er sich in der Belagerung von Hamburg, welcher er als freiwilliger Jäger beiwohnte, zugezogen, und auf einer Reise nach den Rheingegenden war durch geringe Sorge um die Gesundheit dieser Keim entwickelt worden. Als unser Dichter die Nachricht von dem ihm zuerkannten Preise erhielt, war seine Empfänglichkeit zur Freude schon sehr gesunken, indessen erregte diese Anerkennung seines poetischen Talents doch seine lebendigste Theilnahme. Seine nachgelassenen poetischen Schriften, unter denen sich insbesondere ein Heldengedicht »Cäcilie« befindet, an welchem er viele Jahre gearbeitet, werden von Bouterwek gesammelt herausgegeben und von einer Biographie des herrlichen jungen Dichters begleitet werden. Wir dürfen ihnen bald entgegensehen.