Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? Warum lief sie nicht hinter ihm drein?
Sie saß wie gebannt.
Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute zum erstenmal nicht. Heute, wo sie davon gesprochen hatten, ihre Verlobung zu veröffentlichen; wo zum erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar die Rede gewesen war!
Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände.
Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut gewesen. Sie hatte sich in ihrer Einsamkeit — während Elli in der Stadt, er auf dem Stift war — so glücklich gefühlt, so bräutlich stolz. Als dann Elli zurückgekehrt war, wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur von ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem Herzen. Als er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen zu müssen vor seliger Ungeduld. Wie niedergeschlagen war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es in ihr, als er doch, doch noch kam!
Und jetzt?
Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen; von dem, was bisher nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, kaum faßbares Bild im Schimmer der Zukunft gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich freuen! Gewiß — sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht. Sie war schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre Freude nicht jetzt? Woher die Bangigkeit, die drückende, quälende Angst, die sie statt ihrer empfand? Sie fühlte die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere um sich, und aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen ihn und sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; für den sie sich schalt; den sie nicht verscheuchen konnte. Konnte die Liebe so sprechen, wie er es getan? Wenn seine Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt? Wenn es Mitleid war und wenn — doch das war ja nicht auszudenken, das war ja frevelhaft von ihr! — und wenn er auf ein öffentliches Verlöbnis nur drang, um — ja, um jede Brücke zur Umkehr hinter sich abzubrechen?!
Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem Schal und fand ihn nicht.
Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher nahm sie das Recht zu diesem häßlichen Verdacht? Es half nichts, daß sie so fragte. Angst und Zweifel ließen sie darum nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als diese Liebe! Schranke um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz errichtet, war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften Glück, ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. Sie war wehrlos, wenn das Entsetzliche sich erfüllte, daß — daß ...
Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen. Auf der Landstraße, auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert war. Einen Gruß hatte er ihr noch für Marga aufgetragen. Und einen Kuß.