Abb. 101. Die Marienburg.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 106].)

Münster a. Stein. Rheingrafenstein.

Nach zwanzig Minuten haben wir von der Theodorshalle ab, nach einer einstündigen Wanderung von Kreuznach ab den freundlichen Kurort Münster a. Stein ([Abb. 83]) erreicht. Dort stehen wir in der Mitte zwischen den vier Berggestalten, die wir schon kennen lernten, zwischen der breiten Porphyrkuppe der Gans, den steil aufsteigenden Porphyrwänden des Rotenfels und des Rheingrafenstein, und der zierlichen Bergkuppe, die stolz die Ebernburg ([Abb. 84]) trägt. Und wohin wir auch schauen mögen, empor zu diesen Höhen, deren rötliches Gestein oder grünes Waldkleid sowohl im eigenen Wechsel als auch im Wechsel der Sonnenbeleuchtung so verschiedenartige und reiche Farbentöne hervorbringen, überall erscheinen vor unserem Geiste die Bilder und Gestalten der Geschichte, und die Sage, der Geschichte sinniges Schwesterlein, möchte jedes Wort mitplaudern und miterzählen in ihrer eigenen Art. Auf dem so jäh und so trotzig aus dem Bett der Nahe aufsteigenden Rheingrafenstein hausten einst die Rheingrafen. Sie wurden so genannt, weil sie zu Karls des Großen Zeiten, als das fränkische Reich in Gaue eingeteilt wurde, den Rheingau, der von Mainz bis Lorch reichte, erhalten hatten. Sie verloren später diesen Besitz, und ihre Burg Rheinberg fiel in Trümmer. Da siedelten sie nach Schloß Stein über, das auf einem gewaltigen, über 400 Fuß hohen Stein, der unweit Kreuznach senkrecht aus dem Naheflusse aufsteigt, lag, und seitdem hieß dieser Fels Rheingrafenstein. Später beerbten die Rheingrafen die Wildgrafen, die Nachkommen der Rheingaugrafen, und sie wurden dadurch Herren von mehreren Burgen und vielen Dörfern an der Nahe. So konnten sie auf ihrem Felsenneste, das die Sage durch den Teufel erbauen läßt, ein lustiges Leben führen. Im Umkreise, im Banne von Norheim, Treisen und Hüsselsheim wuchsen gar herrliche Weine. Einst saßen die Rheingrafen auf ihrem Schlosse beim Wein, und viele andere Ritter waren in ihrer Runde. Da sagte der Rheingraf, indem er einen riesigen Humpen aus Glas, der die Form eines Stiefels hatte, emporhob: „Wer diesen Stiefel, ihr Herren, auf einen Zug leert, dem gehört Dorf Hüsselsheim.“ In der Runde befand sich aber ein sehr trunkfester Ritter, Boos von Waldeck: „Gebt mir Brief und Siegel, Herr Rheingraf!“ rief er. Das geschah. Da nahm der Ritter den Stiefel und trank ihn in einem gewaltigen Zuge leer. Dann fiel er, noch die Worte herausstoßend: „Ich tat’s für Weib und Kinder!“ sterbend hin. Nach einem anderen Wortlaut der Sage, der ein wirkliches Begebnis zugrunde liegen soll, hätte Boos sich ganz vergnüglich umgeschaut und dann gesagt: „Gebt Ihr mir noch das Dörflein Roxheim dazu, so leer’ ich den Stiefel zum zweitenmal.“ Ein solch trunkfester Kumpan sei er gewesen.

Abb. 102. Bernkastel, Burg Landshut und Cues.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 106].)

Ebernburg. Oberstein. Die Achatindustrie.

Eine Fülle von Begebenheiten weckt die Ebernburg ([Abb. 84]) in unserm Geiste. Zwei Männer von kühnem Geiste, ein Mann des Schwertes und ein Mann der Feder, grüßen uns beim Aufstieg zur Ruine, Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten, deren Denkmal ([Abb. 85]) auf halber Höhe des Berges steht. Ulrich von Hutten scheint in feuriger Rede auf Sickingen einzustürmen, der, entflammt von der Rede Sinn, zum Schwert greift. Der ganze Geist der Reformation mit ihrem geistigen Ringen und ihren bitteren Kämpfen wird in uns wach. Welche politischen Zustände, welche Ohnmacht der kaiserlichen Gewalt! Ein einzelner Ritter vermag Städten und Fürsten den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Kaiser Maximilian spricht des Reiches Acht über Franz von Sickingen, der mit Götz von Berlichingen und anderen im Bunde ist, aus, aber bald muß er sich mit dem mächtigen Manne wieder versöhnen. In den Religionsstreitigkeiten stellte Franz von Sickingen sich auf die Seite Luthers. Hutten wurde sein Berater, die Triebfeder kühner Taten. Aber der Versuch, den mächtigen Nachbarn, den Erzbischof von Trier, der von Köln Hilfe erhielt, zu bezwingen, wurde Sickingens Verderben. Nach der vergeblichen Belagerung von Trier wurde er selbst in Landshut belagert. Von einer feindlichen Kugel ward er tödlich verwundet. So starb der Mann, dessen Kühnheit jeder, ob Freund oder Feind, bewundern muß.

Nachdem wir noch die 1¼ Stunde entfernte Altenbaumburg ([Abb. 86]) besucht haben, scheiden wir von Münster a. Stein, das ebenfalls bedeutende Solquellen hat, und wo ebenfalls alljährlich zahlreiche Kurgäste Heilung suchen, angelockt wohl auch von der Schönheit der Landschaft. Noch viele landschaftlich schöne Punkte oder geschichtlich bemerkenswerte Orte besitzt das Nahetal, wie Sobernheim und Kirn ([Abb. 87] u. [88]). Wir können überall nicht weilen und halten erst wieder in Oberstein ([Abb. 89]) Rast. Ein Wunderbau ist die dortige Felsenkirche. Die Sage erzählt, daß ein Ritter sie erbauen ließ zur Sühne für den Mord seines Bruders, den er dort von der Felswand hinabgestoßen hatte. Noch mehr ist Oberstein durch seine schönen Achatwaren bekannt. Es teilt diesen Ruhm mit dem in der Nähe im Tale des Idarbaches gelegenen Städtchen Idar; ja die ganze Gegend, ein großer Teil des Birkenfelder Ländchens, kann Anspruch auf ihn machen. Wir befinden uns in dem Gebiet der eigenartigen Achatindustrie. Wer kennt nicht die schönen, buntstreifigen Steine, aus denen allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Ohrringe, Broschen, Vorstecknadeln, Ringe, Manschettenknöpfe, Knöpfe auf Spazierstöcke, Briefbeschwerer usw., verfertigt werden! In eine goldähnliche Masse, Obersteiner Gold genannt, werden die Steine gefaßt. Die Sachen schillern in den schönsten Farben. Als Andenken und Geschenke von der Reise werden sie gern gekauft. Aber viele, die sich mit ihnen schmücken, ahnen nicht, wie viel Mühe und Not einer beschwerlichen Arbeit mit ihnen verknüpft sind. Wir können diese sehen in den zahlreichen Schleifkotten, die im Tale des Idarbaches liegen, in denen die Steine zerschnitten und dann von Arbeitern, die langgestreckt auf dem Boden liegen, geschliffen werden. Wir erkennen sie auch aus den bleichen Gesichtern der durch die mühselige und ungesunde Arbeit Abgehärmten. Dieses Bild und dann die glänzende Ausstellung der fertig abgelieferten Achatwaren in der Gewerbehalle zu Idar: es sind die immer und überall wiederkehrenden Gegensätze des Lebens. Früher wurden die Achatsteine in der Gegend selbst aus dem schwärzlichen Melaphyrgestein, in dem sie sich in Hohlräumen durch Ausscheiden von Kieselsäure gebildet hatten, gebrochen. Seitdem aus anderen Ländern, besonders aus Afrika und Südamerika, schönere Steine zu mäßigen Preisen bezogen werden können, ist der Betrieb der einheimischen Achatgruben fast ganz eingestellt worden. Eine wichtige Erfindung für die Achatindustrie war das künstliche Färben der Steine. Seit dem Jahre 1830 wird diese Kunst geübt, doch soll sie schon den Alten bekannt gewesen sein. Sie beruht auf der verschiedenen Porosität des Steins. Durch Behandlung mit Honigwasser und Kochen in Salzsäure können einzelne Streifen schwarz, mit Kupfervitriol und Ammoniak blau, mit Eisenchlorid und Schwefelzyankalium rot gefärbt werden.