IV. Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz.
Eine Rheinfahrt.
Rheinfahrt! Welch froher, einziger Sinn liegt in diesem Worte! An wonnige Reisetage werden wir erinnert, an Tage, wo wir die herrliche Schönheit des Rheintals zum erstenmal schauten und mit den schönen Bildern der Landschaft auch die Poesie des deutschen Rheinstroms in unser Herz einziehen ließen. Die hoch und steil aufragenden Bergwände zu beiden Seiten des Tales, die Burgen auf den rebenbekränzten Bergen, die freundlichen Dörfchen und Städtchen am reichen Strand, vor uns die blitzende Flut des majestätischen Stromes, dessen Wellen plätschernd den Kiel des Schiffes umkosen, um uns Scharen froher Menschen, die wie wir trunkenen Auges in die Landschaft schauen, und in der Hand das Glas, gefüllt mit lieblich duftendem Rheinwein: das sind die Bilder, die, gepaart mit frohen Augenblicken, immer wieder im Erinnern vor uns auftauchen.
Mittag ist’s. Lustig scheint die Sonne auf die steile Bergwand des Niederwaldes, des Weines Geister in den Rebenstöcken weckend. Von dem Aufstieg zum Niederwalddenkmal — sauer war er uns geworden — sind wir vor einer Stunde zurückgekehrt. Zu einem kleinen Frühstück fanden wir eben noch Zeit, und nun stehen wir, zusammen mit zahlreichen Touristen, die wie wir froh ihr Ränzlein auf den Rücken schnallten, in Rüdesheim am sonnigen Strand, um die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten. Wir wandeln auf und ab. Plötzlich Bewegung in der Menge. „Das Schiff ist in Sicht!“ so tönt ein Rufen, und alle Blicke wenden sich südwärts, wo der Rhein, breit wie ein See, heranflutet. Stolz wie ein Schwan durchfurcht es die Wellen. „Lohengrin“ ist’s! eins der schönsten Schiffe der Köln-Düsseldorfer Dampfschiffahrtsgesellschaft.
Abb. 55. Nahemündung, Bingen, Scharlachkopf und Bingerbrück. (Zu [Seite 46].)
Burg Rheinstein.
In voller Fahrt! Der Windhauch des Schiffes, das in Bingen noch viele Reisende aufnahm, fächelt auf dem Oberdeck Kühlung uns zu. Neben uns sitzt eine holländische Familie, dort stehen zwei Engländer, in modefarbene Anzüge gekleidet, und aus einer anderen Gruppe klingen französische Laute an unser Ohr. Ein Stelldichein der Nationen Europas! Vater Rhein kennt sie alle; denn er plaudert eine lange Geschichte. Aber ob ehemals Freund oder Feind, gastlich sind sie alle geladen, und allen lacht des Landes Schönheit. Wir fahren in engem Tale. Als wären wir in einem norwegischen Fjorde, so schauen wir vor uns und hinter uns in eine riesige Schlucht. Aber anders ist das Bild der hochragenden Bergwände. Fast ebenso schroff steigen sie an manchen Stellen empor. Aber überall hat des Menschen Hand sie berührt, überall hat sie die Rebe gepflanzt, war es auch noch so mühsam, die Terrassen zu ebnen und fruchtbares Erdreich auf den nackten Fels zu tragen. Frühere Geschlechter, schon in römischer Zeit, versuchten’s, und die heutigen Winzer wissen nicht anders, als das mühevolle Werk zu erhalten und noch vollendeter zu gestalten. Leisteten doch noch Kühneres die Vorfahren! Dort auf Bergeshöhe gar ein stolzer Bau! Mauern, zinnengekrönte Türme! Eine alte Ritterburg! Faitz-, Vauts- oder Voigtsberg nannte sie die Geschichte, zum erstenmal im Jahre 1279. Wer ihr Erbauer war, meldet sie nicht. „Burg Rheinstein“ ([Abb. 58]) ist ihr jetziger Name. Der stolze Bau sah den Glanz der Ritterzeit, erprobte seiner Mauern Stärke in manchem Kampfe, bis ihn die Raubscharen der Franzosen 1689 in Schutt und Asche legten. Verschwundene Herrlichkeit! Doch mit dem Gestein, das, von der Fuge getrennt, in Trümmer fällt, stirbt nicht des Menschen Geist. Das glänzende Bild früherer Zeiten lebt in ihm weiter, und nun sucht er es zu gestalten, in altem oder noch schönerem Glanze. So fanden auch viele Burgen am Rhein ihre Wiedererbauer. Burg Rheinstein ließ Prinz Friedrich von Preußen, dessen Grab sich in der Burgkapelle befindet, neu aufführen. In der neuen Gestalt bringt sie die Bauweise und Anlage der mittelalterlichen Burgen vortrefflich zur Anschauung. Aus dem Rittersaal, dem Prachtraum des Herrenhauses oder Pallas, schauten die Ritter und Burgfräulein hinab in das Rheintal. Luftiger noch wohnte der Wächter, der auf dem höchsten Turme, dem mächtigen Bergfried saß, der bei einer Belagerung der Burg im Falle der Gefahr die letzte Verteidigungsstellung bildete. Zu den notwendigen Bestandteilen einer Burg gehörten noch Torburg, Küche und Brunnen. Nach der Angriffsseite ragte die mächtige Schildmauer auf. Nur eine Zugbrücke, die gewöhnlich über einen tiefen Abgrund führte, stellte die Verbindung mit der Außenwelt her. War sie hinaufgezogen, so konnte niemand in die Burgfeste eindringen. Hinter seinen Mauern konnte der Ritter jedem Feinde Trotz bieten. Aus diesem Gefühl der Sicherheit wuchs der kühne Geist des Rittertums hervor.
Abb. 56. Der Mäuseturm und Burg Ehrenfels. (Zu [Seite 48].)