Die Fahrt durch das Saartal von St. Johann nach Trier führt uns zuerst durch das fabrikreiche Bild der zuletzt genannten Orte. Dann entfaltet das Tal seine liebliche Anmut. Mit fruchtbaren Äckern und Wiesen ist es freundlich geschmückt. Waldige Höhen begleiten uns zu beiden Seiten. Wir grüßen die alte Festung Saarlouis (800 Einw.) und das Ackerbaustädtchen Merzig (7500 Einw.), das in breiterer Talmulde, umgeben von einem Kranze von Obstpflanzungen, die das Tal und die ansteigenden Höhen beschatten, umgeben ist. Enger wird dann das Tal und höher werden die Berge. Denn zwischen Merzig und Saarburg hat die Saar den Durchbruch durch den harten Quarzitrücken des Hunsrück erzwingen müssen. Die Landstraße muß in Serpentinen die Berge hinauf- und herunterklettern, und für den Eisenbahnreisenden verschwindet plötzlich das heitere Grün der Landschaft bei der Einfahrt in einen dunkeln Tunnel. Wir erreichen das verborgen in waldigem Talgrunde liegende, durch die große Steingutfabrik von Villeroi & Boch aber weltbekannte Mettlach, und weiter geht’s nach Saarburg, der Perle des Saartales. Wir steigen empor zur steilen Felswand der Klause ([Abb. 91]), wo der blinde König Johann von Böhmen sein stilles Grab gefunden hat, und bald grüßen uns die Rebenberge, die sich um das alte Städtchen Saarburg gruppieren. An die Stelle des Quarzits ist der Schieferfels getreten. Ernst schauen die Reste der alten Saarburg ([Abb. 90]), deren erster Bau schon aus dem zehnten Jahrhundert stammt, hinüber zu den Rebenhöhen, die im warmen Sonnenlichte glänzen, und hinab in das wonnige Tal, wo in Schlangenbiegungen die Saar durch grüne Wiesenauen zieht. Nur der untere Teil des Städtchens Saarburg spiegelt sich in dem Flusse, der obere jedoch erhebt sich zur luftigen Bergeshöhe. In der Unterstadt lenkt plötzlich ein tosendes Geräusch unsere Schritte, und bald stehen wir vor dem wildstürzenden, schäumenden Wasserfall des Leukbaches. Auf dem Wege von Saarburg nach Trier treffen wir, dem Flußlauf folgend, die besten Weinbergslagen der Saar an, so den Scharzhofberg und den Wiltinger Berg. Eine bekannte Marke ist auch der „Wawerner Herrenberger“.
Einst hatte die Saar, welche bei Conz in die Mosel mündet, auf ihrer untersten Strecke einen ganz anderen Lauf. Sie machte mehrere große Biegungen, die sie später abzuschneiden vermochte. Zuerst zog sie unterhalb Saarburg auf der rechten Seite eine Schleife. Dann bog sie noch weiter nach Westen aus, und zuletzt beschrieb sie einen sehr großen Bogen, über Oberemmel und Niedermennig, wieder nach Osten. Sie mündete aber ungefähr an der nämlichen Stelle wie heute.
Trier.
Es öffnen sich nun die Berge, und der helle Spiegel der Mosel blitzt vor uns auf. Mosella fließt, wo sie zuerst uns grüßt, nachdem sie schon weit gewandert durchs lothringische Land, in ziemlich breitem Tal. Ostwärts erbreitet sich dieses noch mehr, und nach kurzer Strecke hat es sich zu einem lieblichen Talkessel gestaltet, der von sanften, sonnigen Abhängen umschlossen ist. Das ist die Stelle, wo die Römer in ihrer südlichen Heimat zu weilen glaubten, wo sie an die sonnigen Gefilde Italiens erinnert wurden und sich im alten Trier (fast 50000 Einw., [Abb. 92]), dessen Türme bald im Bilde der anmutigen Landschaft auftauchen, ein zweites Rom — so darf man fast sagen — schufen.
Eine Inschrift, die am Roten Hause ([Abb. 93]), dem früheren Versammlungshause der Ratsherrn, das sich am Hauptmarkt von Trier erhebt, angebracht ist, sagt:
„Ante Romam Treveris stetit annis MCCC.“
„Vor Rom stand Trier 1300 Jahre.“
Abb. 111. Bertrich. (Zu [Seite 110].)
Triers Vergangenheit.
Es ist nur die mittelalterliche Sage von der Gründung Triers durch Trebeta, den Sohn des assyrischen Königs Ninus, die dieser Inschrift zugrunde liegt. Über das wirkliche Alter der Stadt weiß man nichts. Sicher ist nur, daß sich an ihrer Stelle schon eine größere keltische Niederlassung, der Hauptort der gallischen Treverer, befand, als Cäsar im Jahre 56 v. Chr. auch diesen Volksstamm unterwarf, der damals bereits zu einer höheren Kultur als die germanischen Stämme gelangt war. Die Gründung der römischen Colonia Augusta Treverorum fällt wahrscheinlich erst in die Zeit des Kaisers Augustus. Ihre Lage machte sie zu einem wichtigen militärischen Stützpunkte. Weit genug von der germanischen Grenze entfernt, um vor plötzlichen Überfällen gesichert zu sein, lag sie wieder nahe genug, um ein Heer bereit halten zu können. Die Kolonie war zugleich ein wichtiger Verkehrsmittelpunkt, in welchem das westöstlich verlaufende Moseltal von der südnördlich gerichteten Verkehrslinie des Saar- und Kylltales durchschnitten wird, und Fruchtbarkeit zeichnete die umliegenden Gebiete wie noch heute aus. Sie mußte besonders in den Zeiten als Wohnsitz bevorzugt werden, in denen die Germanen ihre verheerenden Einfälle in das römische Gebiet begannen. „In Trier und im Mosellande konnte man damals, wie Boos schreibt, eines so selten gewordenen Glückes genießen. Die heitere, rebenumsäumte Tallandschaft stimmt noch heute jedes Gemüt fröhlich. Sie erweckt das Gefühl des Behagens und der Wohlfahrt, das über den Weinländern in der Luft zu schweben scheint (Goethe). Der Südländer vergaß, daß er im unfreundlichen Norden weilte, und die ruhige Schönheit der Gegend gab der Dichtung des Ausonius einen höheren Schwung.“