Abb. 154. Kyllburg im Kylltal.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 164].)
Westlich von Montabaur liegt das sogenannte Kannenbäckerland, wo eine alte, jetzt wieder frisch blühende Tonindustrie betrieben wird. Um nach den bedeutendsten Orten dieses Bezirks, nach Ransbach, Grenzhausen und schließlich nach Höhr, dem wichtigsten, wo eine Keramikschule besteht, zu gelangen, besteigen wir in Siershahn die Zweigbahn, die in westlicher Richtung nach Engers führt. Der tertiäre Ton in dieser Südwestecke des Westerwaldgebietes führt den Namen Pfeifenton oder Pfeifenerde, weil er früher hauptsächlich zur Verfertigung von Tonpfeifen benutzt wurde. Er ist wie alle Tonarten aus der Verwitterung von feldspatreichen Gesteinsarten (Granit, Trachyt, Porphyr usw.) entstanden und durch Wasserfluten von seiner ursprünglichen Lagerstätte weggeschwemmt worden. Er besteht aus 53,50% Kieselsäure, 29,63% Tonerde, 1 bis 3% Eisenoxyd und 1 bis 2% Magnesia. Der Eisengehalt und der Gehalt an Pflanzen- oder Tierresten geben dem Ton eine bestimmte Färbung, die bald weißgrau, bald gelblich oder rötlich, bald bläulich ist. Der Ton des Westerwaldes ist durchweg sehr fein und gleichartig. Seine Gewinnung oder Werbung geschieht mittels des Reifenschachtbetriebes. Auf den Ton wird durch die ihn überlagernden Lehm- und Sandschichten ein etwa 2 m breiter Schacht getrieben, der mit starken Holzreifen ausgekleidet wird. Sobald man die zähe Tonmasse erreicht, hört die Auskleidung mit Holz auf. Man sticht den Ton mit großen, messerartigen Werkzeugen ab und fördert ihn in Kübeln noch oben. Allmählich werden die Gruben trichterförmig erweitert. Der zähe Ton hält zwar eine Zeitlang stand. Allmählich aber rücken die Wände des Trichters, dem ungeheuren Druck nachgebend, zusammen: der Ton „wächst“. Die Arbeiter kennen diese Erscheinung ganz genau und verlassen den Schacht erst, wenn sie durch die Öffnung kaum noch hindurchschlüpfen können. Die Töpferkunst des Westerwaldes ist schon sehr alt. Sie ist bis ins vierzehnte Jahrhundert zu verfolgen. Besonders im sechzehnten Jahrhundert stand das Gewerbe in hoher Blüte. Es lieferte vielfach auch kunstvollendete Arbeiten, die durch eingeritzte Ornamente geschmackvoll verziert waren und sich durch eine seltene Schönheit der Färbung auszeichneten. Die Hauptfarben waren blau und violett (Blauwerk). Beim Niedergang der Töpferkunst war das Geheimnis der Farbenmischung verloren gegangen, bis es vor wenigen Jahren durch einen glücklichen Zufall wieder gefunden wurde. Das neue Aufblühen verdankt die Westerwalder Tonindustrie hauptsächlich dem guten Ruf der mit großem Geschick wieder nachgeahmten altdeutschen Ware, die nach der herrschenden Mode mit Vorliebe auch zur Ausstattung von altdeutschen Zimmereinrichtungen verwandt wurde. Die Tonpfeifenfabrikanten von Höhr haben fast den ganzen Handel mit Tonpfeifen in Händen. Namentlich nach Holland und Amerika findet eine bedeutende Ausfuhr statt.
Abb. 155. Ober- und Niederburg von Manderscheid.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 164].)
Wiedtal. Siebengebirge.
Nachdem wir auf der vorher erwähnten Bahnlinie bei Engers den Rhein erreicht haben, lockt es uns noch einmal hinein in die Waldespracht des Westerwaldes. Wir folgen dem tief eingeschnittenen, von waldgeschmückten Abhängen umrahmten Tale des Wiedbaches, grüßen Monrepos, das fürstlich Wiedsche Lustschloß, und wandern, nach herrlichem Rückblick auf das Rheintal, weiter nach Altwied, das von den efeuumrankten Trümmern der Stammburg ([Abb. 139]) der Grafen von Wied überragt wird. Wieder wandern wir dann zurück an den Rhein und, seinem Laufe folgend, dem schönsten Wanderziele entgegen, das Rheinland uns zu bieten vermag: zu den Sieben Bergen, die schon auf der Rheinfahrt in herrlichem Bilde vor uns erschienen.
Abb. 156. Burg Eltz.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 164].)
Das Siebengebirge ([Abb. 1] und [141]) wird als die siebengestaltige Krone in Rheinlands Schönheit gepriesen. Es ist in der Tat ein kleines Wunderland, in der Sage, Geschichte und Dichtung fast jeden Punkt verherrlicht haben. Überall ist die Schönheit des Siebengebirges eine andere. Anders ist sie dort, wo der Drachenfels mit seiner zerklüfteten Felsgestalt aus den Wogen des Rheines emportaucht, anders dort, wo sich die Löwenburg oder der Ölberg hoch über die Bergeskrone, hoch über die Hochflächen des Westerwaldes erheben. Wenigstens den schönsten und besuchtesten Berg, den Drachenfels, wollen wir besteigen und dabei den Sagen lauschen, die aus dem Born der grauen Vorzeit fließen.