Abb. 10. Goethe-Denkmal in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 22].)

Entstehung der Gebirge.

Schon die bandartige Ablagerung der karbonischen Schichten an den Rändern des Rheinischen Schiefergebirges sagt uns, daß dieses zu jener Zeit anfing, sich aus den Fluten des Meeres herauszuheben, zusammen mit dem gewaltigen Hochgebirge, den Variskischen Alpen, von denen wir eingangs sprachen. Dies führt uns zu der Frage, wie wir uns die Entstehung der riesigen Gebirge, die in früherer Zeit hervorragten und wieder verschwunden sind oder, jüngeren Ursprungs, noch heute die Oberfläche der Erde schmücken, zu denken haben. Manche Theorien sind hierüber aufgestellt worden. Die Katastrophentheorie, der auch noch Humboldt huldigte, ist längst abgelöst worden von der Kontraktionstheorie, die von Lyell begründet und von Heim und Sueß weiter ausgebildet wurde und den großartigsten Vorgang der Gebirgsbildung, die Entstehung der riesigen Ketten- oder Faltengebirge, als Wirkung eines langsameren, aber allmählich immer stärker werdenden Seitenschubs erklärt. Die fortschreitende Abkühlung der Erde ist die letzte Ursache dieses Vorgangs, bei dem die oberen Erdschichten immer stärker in Falten gelegt und zu Falten aufgebogen werden. Im Rheinischen Schiefergebirge sind die einstigen Falten zum Teil nachgewiesen worden. Sie bildeten zahlreiche Gebirgszüge, die, wie am Oberflächenbilde stellenweise noch heute sichtbar ist, von Südwesten nach Nordosten strichen. Namentlich drei große Faltenbewegungen wurden wirksam. Zuerst wurde das Hohe Venn aufgebogen, dann folgte die Auffaltung des Taunus und Hunsrück und daran schloß sich unmittelbar die Aufwölbung der Eifelfalte. Jede dieser Hauptfalten war von zahlreichen Nebenfalten begleitet. Der Druck kam vorwiegend von Südwesten; doch sind auch Wirkungen einer quer hierzu gerichteten Druckbewegung, besonders in der Eifel, zu erkennen. Die karbonischen Schichten bei Aachen sind noch mitgefaltet worden, ein Beweis, daß bei ihrer Ablagerung die Faltenbewegung noch nicht begonnen hatte, die des Saargebiets dagegen nicht mehr. Die Forschungen haben ergeben, daß sich an der Stelle, wo das Saarkohlengebirge abgelagert wurde, eine wohl 5000 m tiefe Senke zwischen dem Hunsrück im Nordosten und einer anderen Hochgebirgskette im Südwesten befand. Die Gewässer, die von den beiden Gebirgen mit wildem Sturze herniederflossen, führten große Massen Quarz und Schiefergeröll mit sich fort und füllten allmählich die Senke aus. Ein großer Teil des Steinkohlengebirges, das so entstand, wurde in der dann folgenden Permzeit von den Ablagerungen des Rotliegenden überdeckt. Der ganze Ost- und Südrand des Rheinischen Schiefergebirges war in dieser Zeit wieder unter den Meeresspiegel geraten, bis zur Mosel hin, wo noch kleine Reste des Rotliegenden, die der Reisende auf der Fahrt von Trier nach Coblenz auf der ersten Strecke schaut, erhalten sind.

Die späteren Erd-Epochen.

In der nächsten Erd-Epoche, der Triaszeit, dauerte das Tiefersinken des Gebietes fort. Immer weiter dehnte sich in dem früheren Gebirgslande wieder die Herrschaft des Meeres aus, und mit neuen Ablagerungen bedeckte dieses den alten Gebirgsrumpf. Auch das Jurameer flutete wahrscheinlich noch über weiten Gebieten. In der nachfolgenden Kreidezeit dagegen war der größte Teil des Rheinischen Schiefergebirges wieder trockengelegt. In der Tertiärzeit gab es noch eine seichte Meeresbucht, das sogenannte Mainzer Becken, mit einem reichen Tierleben. Dann folgten zahlreiche Süßwasserbildungen, Geröll-, Sand-, Ton- und Braunkohlenablagerungen, auf seiner Oberfläche, besonders auf den eingesunkenen Schollen des Neuwieder und Limburger Beckens, sowie des Mainzer Beckens im Süden und der Kölner Bucht im Norden, begannen ferner die zahlreichen vulkanischen Ausbrüche, die bis in das Diluvium fortdauerten und die Vulkanberge der Eifel, die Basaltkuppen des Westerwaldes und vor allem die schöne Berggruppe des Siebengebirges schufen.

Wir verfolgten die Landbildungen, die auf dem Raume des Rheinischen Schiefergebirges in den verschiedenen Erd-Epochen vor sich gingen, und es bleibt uns noch die andere Aufgabe, auch die Vorgänge zu verfolgen, durch die das mächtige Hochgebirge und auch manche der später auf seinem Sockel wieder abgelagerten Erdschichten wieder zerstört und abgetragen wurden. Hierbei wird sich vor unseren Augen zum Schlusse das jetzige Oberflächenbild des Rheinischen Schiefergebirges gestalten.

Wie alle Gebirge, besonders die hoch gehobenen Faltengebirge, die mit starkem Gefälle fließende Gewässer hinabsenden, so unterlagen auch die alten Faltenzüge des jetzigen Rheinischen Schiefergebirges gleich nach ihrer Aufrichtung einer starken Zerstörung und Abtragung. Wieviel letztere bisher betragen hat, darüber sind erst wenige Berechnungen gemacht worden. Cornet und Briort veranschlagen in ihren Arbeiten über das belgische Karbon das Maß der Abtragung bei Namur auf 5000–6000 m. Dies gibt uns eine annähernde Vorstellung, mit welchen Kräften und Leistungen wir bei der Zerstörung der Gebirge zu rechnen haben. Auch der Vergleich mit den viel jüngeren Alpen dürfte geeignet sein, eine anschauliche Vorstellung hierüber zu geben. Von ihrer stolzen Höhe büßten sie nach den Berechnungen von Professor Heim in Zürich in einem verhältnismäßig noch kleinen Zeitabschnitte ein Drittel ein, und für das heute noch 4280 m hohe Finsteraarhorn, den höchsten Berg der Berner Alpen, betrug die Höhenabnahme mindestens 1000 m an Sedimentgestein und eine nicht bestimmbare Höhe an kristallinischem Schiefer.

Abb. 11. Die Börse in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 23].)

Die schnelle Zerstörung, welche das alpenartige Gebirge jedenfalls in der ersten Zeit nach seiner Auffaltung erfahren hatte, verlangsamte sich, als schon in der Permzeit das ganze Gebiet sich zu senken begann. Aber eine andere Zerstörungsweise setzte mit diesem Zeitpunkte ein. Das Meer umbrandete das Gebirge und überflutete es teilweise, wie die Ablagerungen des Rotliegenden, des Buntsandsteins und noch jüngerer Erdschichten beweisen. Das gewaltige Zerstörungswerk der Meeresbrandung können wir an heutigen Küsten beobachten. Sie hobelt gleichsam das Land allmählich gleichmäßig ab, so daß, wenn sich später das Meer wieder zurückzieht, eine fast ebene Fläche zum Vorschein kommt. Besonders dürfte das Buntsandsteinmeer die Abnagung und Einebnung weiter Gebiete des Rheinischen Schiefergebirges bewirkt haben.