Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel ernste, beinahe schwermütige Überzeugung in ihre Worte, daß er es nicht fertigbrachte. Er dachte nicht daran, ihre pessimistische Auffassung gelten zu lassen. Aber die ängstliche Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte, die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz sich so streng und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte ihm Achtung ab. Wenn er auch bei sich dachte, dies drakonische Hausgesetz bleibe ein Unding, weil es einen neutralen Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen Liebe und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff er doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches Gewissen sich mit dem Neuen abfinden konnte.

Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem „Gesetz zur Verhinderung der Liebe”, wie er es nannte, seine Sanktion erteilt.

Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei Menschenkinder jung und aus Fleisch und Blut sind. Es wäre zwischen Marga und Perthes auch so gekommen, wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte, diese zimperliche Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit ihrem Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt bleiben konnte, nicht jede Gelegenheit benutzt hätte, um diesem „faden Platonismus” mit Scherz und Spott auf den Leib zu rücken.

Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekürzt getauft wurde, leidlich voll zu Recht.

Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um Stück von ihrem wohlgemeinten, aber doch nur in der Theorie möglichen Zwischensystem abbröckelte. Da wurden zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen Besuchen auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war es ganz selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag kam, manchmal sogar zweimal, und an einem Sonntag blieb er vom Morgen bis zum späten Abend. Das nächste Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und Perthes war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Aber alle Sticheleien verfingen nicht. Marga blieb fest und stellte sich taub für die dicksten Anspielungen; und Perthes wollte sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht irremachen.

Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht zu einem abgefeimten Trick.

Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt so selten nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle blieben, ließ sie ihrer Ausgelassenheit alle Zügel schießen und riß jeden, auch Marga, in ihre übersprudelnde Laune hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ die Augen lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage vor, daß wir zwei Schmollis machen!”

Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm Fräulein Sausewind war, wurde doch von diesem freundschaftlichen Anerbieten überrumpelt. „Mit Vergnügen!” erklärte er. „Aber ich muß da höheren Orts erst anfragen.”

Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an Marga. „Marga, Sie haben wohl nichts dagegen? Da es Ihre leibliche Schwester ist, die mit mir schmollieren will.”

Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt drein. „Elli ist wohl 'n bißchen beschwipst?” meinte sie ausweichend.