Daß Brockhaus die erste Idee zu dem Werke gegeben, zeigt außer seinen Versicherungen auch folgende Stelle der aus Halle 14. September 1814 datirten Vorrede des Verfassers zum letzten Bande:

Aus mancherlei Gründen war ich, nach Vollendung des letzten »Repertoriums der Literatur« (1796-1800) und nach einer noch längere Zeit fortgesetzten Beschäftigung mit Vorarbeiten zu einer etwanigen Fortsetzung, zu dem Entschlusse gekommen, für die Zukunft alle bibliographischen Arbeiten für das Publikum aufzugeben und meine Muße vorzugsweise dem Studium der Staatskunde und neuern Geschichte zu widmen, als ich, eben mit ernstlichen Anstalten zu einem umfassenden statistischen Werke beschäftigt, ganz unerwartet von dem Herrn Buchhändler Brockhaus, damals zu Amsterdam, durch eine dringende Aufforderung zu diesem neuen bibliographischen Werke überrascht wurde. Nach den bisher von mir gelieferten Arbeiten mußte er dadurch meinen eigenen Wünschen zu begegnen mit Gewißheit erwarten, und doch war gerade damals der Fall anders. Lange sträubte ich mich daher gegen die Ausführung des wohldurchdachten Plans, so sehr er auch im ganzen meinen Beifall hatte. Endlich aber fand ich mich — einerseits durch die Vorliebe des Herrn Brockhaus für seinen Plan, die meine eigene Neigung für diese Gattung von Arbeiten von neuem belebte, und andererseits durch Hinsicht auf die Zeitumstände, die einer freimüthigen Bearbeitung der Staatskunde und der neuern Geschichte immer ungünstiger wurden — zur Ausführung eines Werks bewogen, das mir, statt eines andern jetzt weniger erfreulichen, eine jahrelange Beschäftigung versprach, die, wie ich nach mehrmaliger Erfahrung nicht ohne Grund hoffte, dazu beitragen würde, mir die trüben Zeitumstände einigermaßen aufzuheitern.

Außer mit Ersch war Brockhaus gleich in der ersten Zeit seines Aufenthalts in Leipzig und Altenburg auch mit dessen späterm Collegen Professor Johann Gottfried Gruber (geb. 1774, gest. 1851) in Verbindung gekommen, zunächst wegen des »Conversations-Lexikon«, an dessen zweiter Auflage Beide thätige Mitarbeiter waren. Die Namen Ersch und Gruber sind erst später durch die gemeinschaftliche Herausgabe der »Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste« (seit 1818) in diejenige enge Verbindung gekommen, in der sie noch mehr als durch ihre eigenen Werke in der Literatur fortleben werden; seit Ende 1815 waren sie Collegen an der Universität Halle, indem Gruber um diese Zeit dort angestellt wurde, während Ersch schon seit 1803 daselbst wirkte. Als Brockhaus mit Gruber in literarische Beziehungen trat, war Letzterer Professor an der Universität zu Wittenberg; diese wurde 1812 infolge der Kriegsunruhen aufgehoben, er ging nach Leipzig, als Ephorus der dahin gewiesenen wittenberger Studenten, und wurde, wie erwähnt, Ende 1815 nach der Vereinigung der beiden Universitäten Wittenberg und Halle, worüber er selbst die Unterhandlungen zu führen hatte, nach Halle versetzt. In Leipzig verfaßte er eine Lebensbeschreibung Wieland's (gest. 20. Januar 1813), zu der er bei seinem mehrjährigen Aufenthalte in Jena und Weimar (1803-1810) in vertrautem Umgange mit Wieland, der ihn selbst zu seinem Biographen bestimmte, die Materialien gesammelt hatte; sie erschien in Brockhaus' Verlage unter dem Titel: »Christoph Martin Wieland. Geschildert von J. G. Gruber« (2 Theile, 1815 und 1816). Später schrieb Gruber noch eine größere Biographie Wieland's (4 Bände, Leipzig 1827) für die von ihm besorgte neue Ausgabe von Wieland's sämmtlichen Werken in Göschen's Verlage (1818-1828).


Ein dritter hervorragender Schriftsteller, der zu Brockhaus' nähern Freunden gehörte, war Karl Heinrich Ludwig Pölitz (geb. 1772, gest. 1838), der bekannte Historiker und Statistiker, damals (seit 1803) wie Gruber Professor in Wittenberg, seit 1815 bis zu seinem Tode in Leipzig, erst als Professor der sächsischen Geschichte und Statistik, dann der Politik und Staatswissenschaften wirkend. Für Brockhaus war Pölitz zunächst ebenfalls als Mitarbeiter am »Conversations-Lexikon« thätig, verfaßte aber bald auch ein eigenes Werk für dessen Verlag, eine Biographie seines Freundes und Gönners, des bekannten Theologen Reinhard. Dieser, 1753 geboren, starb am 6. September 1812 als Oberhofprediger zu Dresden, in welcher Stellung er seit 1792 segensreich gewirkt hatte. Das Werk führte den Titel: »D. Franz Volkmar Reinhard nach seinem Leben und Wirken dargestellt von Karl Heinrich Ludwig Pölitz« (2 Abtheilungen, 1815). Das Vorwort zur ersten Abtheilung trägt das Datum: 12. März 1813; sie ist wahrscheinlich schon 1813 erschienen. Das Vorwort zur zweiten Abtheilung ist vom 17. Januar 1815 datirt und in Schmiedeberg bei Pretzsch geschrieben, wo Pölitz seit der Aufhebung der wittenberger Universität bis zu seiner Uebersiedelung nach Leipzig gelebt hatte.

Im Jahre 1817 verlegte Brockhaus das Hauptwerk von Pölitz: »Die Constitutionen der europäischen Staaten seit den letzten 25 Jahren« (ursprünglich zwei Theile), wozu 1820 und 1825 noch zwei weitere Theile als dritter und vierter hinzukamen. Eine zweite umgearbeitete Auflage dieses Werks wurde 1832 und 1833 unter dem veränderten Titel: »Die europäischen Verfassungen seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit«, in drei Bänden veranstaltet, während 1847 noch die von Professor Friedrich Bülau herausgegebene erste Abtheilung eines vierten Bandes hinzukam, die, mit dem ersten Bande vereinigt, auch als ein besonderes Werk unter dem Titel: »Die Verfassungen des teutschen Staatenbundes seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit«, erschienen ist.


Dem Gebiete der Politik und Staatswirthschaft gehören noch folgende Verlagsartikel aus diesen Jahren an: eine Schrift über »Das Continentalsystem« (1812) von dem zu Brockhaus' nähern Bekannten in Altenburg gehörenden Rath und Kammersecretär Ludwig Lüders (geb. um 1778, gest. 1822); die schon früher erwähnte Schrift von Charles de Villers: »Constitutions des trois villes libres-anséatiques, Lubeck, Brêmen et Hambourg« (1814); Chateaubriand's »Essai historique, politique et moral sur les révolutions, anciennes et modernes« (2 Bände, 1816); »Theorie des Geldes und der Münze« von Dr. Johann Karl Adam Murhard in Kassel (geb. 1781, gest. 1863); »Grundzüge der philosophischen Politik« von Gustav Anton Freiherrn von Seckendorff (bekannter unter dem Namen Patrick Peale, geb. 1775 im Altenburgischen, gest. 1823 in Nordamerika), letztere beiden Werke 1817 erschienen. Die der Geschichte gewidmeten Verlagsartikel werden später erwähnt werden.

Auch das Gebiet der Naturwissenschaften, dem Brockhaus von Anfang an besondere Beachtung geschenkt hatte, weist mehrere gediegene Verlagswerke auf.