Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli verständigte vielmehr Marga von dem, was drohte. Und Marga, die nicht so kampflustig wie Elli war, sah ein, daß es nun das beste wäre, nicht länger zu zaudern, sondern Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis abzulegen, ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche Dinge zugetragen wurden.

Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen und nichts gehört. Es galt, zuerst seine Meinung noch einmal einzuholen. Elli beförderte ihre Zeilen, die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie fing auch die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig. Aber sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit nicht mehr von ihm erwarten durfte. Hupfeld war verreist, und es ruhte auf den Assistenten die doppelte Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank war. Die Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte ihren Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag und Stunde unter ihnen festgesetzt war.

Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich seinen Gang auf den Weinberg gemacht, auf Schnecken gefahndet, die drei Trauben, die es gab, kolossal gefunden, sich über die zeitige, hohe Röte des wilden Reblaubes am Philosophenweg gewundert und war dann, seines Kaffees gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an seinen Schreibtisch gegangen.

Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.

Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift auf die flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel auf dem in seine Nähe geschobenen Tablett lauter als sonst klirrten, sah er auf. Er wußte, daß in dieser Woche die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee zu bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch Marga vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte selber die Tasse dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten beeinträchtigen konnte.

„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, sich wieder ans Schreiben machend.

„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu dürfen,” erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit, in der ihre Erregung durchzitterte.

„So —” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb hingehört. Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre Geister.

„Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” ließ sich Marga nach einer Weile schüchtern von neuem vernehmen.

„Ach so — du bist noch hier?” Er rückte ganz erstaunt an seiner Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! Ich hab' unbändig zu tun, Mädel!”