Vergeblich!
»Bedenkt, daß heute Sonntag ist«, sagte der Greis, »der ein Vater ist der Armen und Reichen, der jedes Unrecht bestraft und jede gute Tat belohnt, – er wird Euch eure Wohltat vergelten hundertfältig und wird Euch segnen, wenn Ihr mich einlaßt.«
»Was kümmert mich das?« sprach der Geizhals höhnisch, »Idisa ist meine Herrin; sie will ich lieb haben, sie soll mich reich machen. An deines Gottes Segen ist mir gar nichts gelegen.« –
Da ward des Alten bleiches Gesicht rot vor Zorn; die matten Augen leuchteten wie Feuer, und seine Stimme klang furchtbar, als er rief:
»So soll Gottes Fluch dich treffen, wenn du seinen Segen verspottest.«
Schluchzend hinkte er von dannen. Im Kirchlein zu Stelzen fand man ihn am Abend. Gott hatte sein letztes Gebet erhört und ihn erlöst von seinen Leiden.
Alle Leute rührte das Schicksal des Armen; der hartherzige Reiche aber spürte nicht das geringste Mitleid. Geiz und Habsucht erfüllten seine Seele wie böse Geister und ließen keinen Raum für das Gute. Die nächste Woche sollte seine Glückswoche werden. Da kamen die Wallfahrer vom Lande nördlich des Thüringer Waldes bis aus der Gegend des Eichsfeldes und der goldenen Aue. Lahme und Kranke brachten sie mit zum Idisa-Wasser, die hatten Geld und zahlten wohl ein Silberstück für ihre Genesung. Die Wallfahrer kamen. In Steinheid ließen sie sich nach alter Sitte die Pilgerpässe weihen, doch zum Idisa-Wasser kam keiner. Bis zum Harz und bis zur Unstrut war es schon bekannt geworden, und viele erfuhren es auf dem Wege, daß ein Geizhals das gottgesegnete Wasser der Idisa als Erbe und Eigentum sich beimaß und um des schnöden Gewinnes halber das Bad gesperrt hatte. Vorüber ging der Zug der frommen Wanderer und ging zum ersten Male hinab bis ins sonnige Frankenland. Im Maintale gegenüber dem Kloster Banz war jüngst eine neue Wallfahrtskirche gegründet worden, die hatte als Gnadenort einen Ruf weit und breit. Dorthin strömten am Tage Peter-Paul die Wallfahrer zu tausenden und beteten zu den vierzehn heiligen Nothelfern, denen die Kirche geweiht war und von deren Fürsprache man Hülfe und Beistand für alle Schwachen und Kranken erwartete. Es war auch in Thüringen manche Heilquelle bekannt geworden, die Genesung und Gesundheit spendete. Im unteren Frankenlande, wo die Saale den Fuß der Bodenlaube umrauscht, hat der Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn bald darauf Brunnen und Bäder errichtet, die spendeten Kraft allen, die da kamen, schwächlich und gebrechlich. Heute geht der Ruf dieses Bades bis weit über die deutschen Grenzen hinaus.
Dort an der Bleßbergquelle der Mann, der mit so harten Worten den guten Alten soweit gebracht hatte, daß er lieber sterben als leben wollte, fand keine Ruhe mehr von jenem Sonntage an, da die Wallfahrer die Quelle umgingen und zum ersten Male Vierzehnheiligen besuchten. Heftige Schmerzen stellten sich bei ihm ein, so daß er selbst sein Bad aufsuchen mußte. Täglich schleppte er die müden Glieder dahin, aber von Stärkung, von Genesung keine Spur; schwach und immer schwächer wurde sein Leib. Er warf sich vor der Felsenschlucht der Idisa auf die Knie und tat, was er schon fast verlernt hatte: er betete. Flehentlich rief er Idisa beim Namen und schwur bei allen Heiligen, ihr alles zu opfern, was er besitze, – umsonst!
Bleich vor Schrecken und zitternd vor Angst stieg er wieder und wieder in das Wasser seiner angebeteten Göttin, kalt und schaurig umfängt es ihn, ein Frösteln zieht ihm durch alle Glieder, er ruft nach seinem Golde, nach allen Schätzen, sie dem Wasser zu opfern, er stößt einen gräßlichen Fluch aus gegen Idisa, die dem Wasser die Heilkraft genommen: da sieht er in Todesängsten zwei weiße Arme aus der kalten Flut sich erheben, die ihn eisern umfassen und niederziehen. Die Erde erbebt, der Felsblock zerspringt und zum Strom wird Quelle und Bächlein. Die stolze Mauer stürzt und rauschend strömt die Flut durch den blühenden Garten, alles mit sich niederreißend, Haus und Steinwand, Büsche und Bäume. Verschüttet und verschollen blieb der talwärts getriebene Leichnam des Fremdlings. Versagt blieb ihm ein ehrliches Begräbnis.
Als die angstvoll in ihren Häusern verborgenen Bewohner von Stelzen nach dem Sturm sich wieder herauswagten, war von aller Herrlichkeit um Haus und Quelle keine Spur mehr zu sehen. Ruhig war das Wasser zurückgetreten in sein kleines Bett, und murmelnd floß es talabwärts wie ehedem.