Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes haltgemacht. Er sah nicht zurück; aber er sah auch nichts von dem milden Zauber des aufgeklärten Sommerabends vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs nach der Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort — das wußte er. Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg wollte er — so hatte er versprochen — sich und sie entschädigen und wieder einmal über das Abendbrot bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun können.

Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort zu halten.

Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben Wegscheide den Wagen lieber zur Mühle als zum Stift fahren heißen. Jetzt schrak er vor dem Gang, die Landstraße abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem vertrauten Garten. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen und preßte die Hand gegen die Stirn. Was war eigentlich geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich nichts vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und kein Wort, noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen. Und doch lag es wie ein dunkles, erstickendes Gefühl von Unrecht, ja von Schuld auf ihm.

Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens, schimmerten zwei helle, sommerliche Kleider. Arm in Arm traten zwei Mädchengestalten auf die Landstraße. Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die Hand vor die Augen und spähte die Straße entlang.

Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um hinter einer Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. Im nächsten Augenblick, als er sich dieser Bewegung bewußt wurde, mit der er sich verleugnete, wurde ihm auch seine Gemütsverfassung erschreckend klar.

Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, war das andere! War das, was er für Marga nicht empfand und nie empfinden würde! Die Leidenschaft, die zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die Vernunft auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, zurück nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm — Alices spitzbübisches Gesicht mit der kecken Stupsnase, den graugrünen, boshaft flackernden Augen, dem lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke von rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter; ihre biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und hielten ihn fest. Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, sie an sich zu raffen. Sein Mund suchte den ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die Leidenschaft nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten — war über sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!? Und sie rächte sich ja schon! Sie wollte nicht übersprungen sein. Gewiß — seine Ansicht hatte dem Willen diesen Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den er unterschätzte, erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame des Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, war ihm mit einem Mal deutlich. Wie ein Schwimmer hatte er sich mit einem heftigen, entscheidenden Stoß ans feste Land geworfen — und nun kam die Woge, die er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn wegspülen. Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der großen Stille, sondern dem Sturm —

Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben, hatte Perthes mit aufgeregten Schritten den Weg nach der Stadt und nicht nach der Mühle eingeschlagen.

Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ er sich schon fortspülen?

Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank in der Uferböschung. Linkshin sah man nach dem Tal, rechtshin nach der im Dunst verschwimmenden Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen unmittelbar aus dem Fluß aufzusteigen schien.

Dort setzte er sich.