Köln. Der Dom.

Weiter westwärts wandernd, gelangen wir zur Hochstraße, der Hauptgeschäftsstraße Kölns. Sie ist verhältnismäßig schmal, und um so mehr tritt der lebhafte Verkehr, der sich zu jeder Tageszeit durch sie bewegt und in den Mittags- und Abendstunden fast zu stocken droht, in die Erscheinung. Mancher Fremde hat ein solches Verkehrsbild nie gesehen und ist von ihm überrascht. Wir schließen uns der flutenden Menge an und ziehen an den glänzenden Geschäftsläden vorüber, bis wir auf dem Wallrafsplatz plötzlich gebannt stehen bleiben. Wir stehen fast unmittelbar vor den gewaltigen Domtürmen ([Abb. 162]), die riesenhaft sich recken, zugleich durch ihre reiche und kunstvolle Gliederung überraschend. Nun stehen wir vor dem prächtigen West-, dem Hauptportal: Links und rechts je ein Riesenturm, 156 m hoch. Es fehlen uns völlig die Maßvergleiche, um solche Höhe richtig zu schätzen. Dort der 40 m hohe Uhrturm des Bahnhofes, welch ein Zwerg! Daneben die gewaltige, zu 24 m Höhe sich wölbende Bahnhofshalle, wie tief zur Erde gedrückt! Wir steigen die Stufen hinan, und nun stehen wir im Inneren des Domes ([Abb. 163]). Wie gewaltig sind die Säulen, und doch wie schlank erscheinen sie, mißt das Auge sie mit der Riesenhöhe! In einen Wald von Säulen, einem herrlichen Buchenwalde vergleichbar, schauen wir hinein. Nicht jeder Besucher des Gotteshauses mag das Gefühl, das zum Himmel reißt, in diesem gotischen Stil empfinden. Aber jener Schweizer, der beim Anblick des Kölner Domes das Bild seiner Heimatberge wiedererstehen sah, hat es tief empfunden. „Der Dom ist,“ so schrieb er in seinen Reisebildern[C], „das Märchen vom versteinerten Wald, so wunderbar, daß man davor wie ein Stein stillstehen und ganz tiefsinnig werden könnte ... Wie ein Gebirge erschien mir der Dom, wie ein Gebirge aus Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst. Eine Zacke trägt und stützt die andere, jede will höher als die andere ... alles strebt weltflüchtig empor in die Sonne.“

Abb. 177. Die Schwebebahn in Barmen-Elberfeld.
Nach einer Aufnahme von Gebr. Kremer in Barmen. (Zu [Seite 178].)

Der Kölner Dom.

Der Grundstein zu diesem herrlichen Bauwerke, zu dem die Nationen der Erde hinpilgern, um es staunend zu bewundern, wurde am 14. August 1248 durch den Erzbischof Konrad von Hochstaden gelegt. Erst 632 Jahre später, im Jahre 1880, konnte das Fest seiner Vollendung gefeiert werden. So sind Jahrhunderte an dem unvollendeten Bau, der wie ein Trümmerbild einer vergangenen Glanzzeit Kölns und des deutschen Volkes dastand, ohnmächtig vorübergegangen. Sie hätten nie gewagt, ein solches Bauwerk zu beginnen, und waren darum auch außerstande, es zu vollenden. Als der wirtschaftliche Niedergang der einst so blühenden Hansastadt an seinem Tiefpunkte angelangt, als Deutschlands politische Ohnmacht am größten und der Rhein abgerissen war vom deutschen Lande, da war auch die Herrlichkeit des Kölner Domes am tiefsten gesunken, damals konnte, in der Zeit der Fremdherrschaft, ein französischer Bischof sogar Napoleon den Vorschlag machen, die Steinmasse, die nur noch als Heumagazin diente, doch abtragen zu lassen. Dem deutschen Volke ist diese Schmach erspart geblieben. Als Köln mit dem übrigen Teil der Rheinprovinz unter preußische Herrschaft kam, da brach mit der Zugehörigkeit zu einem großen, gut geleiteten Staatswesen, mit der Entwicklung des Rheinstroms zu einer großen, einheitlichen Verkehrsstraße auch wieder, erst langsam, dann schneller, eine neue Zeit der Blüte an. Mit dem neu erwachenden deutschen Volksgefühl regte sich auch das Gewissen, die großen Aufgaben, die die Väter hinterlassen hatten, wieder aufzunehmen. Mahnend ragte der Domkran, der zum Wahrzeichen der Stadt geworden war, auf, und in den Herzen kunstbegeisterter Männer begann es sich zu regen. Besonders Sulpiz Boisserée weckte den schlafenden Volksgeist, und er hatte das Glück, den König Friedrich Wilhelm III. und mehr noch den damaligen, für die Kunst begeisterten Kronprinzen für seine Pläne zu gewinnen. 1824 begann man mit Restaurationsarbeiten in bescheidenem Umfange. Der Baumeister Zwirner war es, der zuerst mit dem kühnen Gedanken eines völligen Ausbaues in die Öffentlichkeit trat. Seine Begeisterung hallte in den Herzen aller Kölner, aller Rheinländer, aller Deutschen mächtig wider. Ein glücklicher Zufall hatte über dem Kölner Dom gewaltet. 1814 war in Darmstadt der eine, 1816 in Paris der andere Teil des Originalaufrisses der Westfassade mit den Türmen aufgefunden worden, desgleichen im selben Jahre in Paris der Originalgrundriß des südwestlichen Domturmes nebst der östlichen Ansicht. Die Möglichkeit, den stolzen Bau so auszuführen, wie er vom ersten Baumeister, man glaubt vom Meister Gerard von Rile, ersonnen war, stärkte den Mut. Am 4. September 1842 wurde im Beisein des Königs Friedrich Wilhelm IV. feierlichst der Grundstein zum Weiterbau gelegt, für den im ganzen bis 1880 achtzehnundeinhalb Millionen Mark verausgabt wurden. In diesem Jahre konnte endlich am 15. Oktober, in Anwesenheit des Kaisers Wilhelm I. und fast sämtlicher deutscher Fürsten, das Fest der Vollendung gefeiert werden. Es waren zwei Festtage, der Tag der Einweihung und der folgende Tag des Festzuges, weihevoller Stimmung, die wie ein Jugendtraum unauslöschlich im Erinnern ruhen.

Abb. 178. Elberfeld.
Nach einer Photographie von W. Fülle in Barmen. (Zu [Seite 179].)

Abb. 179. Die Ruhmeshalle in Barmen.
Nach einer Photographie von W. Disselhoff in Elberfeld. (Zu [Seite 180].)