Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen Kaisern trotz Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig in sich wachsen gefühlt. Eine so lange, faule Ausspannung war unerhört. Sein Gewissen fand nur darin Beruhigung, daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen für die erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” brachte. Da gab es doch gleich alle Hände voll zu tun.

Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem alten, mächtigen Qualm.

Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu „Nikotinlosen” hatte beschwatzen lassen. Das ausgemachte Stroh war das! Aber die römischen Gewaltherren zeigten sich wenigstens nicht weiter beleidigt von dem schlechten Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken, aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen Profilen und tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und sie sollten die paar Wochen vor Semesteranfang bei Gott nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell stehen. Dafür wollte der alte Herr sorgen!

Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung sehr nahe bevorstand.

An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft hatte Käthe ihre Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht. Lizzie besaß neben ihrer verzehrenden Leidenschaft für Musik, die sich kein Konzert und keine Opernaufführung entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für Klatschereien jeder Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes Besuch an Andeutungen über Herrenbesuche auf der Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff die Freude an der ganzen Reise nachträglich zu verderben, lag ihr natürlich fern. Er sollte im Gegenteil von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie möglich erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli etwas zu hören bekommen sollten!

Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den Kopf zurechtzusetzen. Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, und zwar noch am selben Tag.

Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli war einfach nicht kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der älteren Schwester beantwortete sie mit einem fröhlichen, höchst despektierlichen Lachen.

„Laß nur gut sein, Gouvernantchen!” erklärte Elli fidel. „Wir, Marga und ich, haben uns inzwischen unbedingt mündig gemacht. Bei mir hast du gar keine Aussicht auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben. Versuch's mal mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber bös blamieren! Ich weiß, was ich weiß, und ich warne dich! Heißa juchhei!” Elli schlug klatschend die Hände über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes Augen außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze sah aus, als hätte sie und nicht die Schwester in den bayrischen Alpen schuhplatteln sehen.

Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen durch eine stolze Flucht. Am Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ernst sein können ist alles. Wie sind Menschen zu bedauern, die von diesem großen Geheimnis, das allein das Leben lebenswert macht, keine Ahnung haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist seltsam, daß in einer und derselben Familie, unter Geschwistern die Anlagen zu Ernst und Leichtsinn so ungleich verteilt sein können!”

Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene Aussprache nur vertagt, nicht aufgehoben. Das durften sich „die Kleinen” nicht einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes Benehmen so hingehen ließ!