Abb. 76. Stolzenfels und Oberlahnstein.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 68].)

Coblenz, Geschichte.

Die eigenartige Schönheit des Landschaftsbildes von Coblenz beruht nicht zum wenigsten auf dem Wechsel zwischen waldgeschmückten Bergkuppen und kahlen Felswänden. Besonders der Gegensatz zwischen dem hochgewölbten, wohlgerundeten Kühkopf, der bis obenhin in dichtem Waldkleide prangt und im Süden der Stadt aufsteigt, und zwischen der schroffen, tief durchfurchten Felswand des Ehrenbreitsteins ([Abb. 77]), dessen felsiges Gepräge durch die Steinmassen der Festungswerke noch verstärkt wird, beherrscht die Landschaft.

Abb. 77. Ehrenbreitstein.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 70].)

Abb. 78. Der Rhein bei Coblenz.
Neue Photographische Gesellschaft in Berlin. (Zu [Seite 68].)

Coblenz.

Coblenz’ herrliche Lage ist unbestritten, und jeder, der vom Plateau des Ehrenbreitsteins und von den andern Höhen hinabschaute auf die Stadt, auf die beiden sich vermählenden Ströme und auf die Waldberge ringsum, vermag das Bild dieses Anblicks im Geiste nicht mehr zu löschen. Auch die Stadt Coblenz selbst schreitet jetzt einer schnellern Entwicklung entgegen, nachdem ein enger Festungsgürtel zu lange die Bautätigkeit gehemmt hatte. Besonders nach Süden hin beginnt sich ein schöner, neuzeitlicher Stadtteil zu entwickeln. In der Altstadt dagegen ist es düster und enge, besonders in dem Stadtteil an der Mosel, in dessen Anlage wir den ältesten Kern von Coblenz unschwer wiedererkennen. Ob das alte Confluentes, benannt nach dem Zusammenfließen von Rhein und Mosel, das in späterer Zeit auch Castellum Confluens oder Castrum Confluentes oder kurz Confluentia hieß, nur eine römische Poststation bezeichnete, oder ob schon frühzeitig ein römisches Bollwerk an diesem wichtigen Punkte errichtet wurde, kann nicht mehr festgestellt werden. Denn bedeutende römische Bauwerke sind gar nicht erhalten, und auch auf die Grundmauern derselben ist man nur selten gestoßen. Wie mächtige Eichenpfähle, die man im Moselbette fand, bewiesen haben, führte in der Römerzeit eine Brücke über die Mosel. Durch Chlodwig wurde das römische Kastell in einen fränkischen Königshof verwandelt. Durch eine Schenkung des Kaisers Heinrich II. gelangte dieser mit ausgedehntem Domänenbesitz (quaedam nostri iuris curtis nomine confluentia) im Jahre 1018 in den Besitz der Erzbischöfe von Trier. Der kleine Ort wuchs zum Rheine hin, wo schon längst, ursprünglich auf einer Insel, ein Kirchlein sich erhob. Die Gebeine des heiligen Kastor, der in Carden an der Mosel gestorben war, wurden darin aufbewahrt. Die Normannen zerstörten dasselbe im Jahre 822. Die jetzige Kastorkirche, die älteste und geschichtlich interessanteste Kirche der ganzen Gegend, stammt aus späterer Zeit, wohl aus dem zwölften Jahrhundert, mit Bauresten jedoch aus früherer Zeit. Im Innern besitzt sie manche, kunstgeschichtlich wertvolle Denkmäler. Nach außen wirkt der Bau, besonders durch seine wenig belebte Umgebung, ziemlich nüchtern. Im dreizehnten Jahrhundert wurde die immer mehr sich vergrößernde Stadt mit Mauern und Festungswerken umgeben. So konnte sie Trutz bieten den Stürmen der Kriegszeiten, und auch Handel und Gewerbe fanden die nötige Sicherheit, um festen Fuß fassen zu können. Durch den Handelsverkehr und durch Bündnisse mit anderen rheinischen Städten vermehrte Coblenz sein Ansehen bedeutend. Es kann als ein Zeichen von Kraft gelten, daß im vierzehnten Jahrhundert der Bau einer steinernen Moselbrücke, die heute noch den Fluß mit ihren zahlreichen, gedrungenen Bogen überspannt, geplant und ausgeführt werden konnte. Im Jahre 1343 war die Anlage einer Brücke, „also schön als man in tewtcher Nacion soll finden“, genehmigt worden. Schon im Jahre 1364 war sie fertig; denn die Geschichte meldet, daß in diesem Jahre Karl IV. über dieselbe seinen Einzug in Coblenz hielt. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde die Moselbrücke erneut und in der neuesten Zeit, im Jahre 1884, damit sie dem anspruchsvolleren neuzeitlichen Verkehr genügen könnte, verbreitert. Den lebhaften Verkehr der Vorstadt Lützel-Coblenz und der zahlreichen, in der fruchtbaren Rheinebene gelegenen Orte mit der Stadt Coblenz hat sie zu vermitteln. Indem wir uns dem Strom der Fußgänger, unter denen besonders Landleute und Soldaten vorwiegen, anschließen, fällt unser Blick auf ein unmittelbar am Ausgange der Moselbrücke stehendes altertümliches Gebäude. Es ist die alte Burg, die sich die Kurfürsten von Trier errichten ließen. Ihr Bau stammt aus dem Jahre 1276. Sie war ein Lieblingsaufenthalt des Kurfürsten Lothar von Metternich, unter dessen Führung sich in ihren Mauern ein bedeutungsvolles geschichtliches Ereignis, nämlich die Gründung der katholischen Liga im Jahre 1609 vollzog. Nach der Fertigstellung des am Rhein gelegenen Residenzschlosses gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts verlor die alte Burg ihre Bedeutung. Die Neuzeit achtete nicht die Weihe der Vergangenheit. Bis vor wenigen Jahren wurde in dem stattlichen Gebäude eine Blechfabrik betrieben. Durch Ankauf desselben hat die Stadt Coblenz dem unwürdigen Zustande ein Ende gemacht. Sie will die alte Burg als Museum benutzen und in ihr die städtische Gemäldesammlung unterbringen. Noch manche altertümliche und interessante Gebäude besitzt Coblenz, so die aus dem Anfang des zwölften Jahrhunderts stammende Florinskirche, die 1431 vollendete Liebfrauen- oder Oberpfarrkirche, die ebenfalls alte, 1609 bis 1617 aber umgebaute Jesuitenkirche, das jetzt als Realgymnasium dienende Kaufhaus, das im Jahre 1479 als Rathaus erbaut worden war, ferner das 1530 errichtete, mit einem hübschen Erker verzierte Schöffenhaus, in dem die in der Umgegend gefundenen römischen und fränkischen Altertümer untergebracht sind, und das ehemalige Deutsche Herrenhaus, das aber mit Benutzung älterer Gebäudeteile aus dem fünfzehnten und siebzehnten Jahrhundert umgebaut wurde und nun als Staatsarchiv dient, auf dem „Deutschen Eck“. Am Rhein wurde vor einigen Jahren ein monumentales neues Gebäude für die Königliche Regierung errichtet.