Wir haben’s manche Nacht belauscht,

Von Geisterschauern hehr umrauscht.

Abb. 161. Rathaus in Köln. (Zu [Seite 166].)

Wenn eine Stelle im Rheinstrom uns sagt, um welch hohen Preis es sich bei diesen Kämpfen handelte, so ist es der Drachenfels. Zu unsern Füßen rauscht der herrliche Strom, von zahlreichen Schiffen, von stolzen Dampfern und schwer beladenen Schleppkähnen, die die Reichtümer des Landes bergen, belebt. An seinen freundlichen Ufern reiht sich Dorf an Dorf. Warmgebettet liegt Honnef, das rheinische Nizza ([Abb. 145]), vor uns. Dort im Strome schwimmen die beiden Inseln Nonnenwerth, auf dem ein altes Kloster liegt, und Grafenwerth, und von drüben winkt der Rolandsbogen. Auf der höchsten Spitze des Drachenfels, die wir in zwei Minuten erreichen, um unsern Fuß auf das Gemäuer der alten Drachenburg zu setzen, entfaltet sich der Blick noch herrlicher. Stromaufwärts sehen wir, wie der Rhein aus seinem engen Felsentale kommt, stromabwärts, wie er den freien Lauf durch die Ebene beginnt. An der zierlichen Burgruine Godesberg haftet der Blick, weiter trifft er das Häusermeer der Stadt Bonn, und dort in der nebeligen Ferne, zu der uns das schlangenartig gewundene Silberband des Stromes hinführt, tauchen bei klarem Wetter auch die beiden Türme des Kölner Domes auf. Ja herrlich ist dieses Land und wonnig, inmitten dieser Herrlichkeit zu leben!

Abb. 162. Der Kölner Dom, Westansicht.
Nach einer Photographie von Anselm Schmitz in Köln. (Zu [Seite 167].)

Drachenfelssagen.

Beim Anblick des alten Burggemäuers fängt unser Geist an nachzusinnen, und der Sage liebliche Laute klingen an unser Ohr. Sie erzählt uns von einem gewaltigen Recken, der aus den Niederlanden kam. Siegfried war sein Name. Er wollte ein Ritter werden. Um sich ein Schwert schmieden zu können, bat er den Waffenschmied Mimer, der in einer Waldschlucht des Siebengebirges wohnte, ihn als Gesellen anzunehmen. Und als man ihn verlachte, da er noch sehr jung war, ergriff er den Hammer und schwang ihn so gewaltig, daß der Amboß in den Grund sank und alles Eisen zersprang. Von der letzten Eisenstange jedoch machte er sich ein Schwert, gar lang und groß, und mit diesem erlegte er den Drachen, der in einer Höhle des Drachenfelsens hauste. Nach einer andern Erzählweise hat den Drachen, „welcher beid Menschen und Vieh ganz sehr schedtlich war, ertödtet ein stolzer Ritter bürtig aus Griechenland. Deshalben ihm seine menliche und kühne That wider vergolten ward und man gab ihm denselben Berg mit ein guten Theil daran gelegener Landtschafft und verheyrathete ihn an die Tochter des Veldöbersten der Quaden, die sich zu Oberwinter niedergeschlagen hatten“. In dieser Form wird die Sage anno 1609 von Matthis Quaden von Kinkelbach berichtet. Der Ritter, bürtig aus Griechenland, war Dietrich von Bern, der Gotenheld, der in der Wilkinasage und in Eckens Ausfahrt vorkommt. So mischen sich in der Drachensage der fränkische und der gotische Sagenkreis. Eine dritte Erzählweise derselben, von Kopisch aufgezeichnet, läßt dem Drachen durch eine christliche Jungfrau den Untergang bereiten. Sie sollte auf Geheiß des heidnischen Priesters, der wegen der gefangenen Jungfrau den Streit zwischen zwei Brüdern, Anführern eines heidnischen Stammes, befürchtete, dem Drachen geopfert werden. Schnaubend und Feuer und Schwefel aus dem furchtbaren Rachen blasend, naht sich das schreckliche Ungetüm dem angstgequälten Mädchen. In ihrer Herzensangst greift die Jungfrau zu einem Kreuze, das sie auf der Brust trug. Und siehe da! Der Drachen weicht entsetzt zurück und stürzt rücklings hinab in den tiefen Abgrund, wo er zerschmettert liegen bleibt. Indem die Sage weiter erzählt, daß die beiden Brüder mit ihren Stammesangehörigen Christen wurden, und daß die Jungfrau unten am Rhein ein Kloster gründete, gibt sie deutlich zu erkennen, daß ihre Entstehung mit der Bekehrung der Germanen zum Christentum in Zusammenhang zu bringen ist. Symbolisch ist auch eine vierte Form der Sage, die Simrock mitteilt. Der Drache, der am Drachenfels hauste, pflegte die Schiffer auf dem Strom anzufallen. Einst fuhr ein pulverbeladenes Schiff vorbei. Das dem Rachen des Ungeheuers entströmende Feuer entzündete das Pulver — und Drache und Schiff flogen in die Luft. Die Erfindung des Pulvers war es, die auch dem Raubrittertum ein Ende machte, denn sie gab das Mittel, um die Felsennester der Schnapphähne, die wie der Drache auf Raub lauerten, zu zerstören. Wie aber kam es, daß das Bild des Drachen gerade in der Gegend des Drachenfels in der Phantasie des Volkes so lebendig wurde? Es gibt noch eine zweite Gegend in Deutschland, wo die Drachensage Boden gefaßt hat, nämlich die Wormser Gegend. Vielleicht hat der Gedanke einige Berechtigung, daß die Auffindung von Knochenresten ausgestorbener Riesentiere, vor allem ungeheurer Schädelformen, in diesen Gegenden der Phantasie die erste Anregung zur Gestaltung des Drachentieres gegeben hat. Noch heute wird an der Südseite des Drachenfels das Loch gezeigt, in dem das Ungeheuer einst gehaust hat. Wer mit dem Schiff vorbeifährt, vermag den dunklen Punkt des Drachenloches in der hellgefärbten Felswand deutlich zu erkennen. Und wer es nicht sieht, dem wird noch vieles in der Poesie des Rheinlands verborgen bleiben.