Abb. 71. Boppard und Filsen von „Alte Burg“ aus gesehen.
Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu [Seite 64].)
Die Bopparder Hamm. Marksburg.
Von dem freundlichen Bilde Boppards müssen zu schnell wir wieder scheiden. Weiter geht die Fahrt, und auf eine hochragende steile Bergwand, die Bopparder Hamm genannt, steuert unser Schiff los. Quer ist diese dem Strome vorgelagert, der vor ihr nach Osten umbiegen muß. Keine Bergwand im ganzen Rheintal, abgesehen vom Rüdesheimer Berg, hat eine solche günstige Lage nach Süden wie die Bopparder Hamm. Ein vorzüglicher Wein wächst auf derselben. Bis hoch hinauf ist sie mit Reben bepflanzt. Beim Vorbeifahren müssen wir den Kopf weit zurück in den Nacken legen, um zu den obersten Weinbergen hinaufschauen zu können. Zur rechten Hand begleitet uns dagegen eine kleine Niederung, die dicht mit Bäumen bepflanzt ist. Der Gegensatz zwischen der hochragenden, steilen Felswand zur Linken, auf der der Winzer seiner Rebe nur mit großer Mühe ein Plätzchen erobern konnte und erhalten kann und den fruchtbaren Talgefilden zur Rechten, wo die Rheinbewohner mühelos pflanzen und ernten können, verleiht dem Rheintale einen neuen Zauber. Bis Coblenz hin bleibt ihm dieser Wechsel erhalten. Vor der Bergwand zur Linken muß der Rhein nach Osten ausweichen. Aber eine andere Bergwand tritt ihm nun im Osten entgegen. Sie zwingt ihn, von neuem auszubiegen und wieder die alte Richtung nach Nordwesten einzuschlagen. Aber der mächtige Strom tut’s nicht ohne Kampf. Er nagt und frißt nun an der östlichen Bergwand, und an dem linken Ufer, wo er ruhiger strömt, lagert er einen Niederungssaum ab, der immer breiter wird. Auf diesem haben die beiden Dörfchen Ober- und Niederspay, die gleich Salzig und Boppard von zahllosen Obstbäumen umschattet sind, ein herrliches Plätzchen gefunden. Auf dem bergigen rechten Ufer aber ragt, beherrschend über das herrliche Tal und den Strom hinwegschauend, über dem Städtchen Braubach die stattliche Marksburg ([Abb. 74]) empor.
Abb. 72. Boppard a. Rh. und Blick in das Mühltal.
Nach einer Photographie von Louis Glaser in Leipzig. (Zu [Seite 64].)
Marksburg. Königsstuhl.
Die Marksburg, auf hohem Fels, 150 m über dem Rheinspiegel gelegen, ist die einzige unzerstörte Burg am Rhein und im ganzen noch wohl erhalten. Sie kann daher als ein lehrreiches Beispiel des mittelalterlichen Burgbaues gelten. Der Verein zur Erhaltung deutscher Burgen, in dessen Besitz die Marksburg vor kurzem übergangen ist, hat diese wieder in guten Stand setzen lassen. Die Innenräume sind mit Hausgerät, Waffen usw. wieder so ausgestattet worden wie zur Ritterzeit. Die Besucher der Burg erhalten also ein anschauliches Bild von der Stätte, wo einst die Ritter gelebt haben. Wir hatten schon auf [S. 50] die Hauptbestandteile einer mittelalterlichen Burg kennen gelernt. Wenn die Marksburg wieder vollständig eingerichtet ist, wird sie uns auch manches aus dem häuslichen Leben der Ritterfamilie erzählen. Sie hatte es in vielem nicht so gut wie wir in unserer heutigen Zeit, obgleich eine stolze Burg ihr Heim bildete. Besonders in dem langen Winter ging es ihr herzlich schlecht. Da war man gezwungen, in Pelze gehüllt, mit fröstelndem Gefühl an dem nur mangelhaft geheizten offenen Kamin zu sitzen. Bei schlechter Witterung mußten auch tagsüber die Fensterläden geschlossen werden, denn die kleinen trüben Horn- oder Pergamentfensterscheiben boten nicht soviel Schutz wie unsere hellen Glasscheiben. Alles wohnte enge zusammen, und oft mußte der Wohnraum auch als Schlafraum dienen. Aus dem winterlichen Leben der Burgbewohner erklärten sich die sehnsuchtsvollen Klagen der von Burg zu Burg ziehenden Minnesänger, daß der Winter gar nicht weichen und der holde Sommer gar nicht nahen wolle. Wie ganz anders war das Burgleben zur schönen Sommerzeit! Dann war es lustig, vom hohen Burgerker in das sonnige Tal, auf die Häuser und Gärten und auf den von Schiffskähnen belebten Strom herniederschauen zu können. Dann war es auch luftiger und heller in den Zimmern, besonders im Saale, dem Hauptraume des Palas, dessen Wände und Boden mit bunten Teppichen geschmückt waren. Das Hauptvergnügen der Burgbewohner waren die Kampfspiele und die Jagd. Es muß ein herrlicher Anblick gewesen sein, wenn das Burgtor sich öffnete und der Ritter mit den Edeldamen und seinen Knappen, alle in farbenprächtiger Kleidung und die Männer in glänzender Rüstung, hinausritten und die Rosse mit lautem Gepolter über die heruntergelassene Zugbrücke trabten.
Abb. 73. Der Königsstuhl bei Rhens.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 66].)