Von Sponheim ist nur noch ein Sprung bis Kreuznach (24000 Einw.) ([Abb. 80]), der gastlichen Stadt am Naheflusse, die alljährlich von mehr als 6000 Kurgästen, die vom Gebrauch der vortrefflichen Solbäder Heilung erhoffen, besucht wird. Dort wollen wir eine Rundwanderung um den Hunsrück beginnen, dessen Rheinseite wir früher schon kennen lernten. Sie wird uns durch das Tal der lieblichen Nahe, die uns mit schelmischem Blick den Saft der Rebe, den gefährlichen Nahewein, reicht, hinführen zur Saar, die ernsteres Leben an ihren Ufern schaut und nur dort, wo die ältere Schwester Mosella die Hand ihr reicht, Rebenschmuck trägt. Und von dort, vom altersgrauen Trier an, begleiten uns fast fortwährend rebengeschmückte Berge, bis wir dem Vater Rhein seine stolzeste Tochter zuführen können.
Abb. 98. Portal der Liebfrauenkirche in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 104].)
Kreuznach führt seinen Ursprung auf eine keltische Ansiedlung zurück. Aber ob die Kelten diesen Ort, wie Hessel meint, schon Crucinacum nannten, erscheint doch sehr zweifelhaft, da sie hierzu ja hätten Latein lernen müssen. Auch daß die Römer, die diesen Namen verstanden, nach ihnen kommen würden, konnten sie nicht gut wissen. Diese bauten, das ist gewiß, in Kreuznach ein Kastell. Noch stehen in der Nähe der Eisenbahnbrücke Reste der Umfassungsmauer, die das Volk die Heidenmauer oder die „heiße Mauer“ nennt. Auch ist in den Feldern die Vierecksform des römischen Kastells noch an einer Erhöhung des Erdbodens deutlich zu erkennen. Nachdem dasselbe von den Alemannen und später, nach seiner Wiederherstellung, von den Franken zerstört worden war, wurde auf seinen Resten ein fränkischer Königshof, eine Pfalz, die den Namen Osterburg führte, errichtet. Die Normannen haben diese, sowie die in ihren Mauern errichtete älteste Kirche Kreuznachs, die Kilianskirche, so zerstört, daß sie spurlos verschwanden. Weiter südlich von der alten Heidenmauer entstand das jetzige Kreuznach. Seinen Namen soll es nach einem Kreuze führen, das ein christlicher Glaubensbote auf einer Nahe-Insel aus Stein errichtete, und das den hochgeschwollenen Fluten der Nahe stand hielt, während neben ihm die Fischerhütten von ihnen fortgerissen wurden. Die große Nahe-Insel ist die wichtigste Örtlichkeit des neueren Kreuznach. Spielt sich doch auf ihr das Badeleben ab. Auf der Südspitze der Insel, die gewöhnlich Bade-Insel oder Badewörth genannt wird, entspringt aus Porphyrfels die brom- und jodhaltige Elisabethquelle. Eine lange Wandelhalle führt zum Kurhaus hin, neben dem das vortrefflich eingerichtete Badehaus und das große Inhalatorium, ein Doppelgradierhaus mit Zwischengang, liegen. Einen sehr malerischen Anblick bietet die alte, auf den Pfeilern mit merkwürdigen Häuserbauten besetzte Nahebrücke ([Abb. 81]) dar, die über das untere Ende des Badewörths geführt ist und die Altstadt mit der auf dem linken Ufer gelegenen Neustadt verbindet.
Abb. 99. Die Martyrung der Christen. Deckengemälde in der Paulinuskirche zu Trier.
Nach einer Photographie von Schaar & Dahle in Trier. (Zu [Seite 104].)
Abb. 100. Die Marienburg.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 105].)
Der Kauzenberg. Wanderungen um Kreuznach.
Für die Nahewanderung aufwärts, von Kreuznach nach Münster a. Stein, empfiehlt man uns drei Wege, und die Schönheit eines jeden wird uns so sehr gepriesen, daß wir allen dreien folgen möchten. Der eine führt hinan zum Kauzenberg (150 m, [Abb. 81]), an dessen Südabhange der beste, der feurigste Nahewein wächst, der weltberühmte Kauzenberger. Oben liegen die Trümmer eines 1689 von den Franzosen zerstörten Schlosses, das den Grafen von Sponheim gehörte. Der Berg wird daher auch Schloßberg genannt. Schöne Parkanlagen schmücken denselben. Von dort führt die Wanderung über die waldige Haardt (Waldberg) zu der steil aus dem Nahetal aufsteigenden Porphyrwand des Rotenfels. Eine herrliche Aussicht auf das zu unseren Füßen liegende Münster a. Stein, auf die breitgewölbte Bergkuppe der Gans (323 m), auf den wie ein Felsturm steil aus der Nahe aufsteigenden Rheingrafenstein (235 m, [Abb. 82]) und auf die eine vorspringende Bergkuppe schmückende Ebernburg öffnet sich am Schlusse dieser Wanderung unseren Blicken. Zu den nämlichen schönen Punkten, die jeder aufsucht, der das Nahetal besucht, führen die beiden anderen Wanderwege hin. Der eine steigt auf dem rechten Naheufer zum Kuhberg hinan, von dessen Tempelchen wir zum Niederwald, zur Rochuskapelle und auf Schloß Johannesberg fern im Rheintal hinschauen können, und weiter zu der noch höheren Gans, wo wir inmitten der nämlichen Herrlichkeiten wie auf dem Rotenfels stehen, zugleich aber eine umfassende Fernsicht nicht bloß zum Rheintal, sondern auch zum Hunsrück und nach Südwesten zum fernen Donnersberg genießen. Und nun der dritte Wanderweg! Er führt nicht über Berge, sondern unten durchs Tal, dessen ganze Anmut und Schönheit entfaltend. Am südlichen Ende des Badviertels von Kreuznach empfängt uns die schöne Salinenstraße, wenn wir es nicht vorziehen, zunächst eine Strecke auf schattigem Promenadenweg am Flusse entlang zu wandern. Die teils reben-, teils waldgeschmückten Berge, auf der einen Seite die Haardt, auf der anderen der Kuhberg, begleiten uns. Wir erreichen die Saline Karlshalle und nach Überschreiten des Flusses die Saline Theodorshalle, mit der zugleich ein Kurhaus verbunden ist. Die beiden Salinen gehörten früher dem Großherzog von Hessen, sind aber jetzt Eigentum der Stadt Kreuznach. Gewaltig ragen die hohen Gradierwerke vor uns auf. Das Wasser der Salzquellen, die im Nahetale, zum Teil sogar im Bette des Flusses, heraussprudeln, hat nur einen geringen Salzgehalt von etwa 1%. Ehe es auf die Siedepfannen geleitet wird, muß es deshalb oftmals, und zwar siebenmal, denn die beiden Gradierwerke der Karls- und Theodorshalle bestehen aus je sieben Abteilungen, den Weg über die Dornenhecken machen. Durch eine einfache Pumpeinrichtung wird es in die Höhe gehoben und durch Rinnen, die beim weiteren Verzweigen immer enger werden, so verteilt, daß es fast tropfenweise auf die Dornen gelangt. Beim langsamen Herabträufeln findet eine starke Verdunstung statt. Wenn das Wasser siebenmal den Weg gemacht hat, besitzt es einen Salzgehalt von 7 bis 8%. Auf den großen Siedepfannen, die seitwärts von den Gradierwerken in einem Gebäude aufgestellt sind, wird es weiter eingedampft, bis das Salz sich an der Oberfläche in Kristallen, die sich beim Niedersinken vergrößern, ausscheidet. Schließlich bleibt die Mutterlauge, eine bräunliche Flüssigkeit, die auch noch andere, leichter lösliche Salze enthält und besonders für die Badekuren wertvoll ist, übrig.