Wo waren Cäsars Rheinbrücken? Urmitz.

Es handelt sich wieder um die Frage, wo Cäsar seine beiden Brücken über den Rhein geschlagen hat. Es ist eine alte Kampffrage. Nicht weniger als etwa zwanzig Orte haben sich auf der 320 km langen Rheinstrecke von Mainz bis Xanten, wie Nissen schreibt, zur Auswahl angeboten. „In Engers überschaut der Fremde vom Römerturm die lachende Landschaft und hält im Gasthof zur Römerbrücke Rast, in Bonn freut er sich der Huldigung, die 1898 dem ersten rheinischen Brückenbauer zuteil geworden ist, sieht ein Steinbild, das den großen Imperator darstellen soll, liest eine Inschrift, die in bedenklichem Latein das Gedächtnis des Brückenschlages von 55 v. Chr. erneuert.“ Der um die Altertumsforschung im Rheinland hochverdiente Oberst von Cohausen verlegte die erste Brücke, die im Jahre 55 v. Chr. geschlagen wurde, nach Xanten, die zweite, zwei Jahre später erbaute nach Neuwied, indem er in der Stelle paulum supra eum locum quo ante exercitum traduxerat, facere pontem instituit“ in Cäsars „Bellum gallicum“ den beiden ersten Worten „ein wenig oberhalb“, nämlich von der Stelle des ersten Brückenbaues, einen sehr dehnbaren Sinn gab. In dem großen Werke Napoleons III. über die Feldzüge Cäsars ist Bonn als Brückenstelle angenommen worden, und hierauf gründet sich die Ehrung des römischen Feldherrn an der Bonner Rheinbrücke. Andere, wie General von Peucker und General Wolf, traten für Köln ein, wieder andere, wie Professor Ritter 1864 und Professor Klein 1888, nahmen die erste Brücke für Bonn, die zweite für Neuwied in Anspruch. In neuester Zeit glaubt nun Koenen, der unermüdliche Durchforscher unseres Heimatbodens nach Spuren der Vergangenheit, wenig unterhalb von Urmitz und dem Urmitzer Wörth Cäsars Rheinfestung ermittelt und in ihrer Ausdehnung und Anlage genau festgestellt zu haben. Es handelt sich um eine Festungsanlage von fast 4 km Umfang, die auf einer erhöhten, von den Fluten nicht erreichbaren Bimssandsteinablagerung errichtet war. In dem Rahmen derselben waren früher schon viele römische und vorrömische Funde gemacht, u. a. zahlreiche Kesselgruben der Bronze-, Hallstatt- und La Tène-Zeit, sowie ein großes vorrömisches Gräberfeld, das Totenwohnungen besonders aus jenen Perioden barg, entdeckt worden. Es handelt sich also um eine im früheren Völkerleben wichtige Örtlichkeit. Innerhalb der großen Festungsanlage hat Koenen ferner eins der fünfzig Drusus-Kastelle von quadratförmiger Gestalt nachgewiesen. Welche Gründe berechtigten ihn aber, jene als die Cäsarsche Brückenfestung zu deuten? In dem Füllwerk der Festungsgräben fanden sich Gefäßscherben aus allen Perioden der vorrömischen Zeit, keine aber, die bis in die Augusteische Zeit hineinreichen. Die jüngsten Scherben zeigen den Typus, der in der Zeit der Eroberung Galliens durch Cäsar herrschte. Im Rheine wurden gegenüber der Mitte des Lagers Reste von Pfählen gefunden, desgleichen etwas (1270 m) unterhalb, wohin Koenen den Bau der ersten Brücke verlegt. Die Cäsarsche Brückenfestung hat, nach der Beweisführung Koenens, bis nach dem unter Augustus erfolgten Bau der Coblenzer Straße bestanden; denn diese biegt, wo sie jene erreicht, nach Westen aus. Nach völliger Beruhigung des linken Rheinufers war eine große Rheinfestung nicht mehr nötig. Das kleine Drusus-Kastell übernahm an dieser Stelle die Sicherung der Rheingrenze, und jene wurde aufgegeben. Die Entscheidung der Frage, wo Cäsar über den Rhein gegangen ist, hat große Wichtigkeit für die Feststellung der alten Grenzen der germanischen Völkerschaften, in deren Gebiet der Kriegszug führte. Ob aber Koenens Forschungen dem Streit ein Ende machen werden, ist noch nicht gewiß. Allgemein scheint man sich aber jetzt der Ansicht anzuschließen, daß jedenfalls in der Gegend des Neuwieder Beckens, also zwischen Coblenz und Andernach, die Stellen zu suchen sind, wo Cäsar den Rhein überschritt.

Der Rheindampfer trägt uns an der interessanten Örtlichkeit, um die sich jetzt der wissenschaftliche Streit dreht, vorbei. Wir sehen im Geiste die Cäsarsche Pfahlbrücke, die uns auf der Schulbank schon so viel Kopfzerbrechen machte. Wo einst römische Legionen lagerten, sind jetzt zahlreiche Arbeiter tätig im Dienste einer eigenartigen Industrie. Sie stechen den Bimssand, den einst die Vulkane der Eifel als Aschenregen entsandten, ab, untermischten ihn mit Kalkmilch und formen aus der Masse weiße Bimssandsteinziegel, die bei Bauten im Rheinland jetzt viel Verwendung finden. Die Steine sind viel leichter als die gewöhnlichen Ziegelsteine und sollen den Gebäuden eine gleichmäßige Temperatur geben. Durch den Abbau der Bimssandsteinschichten für die zahlreichen Ziegeleien, die zwischen Coblenz und Andernach, sowie auch auf der rechten Rheinseite in Betrieb gesetzt wurden, und die jährlich über hundert Millionen Ziegel fertig stellen, sind schon viele wertvolle, besonders vorgeschichtliche Funde gemacht worden — den Namen Urmitz können wir in den meisten Museen lesen —, und auch Koenen verdankt ihnen die Entdeckung der Cäsarschen Rheinfestung und des Drusus-Kastells.

Weißenturm. Neuwied.

Am linken Rheinufer folgt der langgestreckte Ort Weißenturm, hinter dem sich, seitwärts von der Landstraße, auf einer Anhöhe das Denkmal des französischen Generals Hoche in Gestalt eines Obelisken erhebt. Rechts aber wird, unterhalb zweier Kruppscher Hüttenwerke, das Stadtbild von Neuwied (fast 20000 Einwohner) sichtbar. Schon der Name deutet das junge Alter der betriebsamen Stadt an. Einst lag an ihrer Stelle ein Ort namens Langendorf. Im Dreißigjährigen Kriege war er völlig verödet. Da lud 1653 der Graf Friedrich von Wied zahlreiche Ansiedler „ohne vnterschied der Religion und ohne einigen Pfenning zu zahlen“ zur Ansiedelung an dieser Stelle, die, inmitten einer fruchtbaren Ebene, am Ufer des Rheinstromes und am Ausgange des Wiedtales, als eine günstige gut erspäht war. Und ein blühendes Gemeinwesen ist dort entstanden, in dem Protestanten, Katholiken, Herrnhuter, Mennoniten und Juden, im Sinne des Gründers, friedlich nebeneinander wohnen. Auch in der Gegend von Neuwied sind, bei dem Orte Niederbiber, die Reste eines römischen Kastells, und zwar eines der größten am Rhein, aufgedeckt worden. Es maß 255 m in der Länge und 187 m in der Breite. Kein römischer Schriftsteller nennt den Namen dieses Kastells. Bei den Ausgrabungen wurden manche wertvolle Funde gemacht, die in einem Nebengebäude des fürstlichen Schlosses zu Neuwied aufbewahrt werden. Als das wertvollste Fundstück wird uns ein silbernes Kohortenzeichen gezeigt. Von Neuwied, seinem Schloß und dem schönen Parke, der dieses umgibt, können wir nicht Abschied nehmen, ohne der gottbegnadeten Dichterin Carmen Sylva, der Königin von Rumänien, zu gedenken, die dort geboren ist und von dort die schönen Rheinbilder schaute, die so manche poetische Stimmung weckte.

Abb. 121. Rheinischer Humor in den Bildhauerarbeiten der Bonner Rheinbrücke.
Aus der Festschrift der Stadt Bonn. (Zu [Seite 125].)

Andernach.

Unterhalb der Stadt Neuwied strömen dem Rhein zwei starke Bäche zu, von links die muntere Nette, von rechts die Wied. Aber kaum hat er diese, noch im ruhigen Laufe durch die Ebene, aufgenommen, da nähern sich wieder die Berge, um von neuem in ein felsiges Bett ihn zu zwingen. Auf der letzten Uferfläche, die die Berge noch frei ließen, erwuchs die alte Stadt Andernach (8000 Einwohner) ([Abb. 112]). Vielleicht befand sich schon eine keltische Ansiedelung daselbst. Die Römer hatten mit scharfem Blick den wichtigen Punkt am Eingange des zweiten engen Abschnittes des Rheintales erspäht und legten eins der fünfzig Drusus-Kastelle dort an, das sie Antunnacum, Antonaco nannten. Dann ward Andernach ein fränkischer Königshof und im Mittelalter freie Reichsstadt, bis es, durch Gewalt gezwungen, dem Erzbistum Köln einverleibt wurde. Und von Kriegeswehr spricht auch das heutige Bild der Stadt noch zu uns. Schon von weitem grüßt uns der hohe, unten runde, oben achteckige Wartturm, der von 1451 bis 1468 erbaut wurde und 1880 in seiner schönen Form wiederhergestellt worden ist. Näher kommend, erblicken wir aber noch viele Gebäude, die das Mittelalter übrig gelassen hat: die alte Bastei, das Rheintor, die Trümmer des kurkölnischen Schlosses und am unteren Ende, einsam am Rheinufer stehend, den alten Kranen, die Stelle bezeichnend, wo schon die Römer die bei Niedermendig gebrochenen Mühlsteine verluden, und wo auch heute die im weiten Umkreise gewonnenen vulkanischen Produkte zur Verladung gelangen. Mauern umgeben noch den größten Teil der Stadt. In dem altertümlichen Rathause, einem spätgotischen Bau aus dem Jahre 1564, werden römische und fränkische Altertümer aufbewahrt. Den schönsten Schmuck Andernachs aber bildet die der heiligen Genoveva geweihte, viertürmige Pfarrkirche. Sie ist ein spätromanischer Bau aus dem Jahre 1206. Das mit einer Säulchengalerie geschmückte Chor ist jedoch etwas älter und stammt schon aus dem Jahre 1120. Wie der Besucher Andernachs von den altertümlichen Gebäuden der eng gebauten Stadt gefesselt wird, so kehrt er befriedigt auch von dem nördlich, am Eingang des Rheintales aufsteigenden Kranenberg, auf den seit einigen Jahren eine Zahnradbahn führt, zurück. Zu seinen Füßen lag das eigenartige Stadtbild von Andernach; weit schweifte der Blick über die fruchtbaren Gefilde des Neuwieder Beckens; in der Ferne winkte Coblenz, durch das Silberband des Rheinstroms mit der Nähe verbunden, und nordwärts konnte er diesen in seinem engen Tal, das sich am späten Nachmittage allmählich in eine dunkle Schlucht verwandelt, bis Remagen hin verfolgen.