„Du kannst ja schon recht haben,” erklärte sie schließlich traurig und verlegen. „Was andere können, kann ich natürlich nicht. Das hab' ich ihm auch schon oft genug gesagt.”
„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich vor Vergnügen auf die Lippen biß.
„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit mir sein wird. Und großartig werden wir's wahrhaftig nicht haben. Im Anfang mal sicher nicht. Wenn es schon im Haus nicht so wird, wie er's erwartet — unter den Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts nütze.” Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß, aber nicht, um „hohe Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt vor sich hinzugrübeln.
Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie lachte sie aus, daß beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen.
Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz für bare Münze zu nehmen! Im Handumdrehen machte sie aus dem Haus Perthes eine Musterwirtschaft. Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche, peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein sollte! Marga mit ihren geschickten Händen, ihrem guten Geschmack, ihrem klaren Kopf würde eine bessere Hausfrau werden als zehn andere mit zwanzig und mehr Augen! Und dann wäre auch sie noch da — die Schwägerin Elli! Ihr würde man doch wohl nicht das Haus verbieten. Sie wollte die Geschichte schon im Schwung halten, wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie —
Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte doch lachen. Und während sie ihre Arbeit des Silberputzens wieder aufnahm, ließ sie sich gern überzeugen, daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger Wunsch und Wille ...
Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die Stadt Blumen geschickt. Für Marga hatte ein kurzer Brief beigelegen, in dem er sie für seine schlechte Stimmung am letzten Abend auf der Mühle um Verzeihung bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der Verlobung stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, daß er nicht in sie drang. Dafür kam sie selber beim ersten Besuch, den er am Wenzelsberg machte, darauf zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen Gedanken, die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes Vertrauen wieder gutmachen, stimmte sie freudig zu und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf der Schwerfälligkeit hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück und kämpfte jeden Schatten eines Zweifels, jede Regung mißtrauischer Sorge um ihr Glück tapfer nieder.
Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der Klinik enthielt er sich kritischer Überlegungen. In Erinnerung an den Gewitternachmittag auf Nieburg vermied er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob auch alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen konnte. Er hatte sich vorgenommen, nicht rechts noch links zu sehen: für ihn galt nur Marga; das Wort, das er ihr gegeben; der Entschluß, den er für sie beide gefaßt. Über eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit nicht nur eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga war die Reife und Vollendung, nach der er innerlich strebte. Eine Vollendung mit Schmerzen, wie alle Vollendung im Leben. Wenn er aber zu ihr nicht hinaufreichte, in Marga die große Stille nicht begreifen und sich zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein Aufwärts, sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit und Halbheit, ins Gelebtwerden statt ins Leben aus eigenem Willen. Darum biß er die Zähne aufeinander. Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem er um Marga stritt ...
Es wurde Mitte September.
Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und einladend, als es nur sein konnte. Auch das schwerste Stück Arbeit, Vater Richthoffs Studierzimmer instand zu setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle gerückt, eine aufgeschlagene Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel verschoben wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt. Man erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag die Nachricht aus Bayern, die die Ankunft meldete.