Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie suchten nach ihm, bittend, besänftigend. „So was darfst du nicht sagen, du! Das hört sich ja an, als hätte ich dich nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine Liebe ankäme — das weißt du — dann —”
„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa daran, daß ich in zwei, drei Jahren mich so weit bringe, daß wir unser Heim gründen können? Sehr großartig wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine erste Assistentenstelle an einer kleineren, auswärtigen Klinik vielleicht. Später eine außerordentliche Professur und so weiter. Das trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre öffentlich verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, als heimlich so lange herumzulavieren. Auch angenehmer für dich. Oder meinst du, daß dein Vater —” Er sah zu Marga hinüber und hielt inne.
Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses herrische, gereizte Drängen, dieser Stolz, der nur von sich sprach, seine fast feindselige Heftigkeit verletzten sie. Sie mußte unwillkürlich seiner ersten Werbung gedenken, die so anders geklungen, so voll Zartheit und Achtung. Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.
Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und legte die Hand auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, ich will dich ja zu nichts zwingen! Vielleicht bin ich auch heute nicht in der besten Stimmung, um die Worte recht zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig sein! Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun einmal Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen real angefaßt sein! Das ist alles!”
Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch jetzt noch, wo er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, sagte er Dinge, die Marga in die empfindliche und zarte Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig, zu ernst, zu weich — vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre Tapferkeit aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen. Wenn er sie jetzt an sich gezogen, sie in seine Arme genommen hätte! Gewiß hätte sie das rechte Wort gefunden! Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre Lippen waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht war sie jetzt, wie in ihren einsamsten, unverstandensten Mädchentagen.
Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen als Trotz oder wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich bin müde. Und wir kommen heute doch nicht zueinander!” Er nahm seinen Hut. „Überleg' dir, was ich sagte, bis zum nächstenmal!”
„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von ihren Lippen.
„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der Klinik und muß ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu, Marga!” Er drückte ihr die Hand. „Wann fahrt ihr denn nach der Stadt?”
„Übermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort.
Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der Wirtsstube entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim Bezahlen seiner Zeche ein paar Worte. Dann knarrte die Tür, die von dort in den Garten führte.