Als die Germanen im dritten Jahrhundert plündernd das Moseltal durchzogen, bedrohten sie auch Trier. Ja es schien, als wenn damals schon die Römerherrschaft am Rhein ihrem Ansturm völlig erliegen müßte. Diokletian, dem Wiederhersteller des römischen Staates, gelang es aber, die Gefahr abzuwenden, indem er seinem Mitkaiser Maximinian die Verwaltung des Westens übertrug. Constantius Chlorus und Constantin der Große setzten dessen Werk fort. Um das linksrheinische Land gegen die Angriffe der Germanen besser zu schützen, wurden Burgen gebaut und die Städte stärker befestigt. Das Material für die Befestigungen nahm man, wie Boos schreibt, wo man es nur bekommen konnte. Selbst die Grabsteine früherer Geschlechter wurden als Quadern benutzt, besonders für die Fundamente. Sie enthalten die herrlichsten, instruktivsten Darstellungen aus dem häuslichen Leben der Bewohner des Mosellandes für das zweite Jahrhundert. Auch Trier, das im Jahre 286 zur Residenz der in Gallien residierenden Cäsaren oder Kaiser erhoben wurde, erhielt eine neue Befestigung und die Stadt wurde bedeutend erweitert. Sie dehnte sich jetzt von der Porta Nigra ([Abb. 94]), dem mächtigen Torbau, der schon aus einer früheren Zeit stammte, bis zur heutigen Vorstadt St. Matthias aus. Die feste Brücke, die noch heute auf römischen Pfeilern ruht, lag damals genau gegenüber der Mitte der Stadt. Die sie fortsetzende Hauptstraße halbierte das römische Trier und führte an den bedeutendsten Gebäuden, den Thermen von St. Barbara, dem Kaiserpalast ([Abb. 95]), dem Amphitheater und unweit der Basilika vorbei. Wie Trier sich zu einer glänzenden Residenzstadt entfaltete, so schmückte sich die Umgegend mit prächtigen römischen Villen. Von den Berglehnen und aus dem Grün der Moselufer schimmerten diese, und Menschen wohnten in ihnen, die den Lebensgenuß durch die Kunst zu veredeln verstanden. Ein schöner Mosaikboden in einer römischen Villa wurde z. B. bei dem Orte Nennig, der an der Eisenbahnlinie von Trier nach Diedenhofen liegt, aufgedeckt. Er ist 10 m breit und 15 m lang und zeigt in der Mitte die große Darstellung eines Gladiatorenkampfes, während den Rand kleinere Medaillonbilder schmücken. Ein berühmtes Denkmal aus der Römerzeit ist auch die Igeler Säule, ein 23 m hoher und unten 5 m breiter, als Grabdenkmal errichteter Sandsteinbau, dessen Flächen mit häuslichen und mythologischen Szenen geschmückt sind.

Abb. 112. Andernach.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 113].)

Trier.

Schon zur Römerzeit fand das Christentum in Trier Eingang und daselbst einen festen Stützpunkt. Erster Bischof von Trier wurde Agricius von Antiochien im Jahre 328. Später wurde das Bistum in ein Erzbistum verwandelt. Die Trierer Erzbischöfe waren vielfach zugleich sehr wehrhafte Herren. Die Erneuerung des jetzigen Bistums erfolgte im Jahre 1802. Das mittelalterliche christliche Trier hat uns ebenso wie das römische heidnische bedeutende Bauwerke hinterlassen. Besonders die Kirchen der Stadt ragen als Kunstwerke hervor. Zum Teil sind sie aus römischen Bauten hervorgegangen, so der Dom ([Abb. 96] u. [97]) und die Basilika. Der römische Bau, aus dem der Dom entstand, stammte wahrscheinlich aus der Zeit Valentinians I. (364 bis 375). Er hatte eine quadratische Form und füllte die ganze Breite des jetzigen Gebäudes aus. Von den vier mächtigen Granitsäulen, die sein Inneres trugen, liegt eine in ihrer ungetümen Gestalt vor dem Eingange des Doms. Der Bau wurde nach den Zerstörungen, welche die Franken und nach ihnen die Normannen anrichteten, erneuert, bei der zweiten Renovierung durch den Erzbischof Poppo (1016 bis 1047) zugleich um ein Drittel verlängert und mit einer Apsis versehen. Der Erzbischof Hillin (1152 bis 1169) fügte noch die zweite östliche Apsis hinzu. Im dreizehnten Jahrhundert erhielten die Schiffe Kreuzgewölbe. Zuletzt, im siebzehnten Jahrhundert, wurde noch die kreisrunde, mit einer Kuppel überwölbte Schatzkammer angebaut. Was die verschiedenen Bauperioden geschaffen haben, bis wohin der ältere Bau reichte und wo eine jüngere Zeit mit ihrer Tätigkeit einsetzte, ist schon an dem Baustoff zu erkennen. Am römischen Bau wurden roter Sandstein und Ziegel, am Popponischen dagegen Kalkstein und Ziegel verwandt. An Pracht steht zwar der Trierer Dom hinter den anderen großen rheinischen Domen zurück. Aber das hohe Alter gibt ihm eine besondere Weihe, sowohl für den Gläubigen als auch für den Kunstfreund.

Abb. 113. Remagen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 115].)

Vom Dom lenken wir unsere Schritte zu der unmittelbar an ihn stoßenden Liebfrauenkirche ([Abb. 96] u. [98]). Mit einem freudigen Erstaunen richten wir im Innern den Blick in die Höhe, empor zu den zwölf schlanken Säulen, die das Innere tragen. Es ist ein Rundbau, der von einem Kreuzgewölbe durchschnitten ist. Man wird wohl selten einen Bau finden, in dem eine solche Harmonie, ein solches Ebenmaß der Formen herrscht, wie in dieser Trierer Liebfrauenkirche, die für das schönste Bauwerk der Frühgotik gilt. Von den übrigen Kirchen Triers verdienen noch die Basilika, von der wir schon sagten, daß sie gleich dem Dom aus römischer Zeit stammt, vermutlich aus der Zeit Constantins des Großen (306 bis 337), sowie die mit schönen Deckengemälden ([Abb. 99]) geschmückte St. Paulinuskirche und die St. Matthiaskirche, von denen die eine nördlich, die andere südlich von der Stadt liegt, unser Interesse. Nachdem wir noch dem reichhaltigen Provinzialmuseum, das besonders reich an römischen Fundstücken ist, einen Besuch abgestattet haben, scheiden wir von Trier, wo so herrlicher Wein uns labte, um auch anderen schönen Punkten im Moseltal einen flüchtigen Wandergruß zu bringen.

Das Moseltal.

Es fehlt der Raum, um das Moseltal, das so viele herrliche Schönheiten entfaltet, in gleicher Ausführlichkeit wie das Rheintal zu behandeln. Wir müssen uns darauf beschränken, die Eigenart dieses größten Nebentales gegenüber dem Haupt-, dem Rheintale, zu zeigen und zu begründen. Übereinstimmend ist der reiche Rebenschmuck der Bergwände, die ebenfalls aus schiefrigem Gestein bestehen; gleich ist auch die große Zahl der Burgen, die malerisch die Berge krönen; sehr ähnlich ferner das Bild der Ortschaften, die an den Fluß sich betten, und deren schiefergraue Dächer im Sonnenschein hell aufblitzen. Und doch wie verschieden ist das Gesamtbild! Weniger großartig ist das Moseltal, wie auch sein Fluß sich mit dem stolzen Rheinstrom nicht messen kann. Aber ein reicherer Wechsel des landschaftlichen Bildes ist ihm eigen. Schon die viel zahlreicheren Biegungen, die die Mosel macht, bewirken dies; denn bei jeder Biegung öffnet sich dem Auge ein neues, oft völlig anderes Bild, während sich im Rheintal jeder Blick ins Endlose verlängert. Am wenigsten ist die unterste Strecke des rheinischen Mosellaufs, von Cochem ab, durch Biegungen gegliedert, am reichsten das mittlere Drittel zwischen Bernkastel und Cochem. Dort macht der Fluß vielstundenlange Umwege, um fast zur nämlichen Stelle zurückzukehren. Am meisten nähert er sich selbst wieder nach der großen Schleife von Zell an der Stelle, wo die auf hohem Felskamm gelegene Marienburg ([Abb. 100]) zur Betrachtung des eigenartigen Landschaftsbildes mit einem doppelten Flußlaufe einladet.