Entschwundene Zeiten! entschwunden für immer! Die Burgen mag man wiederherstellen, die Menschen, die in ihnen wohnten und die in jene Zeit paßten, kann man nicht mehr aus den Gräbern rufen. Dies sagt uns auch der Königsstuhl ([Abb. 73]), der am Rheinufer bei Rhens, einem Städtchen auf der linken Rheinseite, verlassen von den Geschlechtern, die ihn erbauten, dasteht. Er war einst der Ort, wo sich die deutschen Kurfürsten, um über Reichsangelegenheiten sich zu beraten, versammelten. 1376 wurde er vom Kaiser Karl IV. errichtet. Warum er diesen Platz wählte, das erklärt uns ein Blick auf eine historische Karte. Gegenüber dem Königsstuhl stießen die Gebiete von vier deutschen Kurfürsten im Rhein zusammen. Rhens gehörte zu Cöln, Braubach zur Pfalz, Lahnstein zu Mainz und Stolzenfels zu Trier. Im Laufe der Jahrhunderte war der berühmte Bau, als seine hohen Gäste nicht mehr kamen, allmählich fast zur Ruine geworden. Im Jahre 1843 wurde er mit Benutzung der Trümmer in seiner alten Gestalt wieder hergestellt. Das achteckige, kanzelartige Bauwerk hat eine Höhe von beinahe 6 m und einen Durchmesser von 7 m. Eine Freitreppe führt zu seinem Sitze hinauf.
Abb. 74. Braubach und die Marksburg.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 65].)
Lahneck. Stolzenfels. Coblenz.
Noch einmal entfaltet das Rheintal seine ganze Schönheit dort, wo von rechts, über den in breiter Niederung liegenden Schwesterstädten Oberlahnstein (rund 8500 Einw.) und Niederlahnstein (rund 4500 Einw.), die durch die einmündende Lahn getrennt sind, Burg Lahneck, von links das stattliche Schloß Stolzenfels von der Höhe herniedergrüßen. Burg Stolzenfels ([Abb. 75] u. [76]) ließ in den Jahren 1442 bis 1459 der trierische Erzbischof zur Erhebung des Rheinzolles erbauen. Die Franzosen zerstörten sie 1689. Der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm IV. ließ als Kronprinz sie von 1836 bis 1842 nach Schinkelschen Entwürfen wiederherstellen in neuer Pracht. Prächtig hebt sich der stolze Bau, den man Stolzenfels taufen möchte, wenn er nicht schon so hieß, von dem waldesdunkeln Hintergrunde ab.
Abb. 75. Capellen und Schloß Stolzenfels.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 68].)
Nach dem steten Anblick der steilen Rebengehänge des Rheintals, die doch häufig kahl erscheinen, begrüßen wir die waldgeschmückten Berge mit doppelter Freude. Solche begleiten uns nun auf beiden Seiten, bis hinter den Bogen von zwei festen Rheinbrücken links das Häuserbild von Coblenz (55000 Einw.) ([Abb. 78]) vor uns auftaucht.
Wir sind am ersten Ziele unserer Rheinfahrt, in Coblenz, angelangt. Eine lange Reihe prächtiger Gasthöfe heißt am Stromesufer uns willkommen. Weiter zieht „Lohengrin“, unser Schiff, um auch anderen Rheinstädten Scharen von frohen Reisenden zuzuführen.