Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich möchte was Wichtiges mit dir bereden, Marga. Hör' mich mal geduldig an!”

Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet sie nicht, denn sie war sich keiner Ungeduld bewußt. Aber schon daß Perthes wieder sprach, und zwar ruhiger, freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.

Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst seine Art war, entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis zwischen ihm und ihr schien ihm auf die Dauer unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen. Es legte ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf der Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte das noch viel unbequemer werden. Und erst wenn Vater Richthoff zurückkäme! Wie sollte sich da das Versteckspiel weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich für sie beide vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste, sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung. Das hob alle Zweideutigkeit auf. Das war auch jetzt, wo er eine aussichtsreiche Stellung innehatte, nur natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und jenes, auf das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich erfüllte, war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten.

Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er sagte, kam ihr überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer Liebe sich mehr und mehr erschweren würde, darüber hatte sie bei sich auch schon nachgedacht. An die Lösung freilich, die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell nicht getraut. Und doch — es war nicht der unerwartete Vorschlag, der sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine Gründe, war die Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. Der Ton, der unter den Worten mitschwang. Sie hätte nicht auf den Begriff bringen können, was sie befremdete. Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war — deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei seiner Ankunft ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien gar nicht mit ihr zu reden, sondern mit sich: mit den Mitteln kühler Überlegtheit verteidigte er sich gegen einen Gegner, den er sich offenbar voll Leidenschaft und Unbesonnenheit vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese Gegnerschaft auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren.

Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern auf dem Tisch, als könnte er Margas Antwort nicht abwarten. Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, sich zu sammeln, als er beinahe ungehalten aufsprang.

„Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht? Oder bist du anderer Ansicht?”

Marga schüttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur unerwartet. Ich muß mich erst in das Neue hineindenken.”

„Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser Heimlichtuerei und Halbheit ein Ende machen will!” Er ging mit lauten Schritten in der Halle auf und ab. Sie konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war. Er biß sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere über die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes Haar. Sie hörte, was sie nicht sah, aus dem Klang seiner Stimme, aus der fahrigen Härte seiner Tritte.

„Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein bißchen Zeit. Wir können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.”

„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach dem Gegenteil!” stieß er vorwurfsvoll hervor.