„Mit wem waren Sie denn zusammen?”
„Mit mir und mit dem Führer!”
„Nur mit dem Führer?”
„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flüchtig nach ihm zurück. „Ich finde das viel aparter und origineller, als wenn Moritz oder sonstwer mich immer als Dame schont und bemuttert!”
Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören, aber sie schien dazu heute nicht aufgelegt. Seine Augen ruhten auf ihrer leichten, schlanken Gestalt. Durch ständiges Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre Formen in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die Arme und Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank; aber ihre Art, sich zu bewegen, fest und geschmeidig zugleich, gab dem Körper eine reizvolle Harmonie, die nichts Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen schien sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei war ihr Gang weder schwebend noch geziert, sondern von jener kecken Freiheit, die zu dem spöttelnden Leichtsinn ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und dasselbe sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, in ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das seine Vernunft und Geradheit sich wehrten, und das doch, ohne daß er es sich gestand, ihn nicht losließ.
Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie über die Schulter warf, die Sehenswürdigkeiten des Parks. Da war ein Gedenkstein vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer Opferschale gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime Rat behauptete fest und steif, es sei eine Erinnerung an Goethes Besuch auf dem Stift. Dann brüchiges, efeuüberwuchertes Gemäuer, verfallene Stufen, die in die Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein halber Turm aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, allerdings selbst mit einer gewissen Skepsis, für den Rest eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten erklärt hatte. Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei ermutigte, ein ... Doch da klatschte es schon derb auf das hohe Blätterdach der Bäume und fuhr mit scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen brach los.
„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem Gelächter.
Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne den Weg einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch.
Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch den niederfahrenden Regen bestimmt, setzte ihr nach. Kurz vor der niederen Bogentür der Kapelle, die fast märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen auftauchte, überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn. Die alte morsche Tür hielt der doppelten Last nicht stand, sondern knarrte aus dem Schloß. Eins am andern Halt suchend, gelangten sie mehr im Fall als im Schritt in den dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich verdutzt und lachend an.
Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen gedeckt, so daß es beinahe finster in der Kapelle war. Sie war möglichst als Gotteshaus erhalten. Ein Hochaltar aus der Kölner Schule — die süßliche Madonna in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden Stifter —, Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, traten, von einem Streiflicht getroffen, aus dem Dunkel der kleinen Apsis. Alice zog einen der Vorhänge auseinander. Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten Chorstühle an den Wänden, Bilder der Stationen Christi, die blanken Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen Empore. Das halbe Gewitterlicht von draußen gab eine fahle, wunderliche Stimmung.