Und es begann ein Brausen im Walde, daß es stockfinster wurde ringsumher. Aber es kamen Marienkäferchen zu tausenden, die hatten auf den Flügeln statt schwarzer sieben goldfeurige Pünktchen; Johanniswürmchen flogen von Blatt zu Blatt, die zündeten, wo sie sich setzten, helle Lichtlein an; in den roten Tulpen flammte es auf, daß sie wie Leuchtkugeln dastanden, und die Goldsterne strahlten wie Feuerblumen. Es wäre wohl Elis recht unheimlich vorgekommen, wenn nicht die Glocken und Glöckchen immer noch so fröhlich dazwischen geläutet hätten. Unterdessen hatte sich der ganze Zug der Nixen im Felsenspalt verborgen, und als auch Idisa unter freundlichem Zuwinken eingetreten war, schloß sich die Schlucht. Moose umspannen den Felsen, und Farren wucherten empor, als sollte sich dieselbe nie mehr öffnen. Dann kam das helle Sonnengold über den Himmel gezogen, das alle Lichtlein verdunkelte; eines der Leuchtkäferchen aber kam herangeflogen und setzte sich Elis auf die Stirn gerade über das Auge. Der meinte schon den Funken zu spüren, fuhr schnell mit der Hand dahin und – erwachte.

Da war keine Spur der geschauten Herrlichkeit, kein Garten, keine Blumen. Das Leuchtkäferchen war auch nicht da, das Elis gebrannt hatte, aber ein Sonnenstrahl, der durchs Gezweige zitterte, hatte ihn ins Auge gestochen und aus dem Traume erweckt, daß er nach Hause ginge zu seinen Eltern und Geschwistern, die ihn schon lange erwarteten. Die Freude über das, was er gesehen und gehört hatte, trieb ihn an, schneller vorwärts zu gehen. Als er heimkam und die ganze Familie beisammen fand, konnte er nicht schnell genug erzählen, was ihm widerfahren war. Anfangs erschraken alle ob der merkwürdigen Geschichte, dann aber kam große Freude über sie. Das war sicher, hier war ein Wunder Gottes geschehen; Idisa war niemand anders, als der gute Schutzengel der Bleßbergquelle, den die heilige Jungfrau zur Rettung der armen, aber frommen Goldwäscherfamilie gesandt hatte. Es wurde entschieden, daß der Vater die Heilkraft der Quelle sobald als möglich erproben sollte, und alle waren schon im voraus voll der seligsten Erwartungen. Der Vater segnete Elis, seinen Retter; die Mutter und die Geschwister umarmten ihn mit Freudentränen in den Augen. Schon am nächsten Tage beriet man, wie der Vater am besten zur Idisaquelle gelangen könne. Auch die Nachbarn erfuhren, was der liebe Gott dem Elis durch einen Engel verraten hatte und waren ebenfalls darauf bedacht, den armen Kranken auf bequeme Weise nach der Quelle zu bringen. Zunächst mußte man warten bis zum nächsten Sonntag; da wollten dann einige starke Männer behülflich sein. So lange konnten aber die Knaben des Dorfes nicht warten. Schon am Montag zogen Elis und seine kleinen Freunde mit Hacken, Spaten und Schaufeln zum Idisa-Wasser. Da wurde ein Schutz gebaut, wie sie es bei dem Waldbächlein im Frühjahr so oft zum Zeitvertreib getan, und dann der Lauf des Wassers seitwärts gelenkt ins Niederholz. Vor dem Schutz wurde nun mit Hacken, Spaten und Schaufeln ein großes Loch ausgehoben, dann der Lauf des Bächleins zurückgelenkt ins alte Bett. In der Vertiefung sammelte sich soviel Wasser, daß ein Mann bequem darinnen baden konnte. Mitgebrachte Steinkrüge füllten die Knaben an der Quelle und waren erstaunt, daß der Felsenbrunnen gar nicht so kalt war wie anderes Gebirgswasser. Auf dem Heimwege sprachen sie ganz selbstverständlich noch einmal beim »schwarzen Martin« vor, ihrem alten Freunde, der um eine gruselige Geschichte niemals verlegen war. Die neue Sage »vom Mönch auf dem Moritzturm in Coburg« hatte er ganz besonders ins Herz geschlossen und ihnen wohl schon ein dutzendmal erzählt. Heute saß Martin neben seinen qualmenden Meilern und hatte bei sich zwei Baumäste liegen, die sich oben zu einer Gabel teilten. Er war eben daran, die Rinde abzuschälen und die Äste zu glätten, als die Kinder neugierig hinzutraten. Sie erfuhren, daß er die Äste für Elis Vater zurecht geschnitten habe; auf sie solle er sich zeitweise stützen, wenn er wieder auf den Beinen sei, um zur Wunderquelle zu gehen. Martin hatte solche Stützen bei einem alten Invaliden in Eisfeld gesehen, und die Leute nannten sie da Krücken oder Stelzen. Zu Hause brachte Elis mit der Nachricht von Martins liebevoller Fürsorge und trefflicher Kunstfertigkeit neue Freude ins Haus. Der Trank, den die Knaben mitgebracht hatten, ließ schon eine gelinde Besserung eintreten und unter dem Geleit und der Beihülfe freundlicher Nachbarn ging es am nächsten Sonntage zum heilversprechenden Quellenbade, wobei die von Meister Martin gefertigten Stelzen sehr gute Dienste taten. Allgemein wurde seine Kunstfertigkeit anerkannt und gelobt. Als sie in einem fernen Kirchdorfe den Mittag einläuteten, kam man an der Felsenquelle an. Es war nichts zu sehen als die kleine Waldblöße, deren moosüberzogene Decke von den starken Wurzelästen der ringsum stehenden Buchen da und dort in die Höhe gehoben war, das Wasserloch, das Elis und seine Kameraden ganz geschickt gegraben hatten und aus dem Walde lugende Waldmeister und junggrüne Farren. Halbtausendjährige Linden spreiteten am Eingang das Geäst zu einem Portal, durch das man zur waldumfriedigten Quellenbucht wie zu einem Heiligtum eintrat. Wie oft mögen die heidnischen Ahnen aus den nahen Siedelungen hierhergekommen sein, aus dem Wehen und Rauschen des Waldes fromm erschauernd den Willen der Gottheit erforscht und vor dem Felsgestein des Quells die geheimnisvolle Zauberkraft menschenfreundlicher Geister zu Hülfe gerufen haben. Seit hundert und aber hundert Jahren sprang der Quell, dessen Heilkraft heute erprobt werden sollte. Und er tat Wunder! Wie wohltuend berieselte es die schmerzenden Glieder, wie erquickte es den siechen Leib, wie wirkte es belebend auf den ganzen Menschen! An Leib und Seele frisch gekräftigt fühlte sich Elis Vater und ward wohlgemut – und hoffnungsfroh. Daß die holde Erscheinung Elis nicht getäuscht hatte, war sicher und gewiß. Die Mutter dankte allen aufs herzlichste, als sie nach Hause kamen, für alle Liebe und Güte. Die Nachbarn versprachen, am nächsten Sonntag den Weg nochmals mitzumachen, dann ging jeder seinem Hause zu und bald war es still im ganzen Dörfchen. Während der Woche trank der Vater das Wasser, das sie nicht vergessen hatten mit nach Hause zu nehmen, und am Sonntag machte er sich mit seinen lieben Freunden wieder auf den Weg zum Bleßberg. Es merkte jeder, daß es viel schneller ging, als vor acht Tagen, und der Vater konnte es gar nicht aussagen, wie wohl ihm damals das Bad getan und wie ihn der Trunk der Idisa erfrischt und gestärkt habe. Er wiederholte nun den Gang öfters, auch in der Woche, nur von Elis und einigen seiner Kameraden begleitet. Den Umweg über den Bleßberg vermieden sie natürlich; denn auf leicht gangbarem Waldweg, der nach Schalkau führte, kam man von Schwarzenbrunn aus in kurzer Zeit zur gottgesegneten Quelle. Wie gute Dienste taten da die Stelzen. Doch bald waren sie ganz entbehrlich. Wo links der Quelle eine Buche ihre schlanken Äste zu einem leicht durchbrochenen Gitterwerk ausstreckte, hängte sie Elis Vater ins Gezweige zur Erinnerung an seine Genesung, dann fiel er nieder auf die Kniee zum heißen Dankgebete gegen den lieben Gott, der das Gnadenwasser geschaffen, und gegen die heilige Maria, die Mutter Gottes, die seinem lieben Elis die Wunderkraft der Idisaquelle vertraut habe. Schon nach kurzer Zeit war es in der ganzen Gegend bekannt, daß dort am Südabhang des Bleßberges eine Quelle sprudele, die Heilung schaffe allen Lahmen und Gichtbrüchigen, und viele kamen von fern und nah, da zu baden und zu genesen. Als gar im nächsten Jahre die Wallfahrer, die alljährlich einige Tage vor Peter-Paul (welches der 29. Juni ist) zur Steinheider Kapelle kamen, sich geweihte Pässe für ihre fromme Pilgerfahrt zu holen, von dem Gesundbrunnen hörten, verbreitete sich der Ruhm der Idisaquelle von Land zu Land.

In der Gegend von Würzburg lebte ein steinreicher Mann, der lag krank seit manchem Jahre. Weil er aber rechtschaffen und gottesfürchtig, barmherzig und gütig war, verriet ihm die heilige Jungfrau, die er nach dem Glauben seiner Väter verehrte, im Traume die Stätte der von Gott geschaffenen Heilquelle und forderte ihn auf, dahin zu pilgern. Nach mehreren Tagen gelangte er nach einer schmerzensreichen Reise an den Bleßberg, wo schon einige Hütten zur Beherbergung fremder Gäste entstanden waren. Er badete einen über den anderen Tag im Heilbade, trank vom Gnadenbrunnen der Idisa und genas und dankte Gott. In Eisfeld wohnten geschickte Bau- und Handwerksleute, von denen ließ er etliche kommen, das Bad bequem herrichten, erweitern und verschönern. Auch bauten sie ihm einige Schritte abwärts nach seinem Plan ein gar stattliches Haus und legten einen schönen Garten bei demselben an; denn er gedachte des öfteren hierher zurückzukehren und in den Sommermonaten einige Wochen hier zu verleben. Nicht weit von der Quelle, wo aus Brettern und Balken gezimmert das Bethäuslein stand, ließ er eine kleine Kapelle errichten, die er seiner Retterin weihte, und die ihr zu Lob und Ehr von nun ab den Namen trug »Mariahilf«. Ihr Name wird jetzt noch mit Dank und Ehren genannt. Der kleinen armen Gemeinde schenkte er eine große Summe Geldes, die sie zum Ausschmücken des Kirchleins, zur Erhaltung des Bades und zum Erbauen von Wohnhäusern verwenden sollte. Die arme Goldwäscherfamilie brauchte nicht mehr zu sorgen und zu seufzen. Der Edle aus dem Frankenlande hatte von dem braven Elis und seinen Eltern gehört und schenkte ihnen so viel, daß sie Hunger und Kummer vergessen konnten. Über sein Besitztum setzte er einen Hausvogt ein, der sollte schalten und walten nach Belieben, jedoch nur mit Liebe und Güte. Dann erst kehrte der Fremde zurück in seine Heimat. Das Dörflein am Heilbrunnen wuchs und wurde zu einem berühmten Orte; Tausende von Gläubigen beteten alljährlich in »Mariahilf« zur heiligen Jungfrau. Im Juni namentlich wimmelte es von Wallfahrern in der ganzen Gegend. In allen Dörfern waren Bethäuser und Kapellen gebaut zu Gottes Lob und Ehre. An den Wegen nach Steinheid, nach Schalkau und Eisfeld waren heilige Bilder errichtet, vor denen dankbare Menschen knieten und beteten. Viele Grafen und Edle des Landes kamen und Tausende aus dem gemeinen Volke. Wer geheilt vom Platze ging, hing nach heißem Dankgebet seine Stelzen, mit denen er auf oft beschwerlichen Wegen zum Gnadenborn gepilgert war, an den Wänden des Kirchleins auf, daß man der großen Zahl der Wunder und Werke Gottes gedenke, und so kam es, daß das Dorf an der Idisaquelle den Namen »Stelzen« erhielt und so heißt bis zum heutigen Tage.

Stelzen mit Bleßberg.

Wohl zwei Jahrhunderte lang hatte Frau Idisa ihr Heilwasser für Jung und Alt, für Reich und Arm zur Genesung gespendet. Von Elis und seinem Vater wußten nur die allerältesten Leute zu erzählen. Das Goldbergwerk in Steinheid war fast eingegangen, nur noch einige Familien wohnten in dem Städtchen. Die Hussiten waren hereingebrochen, hatten Steinheid verwüstet und die Bergwerke zum größten Teil zerstört. Da kam nach dem Dorfe Stelzen ein fremder Mann, der zog in das Haus vor der Quelle, das nach dem Tode des Wohltäters der kleinen Gemeinde von Hand zu Hand gegangen war und nun jahrzehntelang schon verlassen da stand. Von entfernten Verwandten, die es niemals gesehen hatten, war es ihm als Erbe zugefallen. Bald kamen viele Arbeiter mit Handgerät, die fingen an, das Haus und den Garten nach den Wünschen des neuen Herrn herzurichten und um den Garten herum eine hohe Mauer zu erbauen, daß niemand es sehen sollte, wenn der Herr des Gartens dort zwischen Blumen und blühenden Bäumen spazieren ging. Es war alles gar herrlich und lieblich zugerichtet, doch der fremde Besitzer flößte allen Schrecken ein, die ihn sahen. Finster und bleich war sein Gesicht, tief gefurcht die niedere Stirn; die unsteten Augen senkte er meist zu Boden, als getraue er sich, niemanden anzuschauen. Wenn ihm einer ein »Grüß Gott!« oder »Gelobt sei Jesus Christus« bot, dann stellte er sich, als hörte er es nicht und dankte nie. Die einen lasen in dem Gesicht schweren Kummer und Schuldbewußtsein, andere Lebensüberdruß und Verzweiflung, wieder andere kalten Stolz und hartherziges, geiziges Wesen. Haus und Garten des Fremdlings waren fertig gestellt, aber noch behauten die Steinmetzen Stein auf Stein. Dazu hatten Arbeiter aus dem Hüttengrund, wo unlängst das erste Eisenhammerwerk erbaut worden war, eine schwere, eisenbeschlagene Tür herübergeschafft, die lehnte zwischen den Steinen. Da, eines Tages, als die Leute aus den Häusern traten, sahen sie, wie die Steinmetzen die behauenen Steine zum Bade schafften und anfingen, eine Mauer aufzurichten, da solches bei einem Bade gar schicklich und wohlanständig sei. Das sahen wohl alle ein, aber gar wenige freuten sich der fremden Fürsorge und trauten ihr wenig Gutes zu. Indeß der Bau wurde fertig gestellt, und durch ein kleines, stets offenes Pförtlein konnte man zum Bade gelangen. Die Kranken gingen ungehindert hinein und heraus, und fast schämte man sich der übertriebenen Ängstlichkeit und des Mißtrauens, das man gezeigt hatte; viele dankten dem Fremden im stillen für seine Fürsorge. Es mochte Mitte Juni sein. In den meisten Häusern von Stelzen wurde geräumt und gewirtschaftet; man erwartete Gäste. Die Wallfahrer kamen in den nächsten Tagen, und man sah sie gern, weil sie stets einen Tag für die Idisaquelle übrig hatten, dort zu danken und zu beten. Oft brachten sie kranke Angehörige mit, die im Bade Heilung suchten und fanden.

Der reiche Griesgram wußte vom Besuch der Wallfahrer und hatte darauf seinen Plan aufgebaut, um rechten Gewinn davon zu haben. Am nächsten Sonntagmorgen, als die in Stelzen weilenden Kranken zu gewohnter Stunde zum Bade kamen, fanden sie dasselbe mit jener großen Tür verschlossen, die der Fremde hatte kommen lassen. Dabei aber stand der finstere Mann selbst und heischte ein Geldstück für den Besuch des Bades. Da halfen alle Vorstellungen der Kranken nichts. »Das Bad ist mir zu Erb und Eigen worden«, sprach der Hartherzige, »und nur, wer seinen Schoß entrichtet, darf durch die Pforte«. Ein lahmer, schwacher Greis, dessen ehrwürdiges Haar schon längst gesilbert war, kam auch auf zwei Krücken herangehumpelt. Als er das Tor gewahrte, bat er flehentlich um Einlaß.

»Lieber Mann«, sprach er, »viele Tage habe ich mich abgemüht, hierher zu kommen, laßt mich ein, ich will Euch zahlen, was ihr begehrt, zweifach und dreifach, wenn ich wieder gesund bin.«

»Erst das Geld«, so fuhr ihn der Harte an, »dann öffnet sich das Tor.«

Der Alte ging nicht von der Stelle, und unter Tränen bat er um Einlaß zu der Gottesquelle.