Die Variskischen Alpen.

Wenn wir so auch das Antlitz unseres schönen Rheinlandes, wie es aussah in früheren Erd-Epochen, im Geiste zu gestalten suchen, geleitet von namhaften geologischen Forschern, so schauen wir ein riesenhaftes Gebirge, ein Hochgebirge, das an die heutigen Alpen erinnert. Von dem Ostende der mittelfranzösischen Gebirgsscholle zog es sich in einem gewaltigen Bogen über Vogesen und Schwarzwald, durch Süd-, West- und Mitteldeutschland, um den Nordrand Böhmens herum bis zu den Karpathen hin. Nicht bloß diese Hauptrichtung hatte es mit den ebenfalls bogenförmig verlaufenden Alpen gemein. Es war wie diese auch ein einseitig aufgebautes Kettengebirge, das auf der konvexen Südseite, wo die höchsten Gipfel lagen, eine kristallinische Hauptzone, auf der konkaven Nordseite eine breite Zone mächtig entwickelter Sedimentgesteine besaß. Von dieser letzteren Zone des früheren mitteleuropäischen Hochgebirges, das Sueß nach dem Lande der alten Varisker, dem heutigen Vogtlande, Variskische Alpen genannt hat, ist das Rheinische Schiefergebirge, durch welches später der Rhein und seine Nebenflüsse ihre tiefen Furchen gezogen haben, der Rest eines kleinen Gliedes, ein recht armseliger Rest; denn nur das Fundament, der Sockel der einstigen Hochgebirgsfalten, blieb unserer Zeit erhalten, genug noch, um daraus die Schönheit des heutigen Rheinlandes zu gestalten.

Abb. 6. Der Römer und der Gerechtigkeitsbrunnen zu Frankfurt. (Zu [Seite 21].)

Der alte Hochgebirgssockel, als den wir also das Rheinische Schiefergebirge betrachten müssen, baut sich, wie schon der Name andeutet, aus schiefrigem Gestein auf. Die schiefrige Struktur des Gesteins sagt uns schon, daß es eine Meeresablagerung, ein echtes Sedimentgestein, ist. Wo der abgelagerte Schlamm sehr tonreich war, entstand der eigentliche Schiefer, dessen reinste Form der schwarzblaue Dachschiefer, wie er z. B. bei Caub gewonnen wird, ist; wo er stärker mit Sand gemischt war, bildete sich ein Gestein, das wegen seiner grauen Färbung Grauwacke genannt wird. Schiefer und Grauwacke sind die beiden Hauptgesteinsarten Rheinlands; aber zahlreiche andere Gesteine, Kalk, Sandsteine, ältere und jüngere Eruptivgesteine usw. kommen in ihm noch vor, und indem wir ihre Altersfolge festzustellen suchen, lernen wir die Wandlungen kennen, die dieses Gebiet durchgemacht hat, wie es sich hob und senkte, wie seine Oberflächenformen entstanden und verschwanden, welchen Lauf die Gewässer nahmen und schließlich das heutige Bild schufen.

Urzeit. Devon.

Die ältesten Sedimentgesteine der Erde, die sich nach der Urzeit, nach der Bildung einer festen Erdkruste um einen feurigen Kern, in den Zeitperioden des Cambrium und des Silur als Ablagerungen eines Urmeeres gebildet haben und die ersten deutlichen Spuren und Reste organischen Lebens enthalten, treten nur im Hohen Venn und in den Ardennen, und zwar verhältnismäßig spärlich zutage. Die älteste Kruste der Erde, die aus den sogenannten Urgesteinen der Gneis- und Granitgruppe gebildet wird, erscheint im ganzen Gebiete nirgendwo an der Oberfläche. Daß diese Unterlage aber nicht fehlt, wird durch die zahlreichen Einschlüsse von archäischen Gesteinen, von Granit, Diorit, Gneis, Granulit, Glimmerschiefer usw. in den vulkanischen Tuffen, Basalten und Laven des Laacher Sees, des Siebengebirges usw. bewiesen. Es kann nur angenommen werden, daß sie bei den vulkanischen Ausbrüchen aus großer Tiefe abgerissen und mit an die Oberfläche gefördert wurden. Im Hohen Venn zeigte sich bei einem Bahnbau, daß dort Granit sogar bis nahe an die Oberfläche reicht.

Abb. 7. Haus Frauenstein und Salzhaus am Römerberg in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 21].)

Devonische Gesteine.