Bonn ist oft verglichen worden mit der ihm geistig so nah verwandten Musenstadt am Neckar, mit dem nicht weniger gepriesenen Heidelberg. Die Lage der beiden Städte ist jedoch völlig verschieden. Heidelberg konnte sich gleichzeitig an einen Flußlauf betten und an eine hochragende Bergwand lehnen. Bonn sieht sich von den Berggehängen, die den Rheinstrom bis dorthin malerisch schmückten, verlassen, sieht sie aber in schön geschwungenen Linien und in nicht zu weiter Ferne auftauchen, sowohl seitwärts über der Poppelsdorfer Allee, die nach Südwesten zur Wallfahrtskirche auf dem Kreuzberge hinzeigt, als auch in südöstlicher Richtung über der breiten Wasserfläche des Rheins, der des Landes Krone, die Sieben Berge, auf seinem Spiegel trägt. So steht in dem Landschaftsbilde der beiden schönen Musenstädte die malerische Nähe, die nichts dem Auge verhüllt, der lockenden Ferne, die das Gemüt des Beschauers zu sich hinzieht, einander gegenüber. Dieser Gegensatz muß im Empfinden des Menschen zum Ausdruck kommen: die Nähe wirkt immer großartig, die Ferne aber entfaltet den Reichtum der Erscheinungen einer großen Welt, die täglich noch Neues zu zeigen vermag. Die Sieben Berge, der wie ein Eckpfeiler trotzig aufragende, sagenumwobene Drachenfels, die Burgruine, die ihn krönt, der Petersberg mit dem stattlichen Gasthause, der wie ein König alle Berge überragende Ölberg, dann jenseits des Flusses der zierliche Godesberg mit seiner schlanken Turmruine, die an die Bergeshöhen, an den Strom gelehnten Ortschaften, das wechselnde Bild der die Stromfläche belebenden Schiffe, die am Stromufer aus ihren Gärten auftauchenden Villen, die in schwungvollen Riesenbogen sich spannende Brücke mit ihrer Verkehrsbewegung, ferne Kirchtürme und andere Gebäude, so die immer bei klarem Wetter deutlich hervortretende Kuppe mit der Abtei Siegburg, sowie andere Erscheinungen in dem weiten Rahmen des Bildes: sie werden heute übersehen und morgen freudig neu entdeckt von den täglichen Besuchern des Alten Zoll. Auf diesem berühmten Aussichtspunkte am Bonner Rheinufer steht das Denkmal Vater Arndts ([Abb. 123]), und zwei französische Kanonen, die von Kaiser Wilhelm I. der Bonner Universität geschenkt wurden, schauen über die Brüstung des mächtigen Bollwerks hinweg. Was der Landschaft von Bonn gegenüber der von Heidelberg an großartiger Plastik fehlt, das ersetzt der zu den Füßen des Alten Zoll vorüberrauschende Rhein, sowohl durch das natürliche Bild eines im Vergleich zum Neckar riesenhaften Stromes, als auch durch die geistige Größe, die er in der Geschichte des deutschen Volkes erlangt hat. So übertrifft die Lage Bonns diejenige Heidelbergs. Nur das geistige Leben der beiden Städte hat viele gemeinsame Züge. Die beiden durch eine herrliche Lage im schönen Rebenlande und ein frisches rheinisches Leben ausgezeichneten Städte vermögen ihren Musensöhnen eine Geistesnahrung zu geben, die die andern deutschen Universitäten, nur noch Jena ausgenommen, nicht bieten können, einen Impuls fürs Leben mit den starken Schwingen, um Großes zu erreichen. Kam dies nicht oft genug in der Bonner Studentenschaft zum Ausdruck? Sagte es nicht die Flamme der Begeisterung, die so mächtig aufloderte, als 1870 die Kunde der Kriegserklärung erscholl und die Bonner Studenten zu einer großartigen patriotischen Kundgebung ungerufen zusammen sich fanden, und sagte es nicht vor wenigen Jahren auch der Aufruf, der von Bonn aus zur Errichtung von Feuersäulen, um das Andenken des heimgegangenen großen Kanzlers Bismarck zu ehren, in die deutschen Lande ging und in allen deutschen Städten so begeisterte Aufnahme fand, daß überall von den Bismarck-Säulen die Flammen der Begeisterung für den größten deutschen Staatsmann, die Frühlingsfeuer des jungen Deutschen Reiches auflodern werden! Von den großen Männern, die dem Lehrkörper der Universität seit ihrer Gründung im Jahre 1818 angehört haben und sich inmitten der Gedankenwelt der rheinischen Musenstadt so wohl fühlten, von einem Niebuhr, dem großen Geschichtsforscher, von einem Arndt, an dessen Denkmale auf dem Alten Zoll wir die flammenden Worte lesen: „Der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“, von einem Dahlmann, der gleich Arndt von Deutschlands großer Zukunft träumte, von einem Wilhelm von Schlegel, von dem rheinischen Poeten Karl Simrock, der in Bonn geboren war, von Heinrich von Sybel, der zwar nur wenige Jahre in der rheinischen Musenstadt wirkte, und von andern brauche ich nicht weiter zu reden, denn die Namen dieser Männer wurzeln fest in der Erinnerung des ganzen deutschen Volkes. Auf dem alten Friedhofe, wo auch ein Schumann, ferner die Gemahlin und der zweite Sohn des Dichterfürsten Schiller begraben liegen, können wir die treu in Ehren gehaltenen Grabstätten jener großen Männer besuchen. Dort schauen wir auch das schöne, von Küppers modellierte Kriegerdenkmal ([Abb. 124]), das uns an eine große Zeit erinnert, die jene Männer heiß ersehnten. Wenden wir uns dem alten Bonn zu, so grüßt uns auf dem Münsterplatze das Denkmal Beethovens ([Abb. 125]), der im Jahre 1770 in Bonn geboren wurde, und dessen Geburtshaus in der Bonngasse von jedem Verehrer des größten Meisters der Töne aufgesucht wird. Am Münsterplatze ragt die schöne, leider in ihrem stimmungsvollen Innern etwas bunt bemalte Münsterkirche ([Abb. 126] u. [127]) empor, deren älteste Teile am Chor aus dem zwölften Jahrhundert stammen. Dem Marktplatze ([Abb. 128]) von Bonn geben das Rathaus und die alten oder in altertümlichem Stile neu aufgeführten Giebelhäuser, die zum Teil mit Malereien geschmückt sind, sein eigenartiges Gepräge. Nach Norden gelangen wir von dort in den Stadtteil, der sich auf dem Boden des alten römischen Lagers entwickelt. Schöner ist allerdings der von baumgeschmückten Straßen durchzogene südliche Stadtteil, wo der Hofgarten, der zwischen der Universität, dem früheren kurfürstlichen Schlosse ([Abb. 129]), und dem Rhein sich ausbreitet, wo der Kaiserplatz, die Poppelsdorfer Allee, die zum Poppelsdorfer Schlosse und dem Botanischen Garten führt, die Koblenzerstraße, die Rheinallee, die Gronau mit dem neuen, am Rheinufer erbauten Stadthause und der Bismarcksäule ([Abb. 130]) und endlich auf dem Venusberge der Kaiserpark zu genußreichen Spaziergängen einladen.

Abb. 138. Ems, von der Bäderlei gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 139].)

Abb. 139. Schloß Altwied.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 142].)

Abb. 140. Godesberg und das Siebengebirge. (Zu [Seite 125].)

VII. Der Westerwald nebst dem Sieg- und Lahntale und das Siebengebirge.

Der Westerwald.

Mit dem Namen „Westerwald“ wird der Teil des Rheinischen Schiefergebirges bezeichnet, der im Südosten und Süden von der Lahn, im Westen vom Rhein und im Norden von der Sieg begrenzt ist. Der Name soll von Wister-Wald = weißer Wald herkommen und von den Bewohnern des tiefer gelegenen unteren Westerwald ursprünglich dem höchsten Teile des Gebirges, von dem der Schnee noch spät im Frühlinge weiß herabschimmert, beigelegt worden sein. Wenn diese Erklärung richtig ist, hat früher also nur ein Teil des Gebirges den jetzt für das ganze Gebiet geltenden Namen geführt, ähnlich wie es beim Hunsrück und der Eifel der Fall war.