„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Verstimmt oder nicht, ich bin hungrig!” Er wunderte sich selbst über seinen rauhen, unfreundlichen Ton, unter dem sich seine innere Unfreiheit verbarg. „Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für mich!” setzte er artiger hinzu.
„Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum bitten!” Elli stand auf. Sie drohte mit dem Finger. „Sonst hätten Sie lange warten können. Sie scheinen ja hübsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die Wirtsstube.
Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt. Es bedurfte nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen. Sie nahm ihm seine Barschheit nicht übel. Aber mit der feinen Witterung, mit der die Natur sie für ihre Blindheit entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues hinter seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte sie noch einmal seine Hand zu erreichen.
„Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!” drängte sie sanft. „War's denn gar nicht ein bißchen nett auf dem Stift?”
„Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt, ehe ich herkam. Darum wurde es so spät.” Er hatte ihr seine Hand einen Moment überlassen. Sie streichelte sie begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen. Er ärgerte sich auch, daß er log. Warum das? Das war abscheulich! Sie hatte ihn gar nicht aufgefordert, sein Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach nur, um zu sprechen.
Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie um sie von jeder neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie schlüpfte gleichsam in sich hinein und grübelte beklommen.
Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen war. Eine Studentengesellschaft, die gegen Abend eingefallen war, hatte unter den Vorräten tüchtig aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte, was sie hatte.
Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war nur Täuschung gewesen.
Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune wollte keine Unterhaltung aufkommen lassen. Das Schweigen, an dem er selber schuld war, nahm ihm vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob er den Teller beiseite.
Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und lief trällernd in den Garten.