Wiesbaden.

Von Biebrich erreichen wir in etwa einer Stunde Wiesbaden ([Abb. 37]), das bedeutendste und besuchteste unter den Taunusbädern, wo jährlich etwa 130000 Kurgäste zusammenströmen. Die Hauptsaison ist im Frühling und Herbst. Früher als anderswo hält ja der Lenz dort seinen Einzug, und im Herbst lacht ein heiterer Himmel, wie er in einem Weinlande lachen muß. Im Sommer aber ist die Temperatur zu warm und schwül, und manche Kurgäste reisen dann ab nach kühleren Orten. Etwa die Hälfte der obengenannten Zahl der Kurgäste mag auf Durchreisende entfallen, die übrigen nehmen längeren Aufenthalt. Die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, die für diese geschaffen worden sind, haben auch viele Rentner und pensionierte Beamte, besonders höhere Offiziere angelockt und bestimmt, in Wiesbaden ihren dauernden Wohnsitz zu nehmen. Dadurch wuchs die Stadt bedeutend an; sie zählt heute über 100000 Einwohner. Prächtige Alleenstraßen durchziehen dieselbe, wie die mit schattigen Platanenreihen geschmückte Wilhelmsstraße, wie die Rheinstraße, der Bismarck- und Kaiser Friedrich-Ring und die nach Biebrich zu führende Adolfsallee; inmitten schmuckvoller Anlagen oder auf Plätzen erheben sich schöne Denkmäler, wie das der Kaiser Wilhelm I. ([Abb. 38]) und Friedrich III., des Fürsten Bismarck und des in Wiesbaden verstorbenen nationalen Dichters Gustav Freytag; viele stattliche und stilvolle Gebäude geben ferner der Stadt Glanz und Ansehen, wie das Königliche Theater ([Abb. 39]), das Königliche Schloß, welches 1883 renoviert wurde, das Rathaus ([Abb. 40]), das im Jahre 1907 eröffnete prunkvolle neue Kurhaus ([Abb. 41]), die katholische Kirche, die Ringkirche u. a. Von den zahlreichen Quellen Wiesbadens ist der wichtigste Sprudel der Kochbrunnen ([Abb. 42]), der am Ende der schönen Trinkhalle entspringt und eine Vereinigung von 15 Quellen darstellt. Stündlich liefert er 22800 l sehr kochsalzreiches Wasser. Die Temperatur desselben beträgt 69° C. Schon Plinius spricht von den heißen Quellen Wiesbadens, das in Römerzeit, Aquae Mattiacorum, als Hauptort der später fast ganz romanisierten Mattiaken aus einem Kastell rasch emporblühte. Er berichtet, daß ihr Wasser, nachdem es geschöpft wäre, drei Tage warm bliebe. Das Kastell wurde wahrscheinlich schon von Drusus angelegt. In fränkischer Zeit hieß der Ort Wisibada und bildete den Hauptort des Königssundragaues.

Abb. 44. Schlangenbad, von der Wilhelmshöhe gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 41].)

So sehr uns auch das glanzvolle Badeleben lockt, so angenehm es sich sitzt am Kurhause inmitten des Blumenflors oder wandert durch den schattenkühlen Kurpark, mehr noch zieht es uns hinauf auf die Höhen ringsum, die mit schmucken Villen so reich geschmückt sind. Das lohnendste Wanderziel bildet der Neroberg, auf dessen Höhe die fünf vergoldeten Kuppeln der griechischen Kapelle ([Abb. 43]) im hellen Sonnenlichte glanzvoll erstrahlen. Wir können einen doppelten Weg wählen, und jeder verheißt eine genußreiche Wanderung. Wir folgen entweder dem Nerotal und später dem Philosophenwege oder der villengeschmückten Kapellenstraße, die uns nicht sofort zum Gasthofe des Nerobergs, sondern zuerst zur griechischen Kapelle hinführt. Oben entfaltet sich uns ein schöner Blick auf die Stadt ([Abb. 37]) und eine umfassende Aussicht auf das Rheintal; über den Mainzer Dom schweift der Blick bis zu den Nebellinien ferner Gebirge, bis zur Bergstraße und zum Melibocus.

Abb. 45. Rauenthal.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu [Seite 43].)

Langenschwalbach. Schlangenbad.

Nordwestlich von Wiesbaden liegt, schon auf der Hochfläche des Taunus, dessen hoher, aus Quarzit[B] aufgebauter Rücken nach Norden in ein fast wagerecht liegendes Plateau übergeht, das Bad Langenschwalbach (3000 Einw.), gewöhnlich nur Schwalbach genannt. In ein freundliches Wiesental hat sich das Städtchen, das schon im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert als ein Luxusbad ersten Ranges glänzte, gebettet. Merian beschrieb die dortigen kalten Quellen, von denen die bedeutendsten der Stahlbrunnen und der Weinbrunnen sind, im Jahre 1665 mit folgenden Worten:

„Das Wasser ist sehr kalt, von Farben vberauß schön, hell, wie ein Crystall durchscheinend, zu trinken gar lieblich (wiewohl es einem anfangs seltzsam vorkompt), am Geruch stark wie ein newer verjährter Wein, also, daß man bißweilen meynet, man wollt’ nießen.“