„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte Perthes beruhigend.

Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie noch einmal seine Hand fest und dankbar ergriff. Es kam ja doch alles, wie es wollte. Er sollte sie nicht für kühl und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete von Liebe, und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein, ihr Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...

Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten Augusttagen zu Ende ging.

Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch auch den beliebten Spaziergang nach der Sägemühle sich nicht nehmen ließen, drohten allerhand Fährlichkeiten. Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab es hier wie überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen „immer mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise herumreden, und wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben und entstellt, zu Vater Richthoff und Käthe sich verirrte!

Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga mahnte immer wieder zur Vorsicht.

Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, die mit irgendeinem Kränzchen von älteren jungen Damen mindestens einmal die Woche auf der Sägemühle erschien und, während sie die „lieben, lieben Mädels” ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während einer dieser zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten. Kaum hatte er jedoch die Schwierigkeit der Lage erkannt, so ging er wie der älteste Bekannte auf Fräulein Grasvogel zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute Cousine mit einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme, als schätze man sich seit Jahren, und sagte: es sei reizend, daß sie mit den beiden Fräulein Richthoff einen Ausflug auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von ihr umständlich erklären, die „lieben, lieben Mädels” seien nicht mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige Wochen, und war über die Neuigkeit aufs angenehmste verwundert. Elli biß sich die Lippen blutig, um ernst zu bleiben. Marga gab recht unsichere und zerstreute Auskünfte über die Verpflegung auf der Mühle und die Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens sehr korrekt von allen dreien und tauchte erst wieder auf, als die Luft rein war.

Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach einmal mit dem Wagen die Landstraße entlang fuhr, als man, dem mäßigen Wetter vertrauend, paarweise dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ ein Besuch von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem Gehöft zu vieren picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. Elli erfand eine ganze Räubergeschichte. Aber ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm und eine undurchdringliche Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans Pathologische streifenden Musikleidenschaft ein Thema, das die Unterhaltung leidlich in Gang hielt.

Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht selten im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete. Es fiel ihm bisweilen abends ein, daß er nach ärztlichem Ratschluß neben seinen geistigen auch seine körperlichen Funktionen nicht völlig vernachlässigen sollte, und dann arbeitete er mit zerstreuter Hast die Landstraße ab bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter Verachtung aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das Bier so abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends bald zu kochen anfing, und hatte von der Umwelt keine Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter seines Freundes Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war er so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie. Sein unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, und sein Sinn blieb, trotz aller Herzlichkeit, zur einen Hälfte doch immer an den Ufern der heiligen Ganga.

Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater Richthoff selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, benommen. Marga und Elli hatten pflichtmäßig vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen, und der bewegliche kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald mal auf der Mühle „Generalrevision” halten. Er hatte zur Bekräftigung seine eine Hand würdevoll auf die lahme Hüfte gelegt, die andere in die Brust gesteckt und die Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte, Augen und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren. Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne Folgen. Nur die drei Wilmannstöchter kamen einmal zum Kaffee auf die Sägemühle, nachdem sie sich vorher artig durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie entschuldigten ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald einem Jahrzehnt sich mühte; die bescheidene, aufopfernde Mama half dabei täglich ihre fünf bis sechs Stunden. Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß von dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze Familie Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen reisen wollte.

Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, genau einen Tag vor Semesterschluß.