Neben der »beifälligen und aufmunternden Zustimmung vieler Trefflichen und Urtheilsfähigen« erwähnt Brockhaus jetzt zum ersten male auch »Angriffe, die theils aus Uebelwollen und Ungunst mit Bitterkeit, theils aus Lust zum Widerspruch auf mehr scherzhafte Weise gegen meine Preisaufgaben gerichtet worden«, und fügt folgende Bemerkungen hinzu:

Man hat es sonderbar gefunden, daß man nicht erfahren soll, wer denn eigentlich die Richter oder, wie man sie scherzhaft genannt hat, »die unbekannten Obern« sind, welche über den Werth und Unwerth der eingesandten Gedichte absprechen. Darauf erwidere ich, daß, wenn nur das Urtheil sich durch sich selbst rechtfertigt, der Name des Urtheilenden völlig gleichgültig sein kann.

Ist es doch bei allen unsern Recensiranstalten derselbe Fall. Laufen Misbräuche mit unter, wohlan, die rüge man! Man zeige, daß ein gelungeneres Gedicht einem minder gelungenen nachgesetzt, daß einem Gedichte, dem der erste Preis gebührt hätte, nur der zweite zuerkannt worden u. dgl. m. Letzteres, meint ein scharfsichtig in die Zukunft Spähender, könne gar leicht geschehen, denn der Unternehmer spare dabei. Diesem diene zur Antwort, daß bei der Art, wie das Honorar für den zweiten Preis und jedes aufgenommene Gedicht bestimmt ist, in dieser Hinsicht erster und zweiter Preis meistens ziemlich gleich sind, daß also der Unternehmer schon aus diesem Grunde nichts gewinnen, daß er vielmehr aus andern leicht sich darbietenden Gründen dadurch verlieren würde. Doch wozu sich gegen so kleinliche und unwürdige Bedenklichkeiten schützen wollen!

Diesmal war der Erfolg noch geringer als früher; namentlich entsprach keiner der eingegangenen prosaischen Aufsätze den gestellten Anforderungen. Brockhaus sagt bei Mittheilung dieses Ergebnisses, daß er theils zu solchen Aufsätzen habe aufmuntern wollen, die von den Engländern mit dem Worte Essays bezeichnet würden (eine bekanntlich erst viel später in der deutschen Literatur eingebürgerte Gattung), theils zu Aufsätzen wie die Eloges der Franzosen. Nach diesem Miserfolg beschränkte er sich darauf, für 1822 nur zwei Preise auszuschreiben: 30 Friedrichdor für eine poetische Erzählung und 25 Friedrichdor für eine prosaische Erzählung oder Novelle. Er bemerkt dazu: »die Gewißheit, das Beste der Kunst nicht nur gewollt, sondern auch gefördert zu haben«, sei der Redaction der »Urania« »das sicherste Gegengift gegen die unrühmlichen und unredlichen Kämpfe« gewesen, »in welche sie der hämische Geist des Widerspruchs, der alles Gute verfolgt, zu verflechten gesucht hat«.

Als auch diese Preisausschreibung nur wenig günstige Ergebnisse lieferte, gab Brockhaus die Idee ganz auf und erklärte dies in einem Vorworte vom 15. Juli 1821, das folgendermaßen schließt:

Die zahlreichen und ausgezeichneten Verbindungen, deren der Herausgeber der »Urania« sich erfreut, bewegen ihn zugleich, da er in ihnen ein Mittel sieht, folgende Jahrgänge auf das reichhaltigste auszustatten, auf künftige Preisaufgaben völlig Verzicht zu leisten. Es sind ihm solche verschiedentlich gemisdeutet worden, und wenn sich Misdeutungen dieser Art auch wol ertragen lassen, so können sie wenigstens keine Aufmunterung sein, darin fortzufahren.

Cotta und Andere haben ähnliche Ideen gehabt, sie auszuführen gesucht, und sie haben sie aufgegeben, ohne selbst so glücklich gewesen zu sein wie wir, die wenigstens genug belohnt worden sind, dadurch ein Gedicht veranlaßt zu haben, das in seiner Art von keinem ähnlichen in unserer poetischen Literatur überboten und nicht untergehen wird.

Der Herausgeber der »Urania« hat auch hier das gewöhnliche Schicksal erfahren, das in den meisten Fällen Alles trifft, was der höhern Entwickelung irgendeiner schönen, sich über das Alltägliche erhebenden Idee gewidmet wird und, indem es blos allgemeine Zwecke verfolgt, kleinlichen und persönlichen Interessen entgegentritt.

Er beschwert sich nicht darüber, da sein Bestreben ihm im Einzelnen auch theuere und schätzbare Freunde zuführte, deren Anerkennung und Wohlwollen für ihn einen größern Werth hat, als ihm erlittene Kränkungen und rohe Verunglimpfungen mögen wehe gethan haben.

Jedenfalls war es Brockhaus gelungen, die »Urania« zu einem der besten und gehaltvollsten Taschenbücher seiner Zeit zu gestalten, und die Preisausschreibungen hatten theils direct, theils mittelbar dazu beigetragen. Auf dem Gebiete der Poesie begegnen wir unter den Mitarbeitern den besten Namen, die zum Theil darin zum ersten male auftreten; außer Theodor Körner und Ernst Schulze seien nur folgende genannt: Zacharias Werner (dessen »Vierundzwanzigster Februar« im Jahrgange 1815 zuerst erschien), Friedrich Rückert, Adam Oehlenschläger, Tiedge, Helmina von Chézy, Graf Kalckreuth, von der Malsburg, Graf von Löben, Wilhelm Müller, Gustav Schwab, Adolf Streckfuß, Graf Platen. Noch reicher ist die Liste der Mitarbeiter der »Urania« auf dem Gebiete der Prosa, namentlich der Erzählung und Novelle, die in spätern Jahrgängen immer mehr den Schwerpunkt der »Urania« bildete. Unter ihnen fehlt kaum einer der beliebtesten Schriftsteller jener Zeit; neben Jean Paul und den früher Genannten erwähnen wir noch: Friedrich Kind, Therese Huber, De la Motte Fouqué, Winkler (Theodor Hell), Mosengeil, Böttiger. Die eigentliche Blütezeit der deutschen Novelle, die in der »Urania« ihre ausgezeichnetste Vertretung fand: in Ludwig Tieck, Wilhelm Häring (Wilibald Alexis), Johanna Schopenhauer, Leopold Schefer, von Rehfues, Sternberg, Eichendorff, Theodor Mügge, Ludwig Rellstab, Berthold Auerbach, Karl Gutzkow, Levin Schücking u. a., fällt allerdings erst in die Zeit nach dem Tode des Begründers der »Urania«.

Das Taschenbuch erhielt sich bis zum Jahre 1848, in welchem es von der Verlagshandlung bei der aufgeregten politischen, für derartige Lektüre weniger empfänglichen Stimmung aufgegeben wurde, nachdem es 38 Jahre lang in 35 Jahrgängen einen würdigen Sammelpunkt der besten Erzeugnisse der deutschen schönen Literatur gebildet hatte.

In der »Urania« trat Brockhaus auch selbst einmal als Schriftsteller auf, wenn auch nicht unter seinem Namen und nur in der bescheidenen Rolle eines Bearbeiters. Die im Jahrgange 1822 enthaltene Erzählung: »Die Nebenbuhlerin ihrer selbst«, deren Verfasser »Guntram« genannt ist, war von ihm nach dem Französischen bearbeitet; vielleicht war sie nur ein Lückenbüßer zur Füllung des Bandes, zumal sie am Schluß desselben steht und in dem Vorwort gesagt ist, die Redaction habe bei dem zweifelhaften Ergebnisse der damaligen Preisausschreibung sich selbst helfen müssen. Uebrigens hatte er wenig Lohn und Freude von dieser seiner Arbeit, denn wegen derselben wurde dieser Jahrgang der »Urania« für die österreichischen Staaten verboten, weil man in Wien jene Erzählung auf eine vornehme österreichische Familie bezog. Nunmehr erklärte Brockhaus in einer öffentlichen Anzeige unterm 29. October 1821: »daß diese Geschichte nach einer in den vorjährigen «Annales de la littérature» von Quatremère de Quincy, Vanderbourg, Raoul Rochette, wo sie 'Imprudence et bonheur' heißt, von ihm selbst bearbeitet ist und die gebrauchten Namen bloße Fictionen sind.« Die Bearbeitung der spannenden, aber ästhetisch unerquicklichen Novelle ist übrigens sehr geschickt und verräth kaum den nicht berufsmäßigen Schriftsteller.


Durch die »Urania« kam Brockhaus in interessante und auch geschäftlich für ihn werthvolle Beziehungen zu hervorragenden Schriftstellern.