Drachenburg und Drachenfels.

In Königswinter (4000 Einw.) ([Abb. 141]) landet uns das Dampfschiff. Wir gesellen uns gern dem frohen Wandervölkchen zu, das auf dem steilen Pfad, zwar etwas mühselig, aber doch in freudigster Stimmung zum Gipfel des Drachenfels pilgert. Die Zurückkehrenden sind in noch besserer Laune. Sie haben oben die Schönheit der Landschaft und wohl auch die Kraft des Weines in vollem Maße gekostet. So singen sie frohe Rhein- und Weinlieder, und Efeu- oder Eichenkränze zieren ihre Hüte. Andere reiten auf einem muntern Pferdchen oder sitzen, etwas bequemer, auf dem Rücken eines Langohrs, der zu einem roten Sessel eingerichtet ist. Des Tierrückens ungewohnt, machen die meisten eine possierliche Gestalt, so daß man sich des Lachens kaum enthalten kann. Aber was tut’s? Zum Lachen und Scherzen zog ja jeder hinaus. Es gehört zum frohen rheinischen Leben, zum Wandern am Rhein, und es macht das Herz wieder so jung und so neu.

Abb. 157. Hof der Burg Eltz.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 164].)

Abb. 158. Doppelkirche von Schwarzrheindorf.
Nach einer Photographie von C. Schaf in Bonn. (Zu [Seite 165].)

Geschichte des Drachenfels.

Wir steigen immer höher, anfangs durch Weinberge, später durch Wald oder zwischen zerklüfteten Felswänden. Schon liegen die Häuser, der Kirchturm der Stadt Königswinter tief unter uns; die Schiffe auf dem Rhein werden immer zwerghafter, und der Bergzug auf der andern Rheinseite scheint tiefer sich zu senken. An jeder Lichtung machen wir halt, um den herrlichen Blick hinab ins Tal zu genießen. Dann schreiten wir rüstig weiter. Links pustet die Zahnradbahn, die zum Gipfel des Drachenfels führt, an uns vorüber und rast zur Tiefe. Rechts begleitet uns jetzt das Gitter, das die Anlagen der neuen Drachenburg umschließt. Durch die Eisenstäbe hindurch gucken wir nach den Damhirschen aus, die in dem lichten Gehölz gewöhnlich sichtbar sind, zuweilen sogar an das Gitter kommen und aus der Hand des Wanderers ihr Futter nehmen. Den schönen Blick auf die Burg selbst genießen wir etwas höher. Wie stolz hebt sich der prächtige, turmreiche und zinnengekrönte Bau ([Abb. 118] und [142]) aus der hellen Wiesenmatte und aus den dunkeln Baumgruppen heraus! Gegen fünf Millionen Mark haben Grundstück und Bau gekostet. Nun steht sie auf halber Höhe des Drachenfels als ein stolzes Baudenkmal der Neuzeit da. Der jetzige Besitzer hat das prächtige, mit schönen Kunstwerken und Gemälden ([Abb. 143]) ausgeschmückte Schloß der öffentlichen Besichtigung gegen ein mäßiges Eintrittsgeld freigegeben. Hoch über uns erscheint der viereckige, halbzerfallene Turm der alten Drachenburg ([Abb. 144]), der von dieser fast allein noch übrig geblieben ist, als das berühmteste Denkzeichen der Landschaft des Siebengebirges. Was wäre der Drachenfels ohne seine Ruine! Er hätte schier kein Recht mehr, so trutzig aus den Fluten des Rheines emporzusteigen und sich als Wächter dort hinzustellen, so kühn und so stolz. Nun stehen wir vor der schwindelnden Höhe. Aus der fast senkrecht aufsteigenden Trachytwand wächst das Gemäuer des riesigen Turmes heraus. Bergwand und Mauer erscheinen zu einem Ganzen verwachsen. Kein mutiger Kletterer vermag da emporzusteigen. Unangreifbar! Welcher Wert in einstiger Zeit! Es schuf diese Burg, deren ersten Bau der Kölner Erzbischof Arnold I. zwischen 1137 und 1151 ausführen ließ. Als „Trachenfels“, „Drakinfels“ und „Mons draconis“ wird sie in den Lehns-Urkunden bezeichnet. Sie ging später in den Besitz des Bonner Cassius-Stifts über. Der Kölner Erzbischof und Kurfürst behielt aber das Recht der Besatzung für den Kriegsfall. Die Verwaltung der Burg wurde einem Burggrafen übertragen. Der erste Burggraf, den eine Urkunde aus dem Jahre 1176 nennt, war Gottfried von Drachenfels. Die Geschichte weiß uns noch manches von der Drachenburg und den Burggrafen von Drachenfels zu erzählen, deren rotes Wappenschild ein silberner geflügelter und flammenspeiender Drache schmückte. Der Ritter Godard erwarb auch die Pfandschaft am Schloß Wolkenburg, das die benachbarte Bergkuppe krönte. Später wurden noch andere Schlösser und Herrschaften durch Kauf oder Heirat erworben. So wuchs das Ansehen der Burggrafen von Drachenfels. Godards Sohn, Klaus von Drachenfels, wagte dem Kölner Erzbischof offene Fehde anzusagen; im Kampfe besiegt, mußte er das Land verlassen. Als er sich mit dem Erzbischof wieder ausgesöhnt hatte, verweigerten ihm seine Vettern den Eintritt in die väterliche Burg. Am untern Burgweg kam es zum blutigen Kampfe, und an der Stelle, wo jetzt der zweite Kucksteiner Hof am Wege zum Drachenfels liegt, ward Klaus von seinem Vetter Heinrich erschlagen. Um den Mörder zu bestrafen, belagerte der Kurfürst Hermann die beiden Festen Drachenfels und Wolkenburg, die sich ihm 1493 ergeben mußten. Aber Heinrich war geflohen. Der Geächtete wurde später begnadigt und als Burgherr anerkannt. Dem ermordeten Klaus mußte er in Heisterbach nachträglich ein standesgemäßes Begräbnis mit Geläut, Messen, Vigilien und Commendacien bereiten lassen, sowie an der Mordstelle ein ehrlich steinernes Kreuz errichten. Er selbst starb 1530 und fand, wie seine Vorgänger, in Heisterbach seine letzte Ruhestätte. Sein Grabstein wurde aber später an der Kapelle zu Rhöndorf am südlichen Fuße des Drachenfels eingemauert. Im truchsessischen Kriege, 1583 bis 1588, wurde die Drachenburg hart belagert. Aber sie hielt wacker stand, und ihr Verteidiger, Hauptmann Funk, schlug alle Angriffe des Pfalzgrafen Johann Kasimir auf den Drachenfels und Königswinter zurück. Im Dreißigjährigen Kriege eroberten 1633 die Schweden die Burg. Aber noch im selben Jahre wurden sie von den Spaniern vertrieben. Hiermit hören die Kriegsstürme für die Drachenburg auf. Der Kurfürst Ferdinand ließ sie nicht mehr von neuem in Verteidigungszustand setzen, sondern gab sie im Jahre 1642 als Ruine den Freiherrn Walbott von Bassenheim, Nachkommen von Klau’s Schwester, zu Lehen. Jetzt ist der Drachenfels Eigentum des preußischen Staates.

Abb. 159. Köln. (Zu [Seite 166].)