Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und bedeckte ihr den Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr weiter schmälen konnte. Dafür lachte sie um so übermütiger, und Marga mußte mitlachen.
Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt. Sie setzten sich in den Garten, und Elli schrieb an Vater Richthoff vier enge Seiten. Zwar keine „Gefühlsduseleien”, aber erst recht keinen Tatsachenbericht, sondern lauter tolles Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das „Zuckerwasser” für Käthe.
Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. Das erste sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln und voller lustiger Menschen keuchte stromaufwärts. Vom nächsten Dorf trug ein launischer Frühwind den Klang der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ...
Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, Perthes und sie wären so weit noch nicht und wollten es erst miteinander versuchen. Als Perthes am Morgen nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder auf der Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders empfangen, als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” meinte er entrüstet. Aber Margas Gewissen hatte sie schon in der Nacht, die sie schlaflos verbrachte, mit Vorwürfen und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies sie Perthes, wie unbesonnen und unrecht es wäre, sein Schicksal und das ihrige zu verbinden, und was sie sagte, kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang sich zu dieser schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur es so verlangte. Wußte er denn, was es hieß, mit einer blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte er eine Ahnung von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die ihm, dem Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an Seite mit ihr, ins Leben trat, in die Welt, die ihr ewig fremd und verschlossen bleiben mußte, unter Menschen, die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln zucken würden? Was half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer Liebe jede Demütigung gern auf sich nahm — ihn, den Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen Mann mußte eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll vorausfühlte, wundreiben und unglücklich machen mit ihren tausend unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden Kleinigkeiten. Mitleidlos gegen sich und ihn ersparte sie ihm keine von den Wahrheiten, die sie in den langen Stunden der Nacht gesammelt hatte.
Freilich — die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als wenn sie ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte. Je mehr Hindernisse und Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, um so beredter und temperamentvoller verfocht er seinen Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen, was er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und Gehabe anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen Kopf seinen eigenen Weg gefunden? Und nun, wo er durch Marga erst recht und ganz er selbst wurde, sollte er gegen die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da in der Nacht ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, das sie ihm ausstellte!
Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht zufrieden. Er mußte Schritt für Schritt erobern, was er an einem Abend im Sturm und für immer gewonnen zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen nur zu einem feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und keinesfalls täglich. Auch wegen des Geredes der Leute nicht. Sie wollten sich einer dem anderen so offen und natürlich geben, als sie nur konnten, um sich immer besser kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen Vertraulichkeiten hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch doktrinär veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: das zärtliche „Du”, das im Glück des ersten Verstehens eingerissen war, wurde verpönt. Sie wollten sich „Sie” und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem etwas herzlicheren Handkuß durfte nicht die Rede sein.
Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes am entschiedensten.
Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar Marga sofort herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet in eine so hilflose Erregung, bat ihn so inständig, ja flehentlich, ihr zu folgen, daß er nachgab.
„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Für Kasteiungen hab' ich gar kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all der schönen Reden, nicht, zu was sie gut sein sollen.”
„Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch mißlingt und wir nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen nicht zu schwer wird.”